Und meine Tränen wurden rot Groschenreisen
"Lieber frei wie ein Vogel, als im goldenen Käfig zu sein."
"Ohne Geld sind wir vogelfrei."
Mecklenburg-Vorpommern
Friederike liebte Landschaften mit Seen, sie aß gern
Fisch. Als sie die Fischfabrik betrat, stank es nach Fisch, Kälte
schlug an die Haut. Im Büro hatte sie die Heizung an- und abstellen
können. Wenn sie im Büro den Schreibtisch verschieben wollte, hatte sie
die Schubladen herausgezogen. Sie durfte nicht die Fische ausschütten,
damit die Kisten, die sie schleppen sollte, leichter werden. Ein
Rückenwirbel schabte am anderen und verrutschte. Sie schrie auf. "Ich
habe auch manchmal einen Schub", sagte die Frau neben ihr, "Wenn der
Schub ist, werden die Fische groß und ich kann in ihnen spazieren gehen
wie in einem Kunstmuseum. Ich habe das Herz zwischen den Säulen, die
sie Gräten nennen, schlagen sehn."
"Bist du auch aus Berlin?"
"Haben sie dich hergeschickt?"
"Heute früh kam ein Anruf. Ich mußte ein Gesundheitszeugnis besorgen. Nun bin ich in der Nachtschicht."
"Es geht schnell, daß man verschickt ist. Tut es sehr weh? Wenn du zum
Arzt gehst, weil du traurig bist, geben sie dir Neuroleptika. Wenn du
wegen Schmerzen hingehst, sagen sie dir, daß du eine Psychose hast oder
fragen dich, ob du arbeitsscheu bist."
"Du arbeitest."
"Sie fragen dich, ob du drei Stunden am Tag arbeiten kannst. Du sagst
′Ja′ und bist zehn Stunden drin. Ich dachte, ich hätte eine Psychose,
aber ich konnte normal darüber reden, das machte sie mißtrauisch, sie
gaben mir Medikamente, damit ich nicht mehr soviel rede, aber weißt du,
was es war?"
"Was?"
"Ich wollte Politikerin werden."
"Das war es?"
"Ich war gewählt. Wir hatten aber über den gelacht, der gesagt hatte,
daß sie für die Geheimdienste mit LSD experimentieren, um
rauszukriegen, wie es Menschen kaputt machen oder töten kann. Er tat
LSD in ein leeres Bierglas und gab es in den Abwasch. Die Spuren haben
gereicht. Ich habe das später als Gerücht gehört. Ich muß nun mit toten
Fischen kämpfen, um mich ernähren zu können."
"Ich habe Hunger. Wann ist Pause?"
"Sie sagen, du kannst Fisch essen, wenn du Hunger hast."
"Im Ort ist kein Laden."
"Ohne Auto bist du verkrüppelt."
"Der Lohn ist zu niedrig."
"Du mußt etwas schwarz tun, um beweglich sein zu können. Aber wenn du etwas schwarz tust, bist du erpreßbar."
Zwischen jedem Satz vergehen Minuten, weil sie arbeiten müssen.
Friederike sagt am nächsten Morgen: "Ich grüße, sie grüßen nicht zurück."
"Ihr nennt uns Fischköpfe. Fische reden nicht."
"Sie sagten, es sei eine Abkürzung. Aber als ich da lang ging, war ich im Sumpf."
"Ihr kommt und nehmt uns die Arbeit weg."
"Wir müssen."
"Sie müssen euch kein Kranken- und Urlaubsgeld zahlen."
"Warum haust du nicht ab?"
"Meine Eltern sind hier."
"Mein Sohn ist in Berlin."
"Man braucht Verwandte, wenn die Politiker nur noch von Geld reden.
Wenn du rauswillst, mußt du aufpassen, daß du nicht in die Psychiatrie
kommst. Eine Frau fuhr mit dem Auto langsam, weil sie müde war. Die
Polizei sagte, daß sie schlafen muß. Sie telefonierten, es war nur ein
Bett in der Psychiatrie frei, sie kam am Morgen nicht raus. Du klopfst
an die Tür, weil du rauswillst, die Schwester sagt: ′Sie sehen ja, wie
verrückt Sie sind′, weil du an die Tür geklopft hast. Wenn du nichts
sagst, ist das auch verrückt. Ich hatte gesagt, daß ich keinen
Selbstmord machen will. Die Frau im weißen Kittel fragte: ′Warum
nicht?′ Ich sagte: ′Die Sonne scheint′, da haben sie mich eingesperrt,
sie dachten, ich würde mir das Leben nehmen, sobald es zu regnen
anfängt."
Als Friederike aufs Klo ging, stellte sie fest, daß sie nicht mehr
blutete, "Die Kälte ist in mich gekrochen." Sie schrieb ihrem Sohn,
"Ich weiß nun, wie das ist, wenn man innen vereist." Er war
Alkoholiker. Er trank nicht. Er borgte ein Auto, um sie abzuholen.
Seine Hände zitterten. Er kam an, sie stieg ein.
"Wie schön die Seen sind", sagte sie.
"Willst du heute Abend Fisch essen?"
"Heute nicht."
Ein Regentropfen fiel auf die Scheibe, Wind wehte ihn weg.
"Du mußt zuerst zum Arzt."
"Ja", sagte sie, "Sonst streichen sie mir das Arbeitslosengeld. Es brennt beim Pinkeln und die Schulter tut weh."
"Du mußt Dreck essen. Dann kriegst du Würmer. Dann lassen sie dich von
den Fischen weg. Großvater hat das gemacht, daß er sagte, daß er
Thyphus hat, um nicht ins Lager zu müssen."
"Wenn ich Dreck fresse, stecken sie mich in die Psychiatrie. Du weißt nie, wo eine Kamera ist."
Als sie im nächsten Morgen Blut zwischen ihren Beinen sah, war sie für Momente glückselig.
"Ich bin aufgetaut", sagte sie und lächelte.
"So darfst du den Arzt aber nicht angucken", sagte der Sohn.
Kalifornien
Tom hatte seine Eltern totgeschlagen, "Ich wollte, daß sie mir nicht mehr wehtun."
"Sie hätten weggehen können."
"Es gibt keine Jobs, sonst hätte ich mich nicht so aufgeregt."
Der Rechtsanwalt glaubt, daß er Toms Hinrichtung nicht
verhindern kann. Er sucht nach einem Psychiater, der Interesse an einem
Experiment haben könnte. Mitarbeiter einer Forschungstation für
Weltraumflüge reagieren und schreiben Anträge.
Tom wird begnadigt, um nützlich sein zu können. Er wird
in eine Klinik überführt, sein Zimmer hat Gitter, hinter den Gittern
ist ein Garten, Vögel zwitschern. Er fühlt sich allein. Er erhält
Spritzen, schläft ein, wird in einen Operationssaal geschoben, sein
Schädel wird aufgebohrt, ein Skalpell schiebt sich zwischen die
Hirnhäften und schneidet die Nervenstränge durch. Sein Gehirn ist
geteilt.
Er leidet daran, daß er sich nicht mehr versteht. Seine
Hände und Füße bewegen sich fremdartig. Stimme und Worte passen nicht
mehr zusammen. Er ist sich sicher, daß er sterben will. Der Arzt sagt,
daß er trainieren soll, die Hirnhälften abwechselnd zu gebrauchen.
Falls es ihm gelänge, einen Zwölfstundenrhytmus einzuhalten, könnte er
als Kosmonaut Tag und Nacht arbeiten.
Die linke Hirnhälfte notiert Informationen, die rechte
Hirnhälfte kann sich den Text vorlesen, aber nicht verstehn. Die linke
Hirnhälfte beginnt mit farbigen Scheiben zu arbeiten. Eine grüne
Arbeitsscheibe sagt, daß die Situation unverändert ist, eine rote, daß
die rechte Hirnhälfte nach Veränderungen suchen muß. Die rechte
Hirnhälfte gibt Laute zu Protokoll, die linke deutet sie.
Tom fragt, wann er in den Weltraum fliegen darf. Die
Forscher lassen die Tür offen, er läuft in den Ort. Er verliebt sich am
Tag in Frauen, die vernünftig wirken, in der Nacht in die, die
geschminkt sind, auf Zehenspitzen laufen und kichern. Eine der Frauen
ist eine Tunte. Er geht nach zwöf Stunden fort.
Als eine Frau merkt, daß er von ihr zu einer anderen
Frau geht, kreischt sie auf. Beide Gehirnhälften sind wach und jede
will seiner Geliebten beteuern, daß er sie liebt. Die Frauen sehen sich
an und sagen: ′Der ist ja meschugge.′
Tom will in den Weltraum abhauen. Er geht zur
Forschungsstation, der Weg ist vereist, die Tür ist zu. Er klopft,
"Eintritt für Unbefugte verboten."
Grimma
Karen: "Ich will ein Kind."
Arzt: "Ihr Bauch ist in Ordnung.
Karen: "Mein Mann ist nicht in Ordnung."
Arzt: "Sie könnten einen Freund fragen."
Karen: "Er will Anonymität."
Arzt: "Sie haben Geld?"
Karen: "Ja."
Arzt: "Soll ich Samen besorgen?"
Karen: "Könnten Sie das?"
Arzt: "Was soll ich beachten?"
Karen: "Er sollte groß und dunkelhaarig sein."
Arzt: "Wie ich?"
Karen: "Wie mein Mann."
Der Arzt zapft sich Samen ab, stellt ihn in den
Kühlschrank. Als Karen wiederkommt, spritzt er ihn mit einer
Schlauchkanüle in den Bauch der Frau und schreibt eine Rechnung. Er
genießt die Anonymität und daß er weiß, wer die Mutter seines Kindes
ist.
Er läd sie zum Essen ein, sie sagt ab.
Als er sie auf einem Spielplatz sieht, läuft er hin. Er kauft dem Kind
Eis. Als es hinfällt, streichelt er es. "Es ist nicht Ihr Kind", sagt
Karen.
"Ja," sagt er, "Es sieht Ihrem Mann ähnlich."
Karen denkt, daß es ihm ähnlich sieht.
Als ihr Ehemann sie wegen einer Arbeitskollegin verläßt, fordert sie vom Arzt Unterhaltszahlungen.
"Ich kann nichts dafür, daß Ihr Mann sie verließ."
"Es ist Ihr Kind."
Sie droht, sie schreit, er schlägt zu.
"Ich wollte Sie nicht töten."
Der Anwalt: "Sie haben zugeschlagen."
"Das wissen nur Sie und ich."
Die Frau wird beerdigt. Ihr Ehemann sagt, daß das Kind
nicht sein Kind ist. Es kommt in ein Heim. Der Arzt will es adoptieren.
Er hat Geld, ein Haus, er braucht eine Frau. Er heiratet die
Arztgehilfin. Sie liebt das Kind nicht. Er liebt sie nicht. Wenn er aus
dem Fenster auf Fenster sieht, grübelt er, was für Geschichten sich
hinter ihnen abspielen. Er wirkt unaufmerksam, die Zahl seiner
Patientinnen nimmt ab.
Eines Morgens sagt er, "Ich will die Scheidung."
Arzthelferin: "Du hast Zucker."
"Ja."
Sie zieht nachts eine Spritze auf. Er schläft, schreit kurz auf,
erleidet einen Insulinschock und ist tot. Das Kind steht in der Tür.
Sie sagt: "Du hast auch Zucker." Es läuft weg.
New Orleans
Xana war eine Sängerin, die Autogrammwünsche mit einem
Stempelkissen von einer Angestellten erfüllen ließ. Sie verfügte über
eine Stimme, ′die sich bilden kann, wenn man Angst vor Krokodilen hat
und sich in Sicherheit weiß.′ Sie reiste viel. Sie ließ zum Frühstück
im Hotel den Fernseher laufen. Sie erfuhr, daß es Männer gibt, die
Schlüpfer von Frauen stehlen und daran schnuppern. Sie sah den Hotelboy
neugierig an. Aber dann fiel ihr ein, daß es ein schrecklicher Mann
sein könnte, der ihren Duft einsaugt, als habe er den Kopf zwischen
ihren Beinen. Sie kreischte auf und dachte, daß sie aufmerksam sein
muß. Sie will getragene Schlüpfer nicht im Koffer lassen, ′Der Zoll
kontrolliert das.′ Sie will benutzte Schlüpfer nicht im Handgepäck
haben, ′Der Zoll kontrolliert das.′ Sie will Schlüpfer nicht in
Hotelzimmern liegen lassen, ′Es gibt Lesben.′ Sie grübelt, was die
Boulevardpresse schreiben würde, wenn sie tot läge und im Safe
getragene Schlüpfer wären. Sie zerschneidet sie und wirft die Schnipsel
ins Klo. Sie muß denken, daß der Geruch in Ratten Sexlust provozieren
könnte. Sie beschwert den Klodeckel. Sie verbrennt getragene Schlüpfer
im Waschbecken. Der Rauchmelder löst Alarm aus. Sie muß sich neue
Schlüpfer kaufen lassen. Ihre Managerin fragt, ob sie eine Krankheit im
Unterleib hat. Sie liest in der Zeitung, daß ihr Schlüpferverbrauch
hoch ist. Sie wird von Journalisten gefragt, ob sie die benutzten
Schlüpfer verschenke. Sie beschließt, keine Schlüpfer mehr zu tragen.
Sie ist dankbar, daß das Häuserviertel, das sie in New Orleans bewohnt,
eine Ballustrade hat, so daß sie stundenlang laufen kann, auch wenn es
regnet. Wenn die Kleider naß sind, legen sie sich an die Haut. Sie
achtet darauf, daß sie zu Konzerten nicht in einen Regen kommt. Sie
fordert, daß sie auf ebener Erde singen darf, sie hat
Angst, Treppen zu steigen und kopfüber zu stürzen. Sie hält beim Singen
Bruchteile von Sekunden ein, wenn das Wort ′Schlüpfer′ ihr Hirn
durchrast. Es macht ihre Musik brüchiger. "Sie sind ein Sexsymbol
geworden", sagt die Frau, die sie interviewt. "Ich lebe in Amerika",
sagt Xana, sie schwitzt so sehr, daß sich der Stoff des Kleides an ihre
Haut legt. ′Ich brauche mehr Falten′, denkt sie. Sie hat Angst vor
Krokodilen und ist sich plötzlich nicht mehr sicher, daß sie nicht aus
dem Fluß steigen und in die Stadt kommen könnten. Sie ist sich nicht
sicher, daß Krokodile nicht an Hauswänden klettern, durch offene
Fenster kriechen können. Als eine Sternschnuppe vom Himmel fällt,
wünscht sie sich etwas.
Italien
Minello war ein Mann, der auf Buchstabenstraßen in
Fantasien gereist war, die andere Wissenschaft nennen. Als er alt
geworden war, sah er auf dem Papier graue Linien. Er ließ sich eine
Brille geben. Sie lösten sich in Buchstaben auf. Sie interessierten ihn
nicht mehr, die grau-weißen Streifen auf dem Papier hatten ihn an
Häftlingskleidung und Knast erinnert. Er hatte nicht straffällig werden
können. Er hatte Tag für Tag in Büchern gelesen, war morgens
aufgestanden, in die Schule gegangen, um das, was er gelernt hatte, auf
einige Sätze reduziert, an die Tafel zu schreiben und von Schülern
abschreiben zu lassen. "Du bist kein Mann mehr", hatte seine Frau
gesagt. Eines Morgens hatte sie tot gelegen, er hatte sich den Kaffee
selbst kochen müssen, die Schnitten selbst schmieren müssen. "Ich kann
auch das", sagte er zufrieden. Aber dann war das Schwarz auf Weiß
fleckig, als seien die Buchseiten Asche.
Er war als Junge zwischen die ausgedörrten Gräßer
gestreunt, Samen hatte sich an den Hosen, Hemden festgehakt und
Juckreiz auf der Haut ausgelöst. Minello fürchtet das. Er bleibt im
Haus, er greift nach der Zeitung, liest Annoncen, streunt durch die
Stadt, steigt Treppen, "Ich will eine Annonce aufgeben."
"Inhalt?"
"Lehrer. Rentner. Ich suche jemanden, den ich unterrichten kann."
"Rubrik: Jobs."
"Nein. Ich suche eine Familie. Mit Kindern. Ich könnte ihr Großvater sein."
"Das ist teuer. Wenn der Text lang ist." Die Annoncenverkäuferin
schiebt ihm einen Zettel zu, Minello rafft ihn an sich. Ein Mann sagt:
"Für das Geld könntest du Bonbons verteilen. Dann hast du viele Kinder."
Minello: "Ich werde es überschlafen."
Am nächsten Morgen klingelt es an der Tür. Ein Mann
sagt: "Sie brauchen keine Annonce bezahlen. Ich schreibe einen Artikel
über Sie." Der fremde Mann fragt den alten Mann: "Warum haben Sie
selbst keine?"
"Kinder? Ich weiß nicht."
"Sie waren verheiratet."
"Sie kochte, ich unterrichtete."
"Sie haben Ihr Leben lang in Büchern gelesen."
"Und unterrichtet."
"Ich werde schreiben, daß sie zwischen den Worten von toten Menschen
lebten. Als sie merkten, daß sie alt geworden sind, bemerkten sie, daß
sie nie gelebt hatten."
"Ich würde der Familie Geld abgeben."
"Großväter tun das."
"Cheeze!" sagt Minello, als sich ein Fotoapperat wie ein Kanonenrohr auf ihn richtet, Klick macht.
Der Artikel erscheint. Briefe flattern in sein Haus,
Anrufe wecken ihn in der Nacht. Als er die Stimme einer Frau hört, die
der Stimme seiner toten Frau ähnelt, sagt er sofort: "Es tut mir leid."
"Was?"
"Ich will zu Ihrer Familie."
"Zu uns?"
"Ja."
"Aber Sie kennen uns doch noch gar nicht."
"Wenn einer verschollen gewesen war, kannte er auch niemanden so genau, wenn er zurückkam."
Die Frau am anderen Ende der Telefonleitung lacht, "Ich schicke als
erstes einen Kuchen. Wir werden sehen, ob er Ihnen schmeckt."
Enkel und Großvater schreiben einander Briefe. Er liest: ′Ich liebe dich so.′
′Ich will wissen, ob die Mutter das diktiert.′
Er kündigt die Wohnung, stapelt die Bücher neben der Haustür, legt
einen Zettel drauf, "Zum Mitnehmen", er packt wenige
Habseligkeiten in einen Koffer. Er fährt durch Landschaften. Er sieht
aus dem Fenster auf alte und neue Häuser. Die Fenster scheinen Augen,
die Türen Münder. ′Ich möchte ihnen zuhören - können′, denkt er.
Das Kind, das er Enkelkind nennt, geht in die Schule.
Es wirft die Schultasche in die Ecke. "Willst du nicht wissen, wie alles funktioniert?"
"Ich will zaubern können."
"Wenn man etwas kann, was andere nicht können, ist das, als könnte man zaubern."
"Kannst du ein Kind sein?"
"Willst du das?"
Minello geht mit angewinkelten Knien, um kleiner zu scheinen, und
spielt mit ihm Räuber und Gendarm. Ab und zu treibt Wind ein Samenkorn
auf ihn zu, er sieht es an, als sei es eine Schneeflocke in einem
endlosen Sommer. Eines Morgens liegt der Räuber tot und der Gendarm
weint.
Virginia
Mutter: "Ein zwölfjähriger Junge erschoß seine Eltern.
Ich konnte meine Eltern auch nicht lieben, als sie mir drohten, daß sie
mich in ein Heim stecken werden. Ich glaube, sie bedrohten mich, weil
ich ihnen nicht genug Liebe zeigte. Aber ich konnte sie nicht lieben,
weil sie mich bedrohten. Aber ich erschoß sie nicht, als sie mir
drohten, mich in ein Heim zu stecken."
Sohn: "Willst du, daß ich abhaue oder dich erschieße?"
Mutter: "Hast du Hunger? Dein Vater ließ zuerst meine Lieblingsgläser
zu Boden fallen. Ich wußte nicht, ob er tolpatschig war. Dann lag die
Katze tot. Und dann war ein anderes Schloß in der Tür. Er sagte, er
hätte den Schlüssel verloren und das Schloß austauschen lassen müssen.
Ich hatte einen Schlüssel für das alte Schloß. Er hätte nur zwei
Stunden auf mich warten müssen. Ich saß acht Stunden vor der Tür, weil
er eingeschlafen war."
Sohn: "Könntest du dir nicht einen Vater für mich ausdenken, auf den ich stolz sein könnte?"
Mutter: "Dann steht plötzlich ein trottliger Mann vor der Tür und zeigt dir mit einer Genanalyse, daß du sein Sohn bist."
Sohn: "Wie hat er es geschafft, mich zu zeugen, wenn du ihn so haßt?"
Mutter: "Er war charmant. Ich hatte eine Schwäche für charmante Männer."
Sohn: "Sie sind schwul."
Mutter: "Du willst sagen, daß du schwul bist?"
Sohn: "Ich bin nicht charmant."
Mutter: "Weil du weißt, daß charmante Männer schwul sind. Du willst
nicht schwul sein. Ich wollte schon immer einmal nach Europa. Wenn ich
mit deinem Vater über die Grenze nach Virginia kam, ging er mit mir in
ein Informationszentrum, weil dort jeder Gast ein kostenloses Getränk
erhielt. Ich nahm jedesmal einen Aufkleber mit, auf dem stand, daß
Virginia ein Land für Liebende ist. Wo ist Liebe?"
Sohn und Mutter durchstreifen Amsterdam.
Ein junger Mann raucht einen Joint.
Mutter: "Die Freiheit schien damals in Amerika."
"Amerika sind auch Canada und Mexiko."
Ein Schuß. Mutter und Sohn sehen, daß ein Mann zu Boden fällt und daß
ein anderer Mann einen Zettel auf den Bauch des Gestürzten legt, mit
einem Messer in den Bauch sticht, daß Messer stecken läßt und davon
rennt.
Sohn: "Sie haben einen Mann abgestochen."
Eine Frau beugt sich über den Toten, "Ich will den Samen, ich will ein Kind von ihm."
Ein Mädchen: "Vielleicht hat er Kinder. Ich werde sie suchen."
"Wer ist das?" fragt die Mutter.
Ein älterer Mann sieht sie verblüfft an, "Ein Filmemacher. Er war
radikal liberal. Auch für das Selbstbestimmungsrecht der Frauen."
Die Mutter sieht sich um, als träume sie, "Bin ich in Amsterdam?"
Der Sohn spuckt in das Wasser der Kracht, "Das Wasser verbindet Europa
mit Amerika. Wo es Freiheit gibt, gehen die hin, die Freiheit suchen.
Schwule und - Mörder."
Verona
Kai stand vor der Wand, an ihr tausende Herzen. Wenn
niemand hinsah, zog er mit dem Finger Linien nach. Er liebte das Herz,
das mit Stacheln gemalt war, es schien eine Sonne, ′Ich müßte es
aufpusten.′
Als er auf der Parkbank sitzt, liegt eine Zeitung neben ihm. Annoncen,
die von Sehnsüchten erzählen. "Welcher Mann, jung und schlank, will
sich zum Mittagessen verspeisen lassen?" Kai kichert und stellt sich
vor, daß er an einem gedeckten Tisch sitzt und während er Braten ist
und Wein schlürft, eine Zunge über seine Haut streicht, sich Zähne
sanft in sein Fleisch drücken. Wind schlägt kalt, Kai durchschauert es
heiß. Er reißt die Annonce heraus.
Ein Mann hatte gedacht, daß er keinen Job und deshalb
kein Ich mehr hat und eine Leiche verspeisen sollte, um eine Seele in
sich fühlen zu können.
Der Fremde spielt für ihn Geige.
Der Mann denkt, daß er diese wehmütigen Töne in sich haben will.
Der Wille des Geigenspielers zu überleben, ist stark, der Wille des
Mannes, der ohne Job und deshalb ohne Seele ist, ihn zu töten, stärker,
′Wenn ich jetzt aufgebe, habe ich einen Prozeß wegen Mordversuchs am
Hals. Tote reden nicht.′ Als die Leiche liegt, schlitzt er ihr den
Bauch und das Zwerchfall auf, um ans Herz kommen zu können. Er wirft
die Lunge seinen Katzen hin. Er wäscht das Herz und legt es in den
Kühlschrank. Er schiebt es in den Eisschrank. ′Nun muß ich die Leiche
zerlegen, bis die Knochen durchs Klorohr passen′, er holt eine
Kettensäge. ′Nervensäge.′ Das Geräusch hätte ein Geigenspiel übertönt.
Der ehemalige Ingenieur denkt, daß er eine leise Kettensäge entwickeln
muß.
Das Blut von Jesus, das der Priester ihm gereicht hatte,
hatte säuerlich geschmeckt, das Fleisch, das der Priester ihm
gereicht hatte, war fad gewesen, er hatte es geschluckt. Als das
Fleisch vom Schenkel filetiert und gebraten auf seinem Teller liegt,
kann er nicht essen. Er sagt sich, daß Menschenfleisch nichts anderes
ist als Schweinefleisch. Er kann nicht essen. Er ißt nichts. Er wird
dünn, dünner. Er fragt sich, ob er sterben will. Wenn er sterben würde,
läge er zwischen einer zerstückelten Leiche. Die Fliegen würden Eier
ins Fleisch legen, Maden würden die Leichen fressen. ′Man wird die
Maden zertreten′, denkt er. Er wollte wissen, wie es ist, einen Mann zu
töten und zu essen. Er will wissen, wie ein Menschenfresser behandelt
wird und geht in Richtung Polizei. Auf dem Weg spiegelt sich der Himmel
in Pfützen, ′als könnte ich in den Himmel springen′, er denkt, daß die
Seele des Geigenspielers in ihn gekrochen ist, ′Ich hatte den Mund
offen, als ich ihn schlachtete, ich bin nicht mehr der, der ihn
erdrosselt hat.′
Er kehrt um, kauft sich eine Geige, aber egal, wie er
den Bogen hält, die Geige kreischt. Ein Tropfen fällt vom Himmel und
hinterläßt einen Fleck auf dem Holz, er sieht ihn traurig an, ′Ich
brauche eine andere Seele′, denkt er.
Graz
Eine Frau stand am Schalter, Bianca hörte, daß sie nach
Graz fahren will, sagte, "Ich glaube, der Zug ist bereits da." Die Frau
lief los, Bianca griff nach der Fahrkarte, die die Angestellte über den
Schaltertisch schob und sagte: "Ich bringe sie ihr." Sie sah zur Decke,
murmelte "Danke."
Die Fahrt verlief unspektakulär. Ein Mann schnarchte,
ein Waggon rauchte, die Bremsen waren festgefahren, es stank. Eine
Person schien ohne Fahrkarte zu fahren, denn das Kloschild leuchtete
beständig rot. Bianca sah auf dem Fahrplanzettel nach, wie spät es sein
könnte, sobald der Zug hielt. Die Strecke hatte Kopfbahnhöfe. Der Zug
fuhr vor- und rückwärts. Die Landschaft war momentweise ein
Poskartenmotiv. Die Landschaft der Gegenseite spiegelte sich im
Fenster, so daß sie zwei Landschaften auf ihrer Seite hatte. Am
Bergrücken blitzte Licht auf. Bianca dachte, daß sie das Morsealphabet
nicht kann und eine Nachricht von einem Gott nicht verstehen könnte.
Kurz später war es dunkel. Sie schottete mit den Händen an der Scheibe
das Gesicht vom Zuglicht ab und sah in Dunkel. Sie strich durch den Zug
und suchte nach verlassenen Zeitungen. Sie las, daß Politiker
vorschlugen, daß in jedes Auto ein Chip eingebaut wird, der
registriert, wenn ein Auto falsch parkt oder zu schnell fährt. Sie
dachte, daß man ihr Chips ins Fleisch schieben wird, ′Man kann es mit
Magnetfeldern löschen. Aber vielleicht ist dann das Gedächtnis im
Gehirn gelöscht und man muß auffällig werden.′
Als sie in die Stadt gekommen war, fragte sie nach dem
Fluß und legte sich nahe am Wasser unter eine Bank aus Beton. Hunde
schnupperten an ihr und gingen weiter. Es regnete nicht.
Sie sah gegen Mittag, daß die Trinker nicht am Fluß
saßen, sondern auf dem Rathausplatz, als sei das eine Demonstration.
Als es zu nieseln begann, ging sie in Läden, sie dachte an Dedektive.
Eine lautlose Stimme sagte: "Sie haben kein Geld, Sie wollen klauen.
Wir haben Sie ertappt." Das Kirchenportal hatte keine Klinke, ein
Nebeneingang ließ sich öffnen. Bianca sah Gold und Kristalle. Sie
bespritzte sich mit Wasser. An einer der Kirchenbänke stand eine
Plastiktüte. Sie verließ die Kirche, drehte sich um und durchsuchte den
Raum. Als sie niemanden fand, nahm sie die Tüte an sich. In ihr war
eine Flasche, die mit Wasser gefüllt schien, ein Stück Brot und ein
löchriger Pullover. Trinkwasser gab es auf dem Rathausplatz, sie aß das
Brot und benutzte die Tüte mit den Wollresten als Kissen, als sie sich
am Fluß auf Betonbänke setzte, um nachts unter sie zu kriechen.
Im Forum Stadtpark hingen Schilder, daß das Klo
videoüberwacht ist, Bianca zuckte zurück. Eine Frau schälte über einem
Papierkorb Kastanien, Bianca fragte, ob es im Park Eßkastanien gibt,
"Sie werden am Kiosk verkauft", "Es wäre schön, wenn im Park
Eßkastanien ständen und - Obstbäume", "Ja", sagte die Frau.
Enten schlugen mit Flügeln ins Wasser, ohne
aufzufliegen. Es lag kein Ei im Schilf. Am nächsten Morgen ging sie in
einen Laden und steckte in ihre Tüte, was sie zum Essen brauchte. ′Gott
hat nicht das viele Essen gemacht, damit Menschen hungern.′ Sie war
sicher, daß sie bezahlt hatte - die Menschen hatten sie auf der Straße
angelächelt, als würden sie einen Engel sehn, ′Das ist, weil man fremd
in der Stadt ist, daß man wie ein kleines Kind ist, weil man nichts
kennt.′ Sie las an dem Giebel eines Haus "Maria hilf" wie ein Gebet.
Als der Polizist sagte, daß Bianca ein Dieb ist, sah sie ihn erstaunt
an. "Ich glaube an Gott", sagte sie. "Haben Sie einen Job?" fragte sie.
"Ich bin Polizist."
"Für mich."
"Sie könnten Sozialhilfe beantragen."
"Hätte ich dann nach Graz fahren können?"
"Soviel ist das nicht."
"Ich wäre lieber nach Venedig gefahren."
"Das endet im Knast", sagte der Polizist.
Die Steine im Fluß ließen Wasser gurgeln und tosen. über der Stadt lag
Dunst, ′Er macht Fotos unscharf, ob man will oder nicht.′ Als der Nebel
dicht war, verschwand Bianca spurlos.
Bolivien
Das Dröhnen der Flugzeuge war zu hören. Joana lief nach
draußen und ließ sich besprühen, ihre Haut rötete sich, juckte, sie
hustete, als sie die Zeitungsredaktion erreichte, "Das läßt die
Regierung mit uns machen", sagte sie.
Der Journalist sagte: "Du hättest dich in der Hütte verstecken können."
"Warum muß ich mich auf meinem Land in meiner Hütte verstecken?"
"Weil du Kokain anbaust."
"Ich baue Bananen an."
"Und Kokain."
"Die Amerikaner bombardieren, wenn sie öl brauchen. Ich
habe Kinder, ich brauche Geld. Niemand muß Kokain fressen, der es
nicht will. Sie könnten das Geld für die Flugzeuge und das Gift
uns geben, wir verdienen am Kokain nur, was wir zum überleben brauchen.
Gib mein Foto in die Zeitung!"
"Man kann das Husten nicht hören."
"Du brauchst schlimmere Fotos?"
"Denke an deine Kinder!"
Joana wartete auf die Flugzeuge, die Dörfer
überflogen und eine Erde hinterließen, als sei Feuer über sie
hinweggefegt, Joana ließ sich verbrennen, sie schleppte sich mit einem
Rest Leben vor die Redaktion. "Sag ihnen", hauchte sie einer Frau
zwischen Schmerzlauten zu, "daß sie mich nicht in der Erde begraben
dürfen, weil es Gift ins Trinkwasser bringt. Sie können mich nicht im
Freien liegen lassen, weil der Regen das Gift in die Erde
spült."
"Du hast nicht an deine Kinder gedacht", sagte der
Redakteur, als er sich über sie beugte. Er sah die Löcher in ihrem
Fleisch an, in dem sich Fliegen suhlten. "Bringt mir eine Nahlinse",
sagte er. Er hoffte, daß ihm das Foto Geld bringen könnte, "Wenn ich
berühmt werde und Geld habe", sagte er leise, "adoptiere ich deine
Kinder."
Die Fliegen ließen sich von Regentropfen vertreiben, sie
hatten Eier gelegt. Die Maden starben, als sie schlüpften. Ein Polizist
verhaftete die Leiche.
Ungarn
Es war eine Frau, sie war arm und verliebt, sie
heiratete einen Mann, er war arm und krank. Sie lagen im Bett, küßten,
streichelten, fickten. Eines Morgens war der Mann tot. Die Leiche wurde
weggebracht. Die Frau lag nackt, hungrig, gelangweilt im Bett und
wollte schöne Kleider, gut essen, ins Kino. Es klopfte. "Was ist?"
"Du machst Lärm."
"Ich?"
"Ich habe einen Bauch knurren, Finger trommeln hören. Bist du hungrig? Hast du Langeweile?"
"Was willst du?"
"Dich fotografieren. Deine Beine."
"Du Schwein."
"Nur deine Füße."
"Meine Füße?"
"Ich gebe dir Geld dafür."
"Wieviel?"
"Ausreichend."
"Wieviel?"
"Wie für eine Hure."
"Nur für die Füße?"
"Ja."
"Du fäßt mich nicht an?"
"Nein."
Die Frau schlug die Decke zurück, stand auf, zog ein Kleid an, "Meine Strümpfe haben eine Laufmasche."
"Schwarz?"
"Was?"
"Die Strümpfe."
"Ja."
"Gut."
Die Frau öffnete die Tür.
"Die Schuhe passen nicht", sagte der Mann.
"Nein?"
"Nein."
"Ich hole andere."
"Ich habe andere."
"Passen die mir?"
"Ja."
"Woher wissen Sie das?"
"Ich habe einen Blick für Füße. Wir können uns duzen."
"Darf ich ′Sie′ sagen?"
"Ja."Der Mann führt sie in die Nachbarwohnung, ins Wohnzimmer. Sie schaut sich um.
"Hier sind die Schuhe", sagt er.
"Nicht bequem." Die Frau sieht auf die hohen, spitzen Absätze.
"Du mußt nicht laufen, setze dich!"
Die Frau zieht die Schuhe an.
"Stelle dich dorthin!"
Der Mann zeigt auf einen Spiegel, der am Boden liegt.
"Da drauf?"
"Ja."
"Ich will kein Gesicht auf dem Foto."
"Ich will die Füße."
"Was ist das?"
"Eine Maus. Du wirst sie zertreten."
"Nein."
"Du brauchst Geld."
"Sie wird weglaufen."
"Ich halte sie am Schwanz."
"Wer fotografiert?"
"Die Filmkamera. Ich schneide Bilder aus."
"Ist mein Gesicht auf dem Bild?"
"Nein."
Die Frau geht zur Kamera, sieht durch den Sucher.
"Muß die Maus echt sein?"
"Ja."
Die Frau stellt sich auf den Spiegel, hebt den Fuß.
"Mit den Absätzen?"
"Mit den Absätzen."
"Ja. Tritt!"
"Ich kann das nicht!"
"Tritt!"
"Ich kann nicht!"
"Du willst Geld!"
Die Frau tritt zu. Blut spritzt.
"Tritt noch einmal!"
Die Frau kotzt. Der Mann stöhnt.
"Das ist gut", sagt der Mann.
"Du hast dir einen Orgasmus geholt."
Der Mann reicht ihr einen Schein, "Geh dich waschen."
"Ich zeige dich an."
"Das ist absurd. Im Keller sind Mäusefallen."
Die Frau geht in ihre Wohnung, duscht. Sie greift zur Schnapsflasche...
wird Alkoholikerin und sieht weiße Mäuse. Sie kommen von überallher.
Ein Mann sagt: "Ich helfe dir." Er hat eine Flöte in der Hand, "Du bist
ein Rattenfänger", sagt sie, "Geh, blase dir selbst einen und nimm das
Viehzeug mit!" Ihr Busen bebt vor Erinnerungen, aus dem Fenster sieht
sie auf ein weißes Wölkchen am blauen Himmel.
England
Eine Frau, ein Mann. Die Frau fragt den Mann, ob er auch
manchmal das Gefühl habe, daß jemand vorbeigegangen ist, "Aber wenn ich
hinsehe, ist nichts."
"Das ist, wenn eine Erinnerung im Hirn in ein anderes Ordnungssystem geschoben wird. Sie wird kurz sichtbar."
"Bist du sicher?"
"Nein."
Sie standen an der Steilküste, sahen aufs Meer, berührten einander mit
den Fingerspitzen, griffen zu, hielten einander fest, als der Boden
kurz unter ihnen zu schwanken schien. Um sie klibrige Wesen. Wenn sie
ihnen nicht schnell genug auswichen, teilte sich die Masse an ihnen,
als wären sie Messer, die klibrigen Teile bewegten sich in verschiedene
Richtungen.
"Sie vermehren sich so."
"Sie benutzen uns."
"Das ist eine Parallelwelt. Sie durchdringt unsere."
"Wir sind reingekommen."
"Ja."
"Wir müssen zurück."
"Ja."
"Wie sind wir reinkommen?"
"Die Windbö kam vom Land. Wir sind gestürzt. Oder die Steilwand brach. Ich kann mich nicht erinnern."
"Wir sind tot."
"Wir sind in einer Parallelwelt. Du hast gesagt, das du sie gesehen hast. Ich habe sie auch gesehen."
"Ich habe gedacht, daß ich im Hirn gestört bin."
"Ich auch. Ich will zurück."
"Wie?"
"Sie benutzen uns, um sich zu zerschneiden, zu vermehren. Sie werden mehr. Es wird eng, stickig."
"Wir müssen uns beeilen!"
"Womit?"
"Ich weiß nicht! Ist das das Totenreich?"
Sein Herz schlug, als wolle es seinen Körper öffnen.
Ihr Herz schlug auch. Später war Leichengeruch zwischen den Steinen am
Strand. Es lag ein verendetes Pferd. "Wie ist das hingekommen?" fragt
die Frau den Mann. "Abgestürzt. Das passiert. Mir war es, als hätte ich
gerade oben gestanden, aber ich stehe unten." Er sieht die Steilwand
hinauf, auf der Haut der Frau wird Gänsehaut, "Es war klibrig."
"Was? Ich liebe dich", sagt er rasch, "Das macht manchmal Gänsehaut."
Er pustete an ihren Hals. Es beginnt zu nieseln, regnen, es blitzt.
Bulgarien
Eine Frau lief durch die Berge, sie hieß Marie, sah eine
Herde Pferde, hatte Mitleid und löste dem Leithengst die Fesseln. Es
regnete, wurde kühl, schneite. Marie fand einen Felsüberhang, unter ihm
war es trocken, sie war durchnäßt, ihr wurde kalt, heiß, sie fror und
schwitzte gleichzeitig. Sie zog die harten, feuchten Schuhe aus, die
Füße unter den Rock und wartete. In ihrem Körper vermehrten sich Viren
und führten Krieg. Sie wartete, ob sie gesund werden wird. Tage
vergingen. Als sie merkte, daß sie den Krieg in ihrem Körper überlebt
hatte, griff sie nach ihren Schuhen, zog sie an, kreischte, die
Zehennägel waren lang geworden. Sie versuchte, sie abzubrechen, Haut
und Fleisch um den Zehennagel wurden wund. Sie versuchte, barfuß zu
gehen. Die Steine waren spitz, sie kam nicht voran. ′Ich komme von hier
nie wieder weg′, dachte sie, sah um sich Wiese und Steine, und brach
zusammen. Ein Pferd weckte sie. Es trug keinen Sattel, sie versuchte,
aufzusitzen, rutschte ab, "Ich bin zu schwach. Was ist das?" Sie sah,
daß das Pferd eine Stute war und tropfte. Sie trank Stutenmilch. Das
Pferd blieb bei ihr, bis Marie sich stark getrunken hatte,
hochschwingen und festhalten konnte. Sie verschnürte die Schuhe und
legte sie vor ihren Schoß, sie hingen links und rechts am Pferderücken.
Es trabte, lief in eine Schlucht, scheute, Marie fiel, das Pferd rannte
weg.
"Hier sind ja Ratten!" sagte Marie entsetzt.
Die Ratten beschnupperten sie und machten sich an die Arbeit. Sie
markierten sie mit Rattenduft, leckten ihr die Ohren und das
Bauchknöpfchen aus, öffneten ihr den Mund, leckten die Zähne ab,
griffen nach ihren Fingern und Zehen, säuberten ihr die Finger- und
Fußnägel und knabberten. Sie ließ es geschehn, sie war sicher, daß sie
träumte. Sie wachte nicht auf. Sie griff vorsichtig nach ihren Schuhen,
zog sie an, sie paßten wieder, sie stand auf, die Ratten liefen davon,
Marie stand allein. Nur Rattenkacke, die kurzen Finger- und Fußnägel
waren Zeugen, daß die Geschichte wahr gewesen sein kann. Wind weht
Staub über sie.
Rumänien
Durch die Glasfenster der Kirche drang Vogelgezwitscher.
"Erkennst du mich nicht?" Der Priester sah der Frau, die vor ihm stand,
ins Gesicht, "Nein."
"Du lügst."
"Ja."
"Liebst du mich noch?"
"Ja."
"Du hast ein Kind."
"Nein."
"Ja."
"Dich hat der Teufel geschickt."
"Küß mich!"
Der Priester stand eine Stufe höher als sie, bückte sich, küßte sie
kurz. Sie griff unter seine Soutane, ließ sich fallen, hielt sich fest,
er taumelte, stürzte, "Die Kirchentür -"
"Ich habe sie verschlossen."
"Wie?"
"Mit dem Schlüssel. Er hängt dort, wo er hing."
"Du wirst dich erkälten."
"Nein."
"Dich hat der Teufel geschickt."
"Nein."
Der Priester atmete heftig, drang in die Frau, entleerte sich, er fiel
mit dem Kopf auf ihre Brust, rutschte zum Bauch, "In deinem Körper
klingt es nicht gut."
"In deinem auch nicht."
"Dich hat der Teufel geschickt."
"Nein."
Der Priester zog sich Stoff übers Fleisch, ging zur Tür, schloß sie
auf, öffnete sie weit, stieg die Treppe zur Orgel hinauf, setzte sich
und spielte. Neugierige kamen in die Kirche, setzten sich. Die Frau
ordnete ihr langes Kleid über den nackten Beinen, "Er wird ein
Schwesterchen kriegen."
"Wer?" fragt eine Frau.
"Unser Sohn."
"Wessen Sohn?"
"Meinem."
"Sind sie von weither?"
"Ja."
"Sie erinnern mich an jemanden."
"Das hat der Pfarrer auch gesagt. Aber wir wußten nicht an wen." Die
Frau kicherte. Das Orgelspiel endete, der Priester sah über die
Brüstung auf Kinder, Frauen, Männer, "Wer kichert? Sünde. Habt ihr die
Musik gehört? Sünde. Ihr seid Sünder und verdammt! Wenn ihr nicht
eisern der Versuchung widerstehen werdet. Ich werde euch die Beichte
abnehmen und zur Sühne raten. Ich war mild euch gegenüber, um mild zu
mir zu sein."
"Was redet er?"
"Ich weiß nicht."
Ein Junge beichtete, er hatte sich zwischen die Beine
gegriffen, der Pfarrer riet, sich die Hand steif zu schlagen. Ein
Mädchen sollte sich mit der Kerze die Schamlippen versengen, so daß es
Schmerzen, keine Lu... "Sonst bleibt ihr Sünder, verdammt." Im Ort
wuchs ein Geschrei, der Priester setzte sich an die Orgel, er übertönte
es nicht, er spielte, bis er vom Hocker fiel, die Treppen nach unten
kroch, er sah die Frau, die auf einer Holzbank lag, eingeschlafen
schien, "Du bist schmal, blass geworden", sagt er. Die Frau richtet
sich auf: "Hörst du sie schreien?" Der Priester sieht zum Kreuz, an dem
eine Jesusfigur hängt und flüchtig zur Frau, "Meine Gier nach dir ist
kein teuflisches Gefühl, denn als ich sie bekämpfte, begann das Elend
im Ort, hörst du es?"
"Danke", murmelt die Frau und sieht zum Marienbild. Ihre Wangen röten sich, "Du hast mich zuerst verführt", sagt sie.
"Ich weiß", sagt er, errötet, sagt: "Ich muß gehn.
"Ich auch", sie geht.
Er geht ihr einige Schritte nach, "Ich liebe das", sagt er, sieht zu
den Kirchenfenstern, lauscht, er erinnert sich, wie ihn der Messdiener
hinausschicken konnte, als er ein Kind war. "Ich habe das Haus besitzen
wollen. Jeder Ton in ihm klingt bedeutsam. Ich muss dafür zahlen."
"Und die Frau. Und deine Kinder", die Mutter Gottes steigt aus dem
Bild, geht auf ihn zu, er weicht zurück, sie treibt ihn zur Kirchentür.
Als er die Kirche verlasssen hat, schlägt die Tür zu.
"Was ist mit Ihnen? Wo wollen Sie hin?" fragt eine Frau.
Der Pfarrer: "In die Kirche."
"Sie kamen gerade raus."
"Ich will rein. Sie ist zu."
"Der Schlüssel?"
"Er hängt drin."
"Die Tür ist zu.
"Ja."
"Mutter Gottes!" Die alte Frau bekreuzigt sich. Kein Schlüssel paßt,
die Kirche bleibt zu. Der Priester sagt: "Das ist, weil wir gesündigt
haben." Er baut eine Hütte neben den Eingang. Aus der Hütte trägt er
Erde. "Wieviel Erde hat er in der Hütte?" Er kratzt einen Gang durch
die Grundmauern bis in die Kirche. Er wird alt. Er ist alt geworden.
Die Mutter Gottes hängt als Bild im Rahmen. Sie sieht der Geliebten
ähnlich. Die Engel um sie wachsen. Sie schlagen mit den Flügeln an die
Wand der Kirche, die bebt, Steine fallen in den Gang, die Kirche
zerbricht über ihm. "Schade", denkt er, "Es klang gut. Klingt gut."
Draußen ist Frost.
Lybien
Ein Mann war durch die Sandwüste gelaufen, eine Frau
wollte sagen können, daß sie das auch getan hat. Sie lief in die Wüste.
An einer Opferstelle bückte sie sich, berührte ein Ziegenhorn, nahm es
mit. Tag, Nacht, Nebel, dicht, sie konnte, als sie im Schlafsack
erwachte, sich aufdeckte, ihren Fuß nicht sehen, nicht die Spitze der
Nase. Hunger. Sie tastete - kein Brot. Die Frau kroch auf Knien mit
vorgestreckten Armen hin und her, ängstlich, eine Schlange könnte am
Essen nagen, sie beißen. Die Frau beruhigte sich, - das Essen war in
Aluminiumbehältern. Sie warf Sand, lauschte dem Aufschlag. Nichts als
das Aufschlagen von Sand auf Sand. Der Nebel lichtete sich, trieb in
Fladen. Die Frau sah einen Pickel auf ihrem Bein, drückte ihn aus.
′Sandwürmer′, dachte sie. Sie ekelte sich so sehr, daß sie ihren Körper
verlassen, ihm davonrennen wollte. Der Himmel wurde blau, die Luft
heiß. Ihr Atem ging schwer, das Herz klopfte im Hals. In einem tief
eingeschnittenen und ausgetrockneten Flußbett - Schatten. Sie drängte
hinein. Rauschen, Krachen. Der Himmel blau. Irgendwo mußte es geregnet
haben, eine Flutwelle raste heran, schwappte über sie, wirbelte sie in
Wassermassen, in ihnen Dreck. Die Frau dachte an den Mann, der von der
Wüste erzählt hatte, gab sich auf, ließ sich in den Gelbton um sie
sterben. Als das Wasser sich ins Tal ergoß, versackte, lag sie als
Leiche auf Sand. Die Leiche blinzelte, hustete. Als sie das Wasser
ausgehustet hatte, in der Hitze unter blauem Himmel saß, hinter sich
eine steile Wand mit einem ausgetrockneten Bachbett, vor sich eine
Ebene ohne Baum, links hinten Dünen, trauerte sie dem ausgekotzen
Wasser nach, spielte mit der Hand im Sand, "Als ich Kind war, brauchte
ich Hilfe." Sie sah zur Sonne, ′Ich kam von Norden.′ Sie ging nach
Norden.
"Ich war auch in der Wüste", sagt sie.
"überall ist Wüste. Wenn du willst, bleib bei mir", sagt der Mann, der
in der Wüste war, und küßt sie. Im Norden herrscht Winter. Die Sonne
bricht durch eine Wolkenschicht, erhellt die Gesichter.
Prag
Enina teilte sich die Wohnung mit einer Frau. Sie hatte
sich für sie entschieden, weil die Fremde temperamentvoll schien, Enina
ging ungern aus dem Haus, sie mochte die Abwechslung, sie räumte ihr
Zimmer um, hörte Musik, sah fern, sah der Fremden zu. Die Fremde wollte
kochen, kochte, servierte das Essen. Enina aß und bekam Bauchschmerzen,
sie begann, an einer Gastritis zu leiden. Aß wenig, nichts mehr. Sie
hatte das Gefühl, daß etwas ätzendes in der Luft ihres Zimmers ist. Die
Bettwäsche stank. "Warum stinkt die Bettwäsche?"
"Ich habe sie gewaschen."
"Mit was?"
"Meine Mutter nimmt das."
"Das ist Gift."
"Das kann nicht sein."
Enina ging nachts im Dunkeln aufs Klo, um nicht ganz
wach werden zu müssen, wenn sie zuviel Bier getrunken hatte, pinkeln
mußte. Plötzlich waren Schuhe im Weg, die im Regal gestanden hatten,
sie stolperte. Als sie badete, lag der Fön am Wannenrand, sie legte ihn
weg und merkte, daß seine Strippe in der Steckdose war, ′Ich hätte
sterben können′, er war auf ′an′ gestellt, er wäre angegangen, wenn
jemand ins Bad getreten wäre, daß Licht angeschaltet hätte, weil beides
an einem Sammelschalter hing. ′Wer? Wozu?′ Als Enina Fenster putzte,
auf dem Fensterstock stand, um die Oberlichter zu reinigen, trat die
Fremde ein, drückte den Fernseher an, er war so laut gestellt, daß
Enina erschrak, taumelte, sie hielt sich fest. "Wenn du mich tötest,
kommst du in den Männerknast", sagte sie.
"Ja."
"Du willst hin."
"Nein."
"Du könntest, statt mich zu töten, eine Bank ausrauben. Falls du Glück
hast, kannst du dir Männer danach kaufen. Falls du Pech hast, kommst du
in den Männerknast."
"Du kommst in den Frauenknast."
"Ich?"
"Du hättest mich zum Bankraub angestiftet."
"Ich habe dir keine Idee gesagt, sondern eine Geschichte erzählt. Das ist ein Unterschied."
"Du willst Schriftstellerin sein?"
"Ja."
"Du hast mich in die Wohnung geholt."
"Du hattest eine Wohnung gesucht."
"Seit wann weißt du -"
"Annonce."
"Das andere."
"Ich habe es gestern gesehn. Es war warm. Du hattest dich aufgedeckt."
"Ich schlafe nicht nackt."
"Der Stoff war gespannt. Warum wolltest du in meine Wohnung?"
"Gegenüber wohnt ein Mann. Hast du ihn gesehn?"
Enina trat zum Fenster, "Nein."
"Er hat dich angesehn."
"Deswegen soll ich sterben?"
"Ich habe als Frau auch keine Chance. Ich ziehe aus", sagte der Fremde.
"Du kannst bleiben."
"Gestern hat mich der Junge von unter uns Lesbe genannt, ich habe ihn
mit dem Schirm geschlagen, sein Nasenbein ist gebrochen. Er wird mich
anzeigen. Er meinte dich und mich."
"Das ist komisch, nicht wahr?"
"Nein."
"Warum willst du ausziehn?"
"Wenn du krepierst, verdächtigen sie mich. Wenn sie mich in den
Männerknast stecken, sagen sie damit, daß ich ein Mann bin. Sie würden
mich wie einen Schwulen behandeln. Das ist eklig. Zwischen Frauen will
ich nicht sein."
"Das ist traurig", sagte Enina, "Glück auf den Weg", sie hielt dem
Fremden die Hand hin. "Ich fasse Frauen nicht an. Sie kriegen Kinder,
ich nicht. Und dann nehmen sie mir, sie nennen das Steuern, Geld weg,
um es denen die Kinder kriegen können, zu geben." Der Fremde schluchzte.
Er blieb Enina fremd und ging. Eine Katze quäkte wie ein Kind. Eine Windbö fegte durch die Straße.
Es war einmal ein Mann, der spazierte durch Afrika. Er
kam zwischen verfeindete Stämme, wurde gefangengenommen, verhört,
ausgepeitscht, vergewaltigt, ein Mann ermöglichte ihm die Flucht. Er
war entsetzt, daß er während der Vergewaltigung ein angenehmes Gefühl
im Bauch gehabt hatte, das Sehnsucht weckte. Um sich abzuschrecken, bot
er einem Mann, der ihn nervös machen konnte, Geld, mehr Geld, soviel,
bis der bereit wurde, ihn auszupeitschen, so lange, bis der Schmerz
Sehnsucht überlagerte, löschte. Für einige Tage, Wochen, Monate.
Paris
Zwei Männer sprachen eine Frau an. Sie waren jung,
schön, sie luden sie zum Essen ein, sie hatte Hunger. Der Raum war
schwarz ausgeschlagen, die Männer servierten Karnickel oder
Katzenfleisch, sie kratzten sich mit einer Rasierklinge ins Fleisch,
ließen Tropfen Blut ins Weinglas fallen, "Du auch."
"Nein."
"Wir wären Blutsbrüder. Hast du einen Bruder?"
"Nein."
"Ich habe mir immer eine Schwester gewünscht."
"Du kennst mich nicht."
"Du irrst."
Die Frau schauerte.
"Wir werden Geschwister sein." Einer der Männer nahm den Arm der Frau,
ritzte ihn an, Blut tropfte. Die Männer hoben die Gläser, die Frau tat
es ihnen nach, die Gläser schlugen aneinander, es klirrte. Sie tranken.
"Zieh dich aus!"
"Nein."
"Geschwister genieren sich nicht voreinander."
"Es ist kalt."
"Nein."
"Ich will nicht nackt sein."
"Ich kann es dir wärmer machen." Ein Mann zündete die Serviette mit einem Feuerzeug an, legte sie auf den Teller.
"Ich will gehn."
"Geschwister gehören zusammen."
"Ich will gehn!"
Die Männer packten sie, rissen ihr die Kleider vom Leib, fegten das
Geschirr vom Tisch, legten sie drauf und - ′Ich hätte das wissen
müssen′, ′Nein′, ′Es steht täglich in der Zeitung′, ′Es stehen täglich
Unfälle in der Zeitung. Du dürftest das Haus nicht mehr verlassen′,
′Ja′, sie schrie auf, die Männer hielten ihr mit Messer und Gabel die
Schamlippen auseinander, "Das ist Saft", sagt ein Mann. Die Frau will
ohnmächtig werden. Es gelingt nicht. Sie wird wortlos. Als sie wieder
denken kann, fühlt sie getrocknetes Blut im Gesicht, einen Grint am
Kopf, Schamlippen schmerzen. Sie liegt auf einem Treppenabsatz, sie
prägt sich die Tür ein, das Namensschild, sie geht ins Hotel, wäscht
sich, legt sich aufs Bett, weint, sie will zur Polizei. Die Polizei
spricht französisch. ′Die Männer haben deutsch gesprochen. Stimmlich
anders, aber korrekt. Ich kann kein Französisch.′ Die Polizisten sehen
sie ratlos an. Die Frau verläßt die Polizeistation. Sie sucht nach
einer Dolmetscherin. Ein Mann spricht deutsch, sie fragt: "Kennen Sie
eine Frau, die Deutsch und Französisch spricht?"
"Ja."
Der Mann führt sie hin. Die Frau erzählt.
"Beweis?"
"Der Grind auf dem Kopf. Unten ist es kaputt."
"Ganz?"
"Nein."
"Sie waren beim Arzt?"
"Nein. Noch nicht."
"Kommen Sie." Die fremde Frau führt sie zu einem Frauenarzt. Er
untersucht, notiert, kopiert. Die Frau erhält einen Zettel. Die Fremde
sagt: "Wir können eine Anzeige machen. Sie müssten dort alles erzählen."
"Ja."
"Wie können wir die Männer finden? Können Sie sich erinnern?"
"Das Haus?"
"Ja."
"Ich werde es suchen."
Die Frau sucht. Sie will in den Häusern nach oben
steigen, die Haustüren sind zu. Ein Mann fragt: "Darf ich Essen
einladen - übel? Helfen?" Die Frau starrt ihn an. Sie bleibt in der
Nähe von Haustüren, wenn jemand das Haus betritt, fängt sie die
zuschlagende Tür auf. Sie geht Treppen auf und ab, sie findet die Tür
nicht. ′Das kann nicht sein′, ′Nun bist du dein Leben lang damit
beschäftigt, Treppen zu steigen, die Wohnung zu suchen. Das ist eine
Strafe. Wofür?′Sie bricht die Suche ab.
Schuldgefühl wächst. Wenn sie auf der Straße eine Frau sieht, die aufgeregt umherirrt, fragt sie: "Ist das geschehn?"
"Was?"
"Die zwei Männer -"
"Was ist mit Ihnen?"
"Sie sind Satanisten."
"Was?"
"Ich habe Satan erlebt."
"Sie sind verrückt, nicht wahr?" Die Frau sieht die Frau an. "Es ist kühl, nicht wahr?" Es ist kühl.
Belfast
Anna war neugierig, sie hatte zwei Liebhaber, der eine
war katholisch, der andere war evangelisch. Sie hörte beiden zu,
widersprach. Beide Männer hätten sich Sex zu dritt vorstellen können,
sie waren politisch und haßten einander. Anna dachte: ′Sie werden auf
einander zielen, ich werde zwischen ihnen sein, sterben müssen.′
"Verräterin!" Sie wurde von hinten erschossen. Von beiden. Der eine
schoß mehr von links, der andere mehr von rechts. Anna sah von oben,
daß beide zu ihrer Leiche traten, den Kopf hoben, einander ansahen,
sich die Hand reichten - ′Ich schwebe in den Himmel′, dachte sie und
war zufrieden, obwohl es im Himmel kalt, sauerstoffarm und dunkel sein
soll. Am Himmel waren Sterne.
Paris
Ein Mädchen war elegant gekleidet und redete ordentlich,
ihre Freundin ging in Lumpen und fluchte. Wenn sie am Haus klingelte,
sagte das Hausmädchen, Katlen sei nicht da. Marit meldete sich mittels
Funktelefon an, Katlen kam die Treppe nach unten, um sie ins Haus zu
führen.
"Das ist mein Haus", sagte die Großmutter.
"Dann gehen Marit und ich spazieren."
"Es ist spät."
"Ist es auch mein Haus?"
"Nein."
Katlen hakte die Freundin unter und lief mit ihr in die
Straßenschluchten, es dämmerte, Regen lag in der Luft. "Ich habe Geld
für ein Caféhaus vergessen." Es begann zu regnen, strömen, "schiffen",
sie kletterten über die Mauer eines Friedhofes, huschten in eins der
Grabhäuser. Marit lehnte sich an die Wand, um sich aus Tabak eine
Zigarette zu drehen, "Willst du auch eine?"
"Nein."
Katlen hatte sich nicht verändert, seitdem sie Marit getroffen hatte -
Marit hatte zu einer Party gewollt und war an der Tür abgewiesen
worden, sie hatte geflucht, war gegangen. Katlen war ihr
hinterhergelaufen. Sie hatte gesagt: "Wir tauschen die Sachen."
"Laß mich in Ruh."
"Ich will das wissen."
"Was?"
"Ob es an den Sachen liegt."
"Du bist verrückt."
"Bitte!"
Die Fremde sagte: "O.k. Wo sehen wir uns?"
"Wo?"
"Ich will deine Klamotten nicht. Ich will mit ihnen nur kurz rein und einem der Männer eine Ohrfeige geben."
Sie wechselten die Kleider. Der Türsteher ließ die Fremde hinein, hielt Katlen auf.
"Erkennst du mich nicht?"
"Nein."
Ein Freund von Katlen: "Was ist los?" Er sah zu der Fremden, die
Katlens Kleid trug. "Hat sie dich überfallen?" Er faßte Marit fest an.
"Sie ist meine Freundin", sagte Katlen.
"Was ist mit dir los?" fragte der junge Mann.
"Ich wußte nicht, daß es so plötzlich ist, daß man erwachsen wird",
Katlen kicherte. Sie wurde in Lumpen hineingelassen, weil der Mann ihr
seine Jacke überhing und sagte: "Sie gehört zu mir. Die Lumpen sind
wegen einer Wette."
Als sie im Waschraum vor dem Klo in den Spiegel sah, waren die Pickel
im Gesicht blasser geworden. "Ich bin erwachsen geworden", sagte sie
und umarmte die Fremde.
"Hast du ′nen Schuß?"
"Reicht eine Ohrfeige für ihn nicht? Was hat er getan?"
"Er hat mich gefickt, ohne zu bezahlen. Ich fragte dich, ob du verrückt bist."
"Ich bin erwachsen geworden." Katlen kicherte.
Sie veränderte sich nicht. Sie zog schöne Kleider an,
schminkte sich, redete korrekt. Sie hatte sich nur eine Freundin
genommen, die sie mit sich schleppte, als sei sie ein Teil von ihr
geworden.
Sie standen im Grabhaus und lauschten dem Regen. Ein Käfer lief über
die Wand, Marit schwenkte die Tasche und schlug zu. Es rumpelte. Die
Mädchen rutschten in die Tiefe. Dunkel.
"Ie! Ich sehe nichts. Ich habe nicht einmal einen Schirm, um rumzustochern."
"Wenn wir einen Schirm hätten, wären wir nicht hier."
Marit ließ das Feuerzeug aufblitzen. Knochen.
"Es wäre schlimmer, wenn er lebt. Er hätte Hunger und
würde uns fressen wollen." Oben war Stein. "Da muß ein Loch sein, da
ist keins."
Ein Gang. Sie ließen das Feuerzeug aufleuchten, verlöschen, gingen
einige Schritte, machten es an. So ging das hin. Sie stießen an eine
Tür, sie hatte einen Riegel, er ließ sich aufschieben, die Tür knarrte.
Das Licht flammte kurz auf.
"Das ist unser Keller."
"Wiebitte? Der Friedhof ist auf der anderen Seite vom Fluß."
"Wir haben ihn unterquert. Meine Großmutter läßt in den alten
Einweckgläsern Kompott und Marmelade abfüllen. Sie erinnert sich an
Kindheiten, wenn sie auf dem Tisch stehn," Marit greift nach einem
Glas, "Willst du kosten?"
Katlen geht zum Lichtschalter. Es wird hell. Marit sieht in den Gang zurück, kreischt. "Was soll das?"
"Knochen."
"Ein Tier wird sie aus dem Grab verschleppt haben."
"Menschenknochen. Wo sind die Knochen vom Tier?"
Schritte.
Katlen sagt leise: "Ich hole dich später raus", schreit: "Großmutter!"
Die Großmutter schiebt den Tisch beiseite, öffnet die Falltür, "Was suchst du im Keller?"
"Ich habe nichts gesucht. Wir haben eine Leiche im Keller."
"Pst."
Tage später gehen Marit und Katlen in den Keller, um nach den Knochen
im Gang zu sehen. Sie finden keine. Auch kein Loch, in dem ein Tier
verschwunden sein könnte.
Katlen läuft zur Großmutter, "Die Leiche ist verschwunden."
"Du hast nie eine Leiche gesehn."
"Marit hat sie auch gesehn."
"Wer?"
"Marit war bei mir."
"Soll ich sie töten lassen?"
"Du müßtest mich auch töten."
"Du müßtest zwischen die Verrückten in der Psychiatrie. Oder ins
Gefängnis, weil du mich verleumdest, nur weil ich deine Freundin nicht
mag, weil sie dreckig ist. Vielleicht hast du kein Alibi für die
Tatzeit und hast gemordet."
"Ich hätte als kleines Kind gemordet."
"Es gibt kleine Kinder, die das tun. Auch Kinder, die das Hurenmilieu lieben."
"Du würdest mich verdächtigen lassen?"
"Ja."
"Ich werde ein Beweismittel haben."
Die Großmutter sieht auf Katlens Hand, "Hast du das Gespräch mitgeschnitten? Es gilt nicht als Beweismittel."
"Es erhärtet einen Verdacht."
"Du bist mein Enkelkind."
"Meine Freundin darf ab jetzt jederzeit das Haus betreten."
"Du erpreßt mich."
"Wer war der Tote?"
Die Großmutter schwieg.
"War er der Freund meines Vaters?"
"Dein Vater ist tot."
"Selbstmord."
"Ja."
"Du bist alt geworden."
"Ja."
"Wann willst du sterben?"
"Willst du das?"
"Du warst nett zu mir."
"Du bist meine Enkelin."
"Hatte mein Vater einen Freund, den du nicht mochtest?"
"Die, die du Freundin nennst, gehört nicht hierher. Wenn ich sterbe, wird sie verdächtigt werden, mich getötet zu haben."
"Das willst du inszenieren?"
"Ja."
"Dein Name käme in die Schmuddelpresse."
"Du hast Recht. Ich will das nicht."
Wenn Marit klingelt, macht ihr nun die Großmutter mit eisernem Gesicht
die Tür auf. Die alte Frau führt sie ins Bad, legt ihr Kleider hin.
"Ich will nur zu Katlen", sagte Marit.
"Sie ist oben", sagt die Großmutter, seufzt.
"Danke."
"Mein Enkelchen braucht einen Mann, damit sie diese
Göhre lossein will", sagt die Großmutter, schlägt ihr Telefonbuch auf,
um nachzusehen, wen sie einladen will. Sie läd viele Männer ein. Marit
kommt mit Perücke, in Männerkleidern. Marit und Katlen gehen in die
Speisekammer, "Wir holen nur ein wenig Sahne!" sagt Katlen zu einem
Mann, der sie verwundert ansieht. Sie schließen die Küchentür, schieben
den Tisch, öffnen die Falltür, steigen in den Keller, laufen mit
Taschenlampen in den Gang, Gänge, um einen Ausweg für sich zu finden.
Eger
Eine Frau reagiert genervt auf die Datenflut, die aus
dem Mund einer Führerin quillt, ′Was soll ich damit?′ Ihre Hand
streichelt über Stein, die Hand zieht sie vorwärts.
"Wo wollen Sie hin?"
"Nirgends."
Die Frau kehrt zur Gruppe zurück. Die Gruppe geht. Die
Frau geht mit. Ihr Fuß zieht sie in einen Seitengang. Sie tastet,
lauscht, wählt, knippst eine Taschenlampe an. Gang. Eine Treppe nach
unten. In einen kleinen Raum. Falltür. Sie öffnet sie. Eine rostige
Leiter. Die Frau will zur Gruppe zurück. Der Fuß zieht sie auf die
Strebe, die Hand fäßt nach. Sie steigt in die Tiefe, die endet in einem
Gang. Die Frau will zurück, Füße und Hände ziehen sie um Ecken, in
Tiefen. Sie hört Stimmen. ′Nun bin ich verrückt′, denkt sie. Sie
grinst, ′Die Burg steht auf einem Berg. Ich ging nach unten und bin in
der Stadt. Falls die Tür zur Stadt offen ist -′ Sie geht weiter. Tür.
öffnen. Raum. Menschen kreischen auf, sie blendet sie mit der Lampe.
"Was macht ihr hier?" Sie glaubt, daß ein Film gedreht wird, die
Menschen scheinen weiß geschminkt, Adern aufgemalt. Sie wird
festgehalten und sagt: "Ich wollte nicht stören." Niemand versteht sie.
Die Menschen sind nackt, sie kann die Herzen in der Brust klopfen
sehen. Sie wird nackt gemacht. Angefaßt. Losgelassen. Einer spricht zu
ihr, sie liest in Mimik, Gesten. Oben sei Krieg. Sie schüttelt den
Kopf. Sie sieht Mütter mit Kindern, Männer, Frauen. Im Dämmerlicht.
′Ich hoffe, ich finde zurück′, ihre Füße ziehen sie in den Gang zurück.
Niemand hält sie auf. Als sie in die Ausstellungsräume zurückgefunden
hat, hat die Besuchergruppe das Haus verlassen. Das Haus ist
verschlossen. Sie übernachtet in einem Burgraum, in den der Mond
scheint. Als sich am Morgen eine Menschengruppe dem Raum nähert,
versteckt sie sich hinter einer Säule, als die Gruppe das Zimmer
betreten hat, mischt sie sich ein. "Sie schon wieder?" fragt die
Führerin, "Interessiert Sie etwas besonders?"
"Es war Krieg."
"Ja, das habe ich erzählt."
"Die Menschen flohen in die Burg."
"Ja. Ich habe das erzählt."
"Vor Jahrhunderten."
"Ja."
"Und dann?"
"Was dann? Die Burg wurde gestürmt. Die Menschen niedergemetzelt. Ich habe es erzählt. Noch Fragen?"
"Nein." Die Frau schweigt. Sie denkt, daß die Menschen, die in der
Tiefe hausen, nun wissen, daß an der Oberfläche kein Krieg mehr ist,
′Ich habe es ihnen gesagt.′ Sie glaubt, daß sie den Weg nach oben
finden könnten, ′Ich habe ihn auch gefunden. ′
Sie denkt: ′Sie würden hier oben seziert.′
"Sie wirken verstört", sagt die Vorführerin.
"Ich habe Migräne."
"Ach so." Vor den Fenstern treiben Fladen von Nebel.
Polen
Gutshof. Krieg. Familien wurden vertrieben. Es wurde
Frieden. Ein System wurde gestürzt. Erna kehrte an den Ort ihrer
Kindheit zurück, sie entließ Pächter, ließ den Gutshof renovieren. Ihr
Hund wurde vergiftet, die Katze gehäutet vor die Tür gelegt. Sie putzte
das Jagdgewehr. Sein Lauf war verstopft worden, es wäre explodiert. Sie
trug es zur Polizei, die Männer in Uniform sagten: "Nix verstehn."
Erna hatte Angst. Ein Mann sagte: "Du müssen mich heiraten. Ende alles
gut." Sie heiratete ihn. ′Letzter Versuch.′ Die Einheimischen sahen sie
haßerfüllt an. "Was ist los?" Sie fragte den Mann, "Was sagst du ihnen?"
"Ich glücklich sein mit dir. Aber sie wollen, daß ich Chef. Ich Chef -
alles gut." Sie machte ihn zum Chef. ′Letzter Versuch.′ Kurz später
röchelte sie. Sie fragte: "Warum hast du mich nicht nur davongejagt?"
"Ihr habt Rechtsanwalt."
"Man wird dich verhaften."
"Ich habe gesagt, daß du sehr krank. Das Telefon kaputt. Sehr lange.
Wenn du tot, ich dich finden, losrennen, Hilfe holen und weinen."
Erna denkt, daß sie nichts tun kann als schweigen und hoffen, daß
zufällig Hilfe kommt. ′Es ist eine vergiftete Welt′, denkt sie. Draußen
regnet es und wäscht das Gift von den Feldern in die Tiefe.
Dresden
Unter den Brücken streunten Hunde, glatzköpfige
Schläger. Sie war im Obdachlosenquartier bestohlen worden. Mara lehnte
an einem Brückenpfeiler und tröstete sich damit, daß sie einen Roman
über diese Zeit schreiben wird. Auf einer Parkbank hatte ein Mann
gesessen, ein Buch zugeklappt, liegenlassen. Es beschrieb den Alltag
einer Frau, die aus dem Haus geflohen war, weil ihr Mann sie schlug.
′Das Buch gibt es bereits′, dachte sie, ′Es hat keinen Sinn′, sie stand
auf und ging zum Brückengeländer, in der Tiefe fuhr ein Zug.
"Ich könnte in einem Film eine Obdachlose spielen, weil
ich das richtig durchlebt habe", sie beschloß, sich als Komparse
anzumelden. Sie erzählte es der Fremden, die neben ihr stehen geblieben
war und auf die Schienen sah. Die fremde Frau sagte: "Ich bin
Schauspielerin. Ich habe Obdachlose gespielt. Mein Sohn sagte:
′überzeugend." Die Fremde schwieg.
"Und nun?"
Die Fremde schwieg.
Mara dachte, daß auch das keine Rechtfertigung für die
Situation, in der sie war, sein konnte. Sie mußte täglich ein Sozialamt
finden, eine Tagesration abholen. Man hatte ihr einen Mantel, Rucksack,
Schlafsack gegeben. Sie hätte sich lieber die tägliche Ration verdient.
Mit Fensterputzen, Rasenmähen, Tasche tragen. ′Es gibt überall zu tun.′
Die Menschen sagten: "Wir dürfen Ihnen das nicht erlauben, daß Sie uns
das Auto putzen und Ihnen Geld dafür geben. Das ist Schwarzarbeit oder
so kompliziert für uns, daß wir mehr Arbeit hätten, als Sie uns Arbeit
abnehmen können."
Mara hätte im Auftrag der Angestellten des Sozialamtes
arbeiten können, sie wollte es nicht, weil die Frauen ihrer Meinung
nach nicht arbeiteten, sondern Kaffee tranken und Spaß daran hatten,
sie auf dem Gang warten zu lassen, auszufragen. "Sie fragen mich
persönlich aus, ganz privat, aber ich darf sie nichts Persönliches
fragen. Da ist keine Gleichberechtigung zwischen den Menschen."
Sie trat in eine Kirche, hörte: "Gott schuf die Menschen
zu seinem Bilde." Sie dachte, daß er auch sie geschaffen hat, ′Um mir
zuzusehen, wie einer Computerfigur.′ Die Frauen, die ihr Mann am
Computer entworfen hatte, waren blond, schlank und dickbusig, die
Männer aber sahen aus wie er und sein Chef. ′Warum hat Gott mich so
geschaffen?′ Sie ging in einen Schuhladen, zog einen Schuh über, um
sich im Spiegel ungehemmt ansehen zu können. Sie war dick, die Brüste
hingen.
"Kann ich Ihnen helfen?"
"Nein."
′Wenn ich reich bin′, dachte sie, ′Mache ich es so, daß
alles anders wird.′ Sie beschloß, täglich ein Lotterielos zu kaufen. ′
Wie kann ich das wissen, wenn ich gewonnen habe?′
Sie bat den Losverkäufer, ihre Zahlen zu notieren. "Wenn
ich gewinne und Sie finden mich, gebe ich Ihnen die Häfte ab." Der
Losverkäufer nickte und begann zu träumen. Sie trat ins Freie. Auf der
Straße war es warm, mit einer Brise Wind.
Amsterdam
"Ich bin keine Hure", sagte Marie, "Ich will nur wissen, wie alles ist."
Sie hatte ins Schlafzimmer der Eltern gelauscht, sich im Zimmer
versteckt, zugesehn. Als die Mutter zur Arbeit gegangen war, hatte sie
sich neben den Vater gelegt, sie wollte eine Frau sein wie ihre Mutter.
Sie ließ sich von einem Mann ansprechen, mitnehmen, schwängern, sie
trieb das Kind ab, fuhr nach Amsterdam, setzte sich ins Schaufenster,
ließ sich von alten, fetten Männern anfassen, ′Eklig′, sie kaufte sich
eine Gaspistole, bedrohte Freier, sie kam vor Gericht, wurde
verurteilt. Bewährung. Sie ließ sich von Zuhältern vergewaltigen und
zusammenschlagen.
"Ich kenne nun diese Welt", sagte sie und ging ins Kloster. Sie durfte
es zwei Jahre lang nicht verlassen, sie verließ es dreißig Jahre lang
nicht. Das Kloster hatte Mauern aus alten Steinen, einen Garten, Käfer
im Gras. Sie konnte ihnen stundenlang zusehen. Als ihr Vater starb,
ging sie in die Kapelle, betete für seine Seele. Als ihre Mutter
gestorben war, ging sie eines Morgens aus dem Kloster zu ihrem Grab.
Sie sah einen Mann, der eine Frau küßte, eine Frau, die einen
Kinderwagen schob. Sie stand starr. Ein Friedhofswärter fragte: "Was
suchen Sie? Wo wollen sie hin?"
"In meine Kindheit", sagte sie.
"Sie müssen so tun, als ob sie ein Kind sind."
′Ich wäre eine komische Alte.′ "Würden Sie mit mir auf den Rummel gehn? Ich habe ihn vom Kirchturm gesehn."
"Ich habe eine Freundin, sie würde mich nicht verstehn."
"Ich verstehe mich auch nicht", sagte die Frau in Nonnentracht.
"Ich könnte ihr sagen, daß Sie meine Cousine sind, wir könnten zu dritt auf den Rummel gehn."
"Ja", sagte die Nonne.
Sie ging früh aus dem Kloster, abends zurück. Sie spielte mit fremden
Kindern Ball, warf Sand nach den Erwachsenen, kicherte. Die
Oberin hörte davon und sagte, daß sie im Kloster bleiben oder aus dem
Kloster gehen muß. Die Nonne bat um drei Tage Bedenkzeit. Sie erhielt
einen. Sie packte ihre wenigen Habseligkeiten unter den Nonnenrock,
lief davon. Es nieselte. Sie dachte, daß sie durchnäßt werden, eine
Lungenentzündung kriegen, sterben müssen wird, ′Das ist die Strafe,
weil ich glücklich sein will.′ Sie war es zufrieden. Sie ging auf den
Friedhof und wartete. Sie sang Kinderlieder und schaukelte einen Stock
im Arm. "Bist du verrückt?"
"Ich will nur noch einmal Kind sein, von vorn anfangen."
"Das können wir", sagte der Friedhofswärter, "meine Freundin ist tot."
"Tot?"
"Sie hat mich verlassen. Die Vorstellung, das ich von ihr hatte, ist tot. Ich bin frei."
"Ich habe das Kloster heute endgültig verlassen."
"Du kannst zu mir ziehen", sagte er.
"Das ist zu rasch."
"Gott laß es stärker regnen! Dann wirst dich bei mir aufwärmen müssen."
Die Nonne kicherte, der Friedhofswärter auch. Die Sonne brach durch die Wolken, kurz später schneite es.
Kreuzberg
Der Festungsring bestand aus Wagen, die Burg auch. Drin
waren Männer, Frauen, Kinder. Draußen auch. "Ich will nichts", sagte
Bergit. "Du willst uns zuschauen, wie wir zu wanken beginnen, die Augen
verdrehen. Filmst du es heimlich? Es ist wie im Western, die Helden
scheinen zu krepieren, aber im nächsten Film sind wir wieder da." Der
Mann kicherte, spritzte sich in den Arm. ′Er ist nicht dumm′, dachte
Bergit, ′Draußen wäre er -′ Sie zögerte. Die Menschen hatten sich in
der Burg verschanzt. ′Ich bin freiwillig hier. Und ich gehe freiwillig.
Wohin?′ Sie blieb sitzen. Es zog kühl durch die Lücken zwischen den
Wagen, sie nieste.
Leipzig
Eine junge Frau wurde krank, im Hals Eiterblasen, sie
erhielt Penizillin, durch die Fenster ihres Zimmers fiel Sonnenlicht,
die Haut begann zu jucken. Janina setzte das Medikament ab. "Penizillin
wurde früher aus Spinnenweben gewonnen. Hexen benutzten Spinnweben." Es
ließ anfällige Menschen gereizt auf Sonnenlicht reagieren, trieb sie
ins Dunkele. Janina hatte das Medikament abgesetzt, aber sie reagierte
auf Sonnenlicht mit Ausschlag, Schmerzen, Verbrennungserscheinungen.
Sie begann, nach Sonnenuntergang aufzustehn, sie ging vor Sonnenaufgang
ins Bett, die Vorhänge blieben zugezogen, sie lüftete kurz in der
Nacht. Sie wurde einsam. Sie wäre einsam geblieben, wenn sie nicht
Menschen gesehen hätte, die nachts durch Straßen, Parkanlagen
streunten. Sie waren weiß geschminkt, schwarz gekleidet. Als sie sie
das erste Mal sah, war sie erschrocken. ′Alptraum! Ich bin wach, ich
bin wahnsinnig geworden.′ Sie ging dicht an ihnen vorbei, ließ den Arm
ausschlagen, um sie zu berühren. Die Körper waren fest. Sie schlug
derber zu: "Au!" Sie erhielt eine Ohrfeige. "Entschuldigung", murmelte
sie. Sie schlich ihnen hinterher.
Sie stellten sich in eine Schlange, bezahlten, betraten eine Halle,
tanzten. Janina sah einen Mann, der ihr gefiel, sie stellte sich neben
ihn, fragte: "Wie kriegt man raus, ob etwas wahr oder geträumt ist?"
"Ist das nicht egal?"
"Wie kriege ich raus, ob es dich wirklich gibt oder ob ich dich träume?"
"Das ist egal."
Der Mann drehte sich um, sah sie belustigt an, küßte sie, zog sie fest an sich, "Spürst du mich?"
"Ja. Das ist groß."
"Angenehm?"
"Ja."
"Das andere ist egal."
Sie blieb neben ihm, bis die Musik endete. Als sie zur Eingangstür ging, wich sie zurück. Die Sonne war aufgegangen.
"Was ist los?"
"Die Sonne -"
"Na und?"
"Ich habe eine Sonnenallergie."
Sie streckte den Arm raus, zog ihn zurück und zeigte ihm Quadeln.
"Du bist also echt?" fragte er. Er griff ihr in den Mund und sah sich
ihre Eckzähne an, "Heutzutage kann man alles unsichtbar machen. Willst
du mich aussaugen?"
"Nein."
Der Mann zögerte, das Verlangen, die Frau nackt zu sehen, war stärker als die Angst, "Gehen wir zu mir oder zu dir?"
"Zu mir, dort sind Vorhänge. Ich kann aber hier nicht raus."
"Warum nicht?"
"Die Sonne."
"Willst du in der Ecke der Halle bleiben?"
"Ja."
"Ich muß aber schlafen. Ich habe Spätschicht."
Der Mann ließ sie allein. Sie weinte.
Als er in der Nacht wiederkam, suchte er sie, fragte
nach ihr. Der Einlaß sagte, eine Frau sei in der Halle eingeschlafen
gewesen, sie sei geweckt, nach Hause geschickt worden. "Nach Hause?"
"Ja."
"War es noch hell?"
"Ja."
"Sonne?"
"Ja."
"Das war Hexenverbrennung", sagte der Mann. Er suchte am nächsten
Vormittag nach Fenstern, die mit Vorhängen abgedunkelt waren. Er
klingelte einen Mann aus dem Schlaf, der Nachtschicht gehabt hatte,
eine Hure, die nachts... Er fragte bei ärzten nach einer Frau, die an
Sonnenallergie leidet. Es gibt ein Arztgeheimnis. Aber eine ärztin lief
ihm hinterher, fragte: "Lieben Sie sie wirklich?"
"Ja."
"Geben Sie mir einen Brief. Ich schicke ihn ihr."
Janina reagierte glückselig. Der Mann war Elektriker,
sein Kollege hatte Kinder und war froh, in der Frühschicht arbeiten zu
können. Er übernahm Spätschichten, um sich nach Dienstschluß ins
Nachtleben bewegen zu können. Sie gingen im Morgengrauen zu Bett,
standen gegen Mittag auf. Janina versorgte am Nachmittag die Wohnung.
Sie konnte Eßwaren übers Internet bestellen, bringen lassen. Der
Mann schenkte ihr Lichtinstallationen, sie veränderten beständig die
Räume, die Welt schien nicht klein geworden. "Aber unsere Kinder -"
Die Schule würde am Morgen beginnen.
"In Australien gibt es eine Höhlenwelt, in der steckbrieflich gesuchte Verbrecher leben."
"Wir sind keine Verbrecher."
"Die dort leben, werden das auch sagen. Wenn wir wollen, können wir
ihnen das glauben. Und fangen neu an." Janina spähte durch einen
Schlitz in den Vorhängen, sie sah den Mond, er war groß, hell und
schien ein Gesicht zu haben.
Iserlohn
Bena war Zug gefahren. Sie hatte allein bleiben wollen.
Wenn sie nicht allein sein kann, will sie ein Gespräch, damit es einen
Sinn hat, nicht allein zu sein. Der Zugfahrer hatte eine
Schwarzfahrerin erwischt, statt sie aber der Bahnpolizei in dem Ort zu
übergeben, in dem sie hatte aussteigen wollen, zwang er sie,
weiterzufahren, er hielt ihren Ausweis in der Hand. Bena hörte das
Jammern der jungen Frau und die Frage, wie sie zurück kommen soll, sie
hatte eine leere Geldbörse in der Hand. Der Zugführer sagte: "Sie haben
ein Rad ab", Bena sagte: "So nicht!" Der Zugführer schwieg, ging mit
der Fremden weiter; Bena ärgerte sich, dazwischengeredet zu haben, weil
sie das Gespräch vertrieben hatte. Es war wie in der Kindheit, in der
die Mutter kommen und auf den Fernsehknopf drücken durfte, der Film war
mitten im Fim zuende und regte Fantasien an. Eine Frau setzte sich ihr
gegenüber. Bena sagte: "Das Wetter ist trüb geworden."
"Ja."
"Ich freue mich über jeden Sonnenstrahl."
"Ja." Bena erzählte der Frau, was sie erlebt hatte. Die Frau war empört
über den Schaffner, Bena zufrieden, weil die Frau ordentlich aussah.
"Als ich noch jung war, bin ich getrampt."
"Ja, früher."
Die alte Frau ihr gegenüber erzählte, daß sie in einem Verein arbeitet,
der Menschen erklären soll, wie man alte Menschen pflegt, "Die Alten
hören hin, aber wenn die Jungen kommen, hören sie nicht hin, weil sie
das als Job tun sollen, damit sie nicht die Sozialhilfe gestrichen
kriegen."
Bena sah auf die Krampfadern an ihren Händen.
Der Zug hielt. Sie lief mit dem Stadtplan in der einen Hand, der
Reisetasche in der anderen. Das Hotel war eine Pension, Bena mußte eine
steile Stiege nach oben. Ihr schauderte. Das Zimmer war licht.
Sie war die Treppe nach oben gestiegen und hatte ihr
Alter gespürt. Als sie im Bad Licht anschaltete, ging ein
Belüftungssystem an. Bena wollte Stille, schaltete es aus. Sie sah ihr
Gesicht im Dämmerlicht im Spiegel, griff an die Haut vor den Ohren, zog
sie nach hinten, die Haut am Kinn wurde straff, die Falten, die die
Mundwinkel nach unten zu ziehen schienen, waren weg, ′Wenn ich die Haut
mittels Sicherheitsnadeln feststecken könnte...′ Ihr fröstelte. Sie
legte sich aufs Bett, zog die Decke zum Hals. Sie fror, warf die Decke
zurück, ging unter die Dusche, duschte heiß, kalt, ihr wurde wärmer,
sie legte sich ins Bett, sah zum Fernseher. Sein Bild war grau.
"Du legst dich einfach auf mich drauf!"
"Mama!" Bena sprang entsetzt aus dem Bett, sah unters Bett, in den Schrank.
"Mein Körper ist in der Erde, verwest. Sie legen und setzen sich einfach in meine Seele."
"Was soll dieser Scherz?"
"Kein Scherz", das System antwortete.
"Welche Zehe habe ich in der Hand?"
"Die kleinste."
"Wo ist die Kamera?"
"Ich bin keine Kamera. Mein Körper ist in der Erde, verwest. Sie legen und setzen sich einfach in meine Seele. Auch du."
"Mama?"
"Ja."
"Verletzt es dich?"
"Ich hatte mich getötet, weil sie mich verletzten. Geh zu meinem
Geliebten und schlaf mit ihm! Ich will ihn sehen, wie er dich anschaut,
wie er mich anschaute."
"Dein Geliebter war mein Vater."
"Ich will ihn sehen, wie er dich anschaut, wie er mich anschaute."
"Du willst, daß er schuldig wird, daß ich schuldig werde."
"Du schläfst täglich in mir, als sei ich nicht da!"
"Ich lege mich ganz rechts hin, dann kannst du links neben mir liegen."
"Sie hatten mir gesagt, wo und wie ich sein soll, ich will nicht, daß du mir sagst, wo ich liegen soll."
"Ich hatte dich gebeten, nicht zu sterben."
"Du müßtest mich jetzt pflegen. Ich habe dir das erspart!"
"Mama!"
"Ich bin alt geworden, du müßtest mich windeln. Ich würde beim Essen
sabbern und dich nicht erkennen. Ich habe dir das erspart. Aber du
legst dich beständig dahin, wo ich liege, du setzt dich dahin, wo ich
sitze. Als gäbe es mich auch in deinem Gefühl nicht mehr. Das tut weh."
"Mama, wenn du immer mit mir reden würdest, könnte ich tun, was du willst."
"Du hast keine Klemme im Haar, das Haar fällt dir ins Gesicht, es macht
dein Gesicht klein, deine Nase groß. Ich hatte es dir gesagt. Ich will,
daß du deine Augenbrauen rupfst, es läßt die Augen größer scheinen.
Deine Fingernägel sind nicht gefeilt. Aber du setzt dich in mich, wenn
ich irgendwo sitze, als hättest du mich ersetzt."
"Mamuschka, ich schminke mir die Lippen rot, wie du es getan hast.
Sogar die Haare habe ich gefärbt, um schön zu sein. Ich habe deinen
Lippenstift benutzt. Ein Mann hat mich angesprochen, weil er an der
Farbe erkannt hat, daß es ein Rot war, daß es nicht mehr in den Läden
gibt."
"Du denkst, ich bin nichts als rote Lippen."
"Du bist die Traurigkeit in mir."
"Du machst mir Vorwürfe!"
"Nein!"
"Du hast gesagt, daß du ohne mich nicht traurig wärst!"
"Mamuschka -"
Bena griff zur Fernbedienung, schaltete den Fernseher an. Niemand
drückte ihn aus. Bena weinte, sie sehnte sich nach der Hand ihrer
Mutter, die sie jeden Abend gestreichelt hatte, als sie ein Kind war.
Eine Windbö drückte das Fenster auf und strich ihr über die Haut. "Das
ist kalt", murmelte sie und schloß das Fenster. Der Himmel war grau,
eine dicke Wolkenschicht.
Wien
"Es gibt eine Erotik im Widerstand", dachte Sarah, als
ein junger Mann ihr einen Zettel in die Hand gedrückt und gesagt hatte:
"Komm hin." Sie sah im Licht der Straßenlaterne:
Versammlungstermin, Versammlungsort, Namen von Rednern. ′Soviel Zeit
habe ich nicht′, dachte Sarah, sie zog die Pferdedecke, die sie geborgt
hatte, weil es kalt war, fester um die Schultern, setzte sich an den
Straßenrand und sah die Demonstranten vorüberziehen. ′Wie viele es
sind.′
Als sie vorbeigezogen waren, lief sie zur Zugspitze
zurück. Voran ging ein Polizist. Er war schwarz gekleidet und schlank.
′Er ist auch erotisch′, dachte sie, bis sie sich vorgestellt hatte, daß
er ihr die Arme auf den Rücken dreht, sie in ein Auto wirft, um sie in
eine Zelle mit Gittern zu sperren. Aus einem Fenster klang Wiener
Walzer. Am Himmel standen Sterne.
"Bist du ein Feind?" fragte Sarah einen Mann, der Springerstiefel und eine gefleckte Hose trug.
"Nein."
"Deine Schnürsenkel sind weiß."
"Ich habe die Schuhe so gekauft."
"Was tust du?"
"Arbeitmäßig?"
"Ja."
"Ich arbeite am Wochenende für eine Sicherheitsfirma, um in der Woche
ausschlafen zu können. Ich hatte Jura studiert. Wo kommst du her?"
"Aus dem Osten."
"Ich hörte, die Frauen aus dem Osten mögen Sex."
Sarah sah auf seinen Bierbauch, ′Da ist nichts erotisch.′
Als sie weg und in ihr Zimmer gegangen war, Nachrichten im Fernsehen
ansah, Parlamentsreden anhörte, war sie verstört, daß ein Mann sie
interessierte, der zu den Nationalisten gehörte, ′Aber er redet klug.
Ich will mit ihm reden. Warum hat er das getan? Wegen den
Aufstiegschancen?′ Sie stellte sich vor, daß sie in einem Café sitzt
und mit ihm über Politik redet, ′Da ist nichts Erotisches drin. Er
erinnert mich an meinen Bruder.′
Sarah hatte am nächsten Tag eine Verabredung, ging ins
Café. Sie ging so selten in ein Café, daß sie Sitzplätze ausprobierte.
Sie blieb an einem Fenster, von dem aus sie zur Tür sehen konnte. Ein
Mann trat ins Café, sah sich suchend um, "Bin ich mit Ihnen
verabredet?" fragte Sarah. "Ich würde gern mit Ihnen verabredet sein",
sagte der Mann.
Sarah stellte sich vor, wie sie ihm nachsieht, drehte den Kopf nicht nach ihm um.
Der Mann, mit dem Sarah verabredet war, trat an den Tisch. ‚
"Sie sind also mein Partner?"
"Wenn Sie das wollen."
"Kommen wir zum Geschäft", Sarah klappte eine Mappe auf.
"Ich stehe in der Kurzparkzone", sagte der Mann, "Wo soll ich unterschreiben?"
"Hier!" Sarah zeigte auf eine weiße Stelle auf einem beschrieben Blatt.
Er beugte sich zu ihr, sein Haar berührte ihres, er nahm das Blatt,
legte es auf den Tisch, unterschrieb, "Ein Geschäft ist wie ein guter
Sex", sagte er, er winkte der Kellnerin, "Zwei Sekt! Ich stehe in der
Kurzparkzone", sagte er, legte Geld hin und ging. Sarah trank das eine
Sektglas aus. Das Café war fast leer. Es setzte sich niemand. Sie trank
auch das zweite Glas aus. Die Luftperlen prickelten im Mund. Die
Sehnsucht prickelte im Unterleib. Sie sah aus dem Fenster, Regentropfen
schlugen Blasen in Pfützen.
Halle
"Wo haben Sie das her?"
"Was?"
"Den Mantel."
"Eine Freundin hat ihn mir geborgt, es ist kalt."
"Ich hatte ihn genäht."
"Er ist nur geborgt."
Marthas Nachbarin hatte gesagt: "Den Mantel hat eine Frau gemacht, die
ich nicht mehr ausstehen kann. Bitte nimm ihn mit! Er paßt zu deinem
Haar." Die fremde Frau bespritzte sie mit Parfüm und ging weiter.
Martha grübelte, ob das eine Beleidigung war.
Es war Sonntagnachmittag. Martha litt, weil es auf den
Wegen zwischen den Käfigen enger schien als hinter den Gittern, sie
stand zwischen Menschen und sah sehnsüchtig zu den Tieren. Die Affen
saßen im Kreis und lausten einander das Fell. Marthas Mann war auf
Geschäftsreise.
Wege lichteten sich. Es wurde dunkler.
Martha stand allein. Ein Mann ging mit einer Harke in der Hand vorbei, "Wir schließen", sagte er.
"Ja", sagte Martha. Und rührte sich nicht.
Ihr fröstelte. Sie ging weiter. Wölfe jaulten zum Mond. Im Gebüsch
knackte es. Ein Schatten sah aus wie ein Mann. Er sagte: "Es ist
geschlossen."
"Ja", sagte sie.
"Haben Sie keine Angst", sagte er.
"Ich habe Angst", sagte sie.
"Die Wölfe kommen nicht raus", sagte er.
"Ich habe keine Angst vor den Wölfen."
"Mich hat ein Hund gebissen", ein Mann streckte den Arm, zog den ärmel zurück.
Martha wich zurück.
"Das ist komisch", sagte der Mann, "Sie haben vor mir Angst. Ich habe vor Ihnen keine Angst."
"Sind Sie ein Wärter?"
"Nein."
"Wieso sind Sie hier?"
"Sie sind auch hier."
"Sie sehen sehr blaß aus."
"Das macht der Mond", der Mann knippste eine kleine Taschenlampe an und
hielt sie sich in den Mund. "Nun bin ich rot gewesen", kicherte er.
"Sie lachen mich aus."
"Ich habe das Gefühl, sie wären im Moment lieber bei den Affen hinter Gittern als in dieser Freiheit. Wollen Sie raus?"
"Wo?"
"Ich zeige Ihnen ein Loch", der Mann wies auf Gebüsch vor einem hohen Zaun.
"Da gehe ich nicht hin."
"Dann gehe ich weiter spazieren, sie haben die Wahl hier im Mondlicht
zu stehen, so lange er scheint, oder durch das Dickicht nach draußen zu
kommen." Der Mann ging. Martha sah ihm nach. ′Ich müßte ihm heimlich
nachgehen, dann wüßte ich, daß er mich nicht verfolgt.′
Martha rannte ins Gebüsch, stolperte. Als sie aufsah, sah sie ins Gesicht des Mannes, "Haben Sie sich wehgetan?"
"Was wollen Sie von mir?"
"Sie waren gestürzt. Soll ich Ihnen das Loch zeigen?" Er berührte ihr Bein.
"Nein. Wie spät ist es?"
Der Mann sah zum Mond, "Vor Mitternacht."
"Brauchen Sie einen Job?" fragte sie.
"Nein."
"Von was leben Sie?"
"Die Tiere kriegen zu fressen. Haben Sie Hunger?"
"Nein. Haben Sie eine Familie?"
"Ich bin laut Genanalyse auch mit einer Fliege verwandt."
"Haben Sie studiert?"
"Was ist das?"
"Universität."
"Da müßte ich anwesend sein."
"Sie sind hier."
"Ja."
"Sind Sie immer hier?"
"Ich weiß, wo das Loch ist", der Mann ließ die Zunge im Mund kreisen,
Martha drohte, in Ohnmacht zu fallen, ′Das darf ich nicht!′Sie kniff
sich in den Arm.
"Glauben Sie, daß Sie träumen?"
Martha sah unsicher aus.
"Wenn es ein Traum ist, brauchen Sie keine Angst zu haben. Irgendwann
wachen Sie auf. Wenn es keiner ist", der Mann zögerte. "Ich gehe
jetzt", sagte er, "Sie können hier im Mondlicht stehen, so lange er
scheint, oder durch das Dickicht nach draußen gelangen." Der Mann ging.
Martha versuchte den Ausbruch. Im Gestrüpp waren Dornen, sie wirkten
wie Haken. Sie hörte ein Kichern. Unsicher ob es von einem Mann oder
einem Tier ist.
Martha sehnt sich, an den Fenstern ihrer
Erdgeschoßwohnung Gitter zu haben, so daß kein fremder Mann einsteigen
könnte, sie hat Angst, Gitter vor den Fenstern zu haben, ein fremder
Mann könnte sich in die Wohnung eingeschlichen haben, sie könnte nicht
fliehn. Sie sieht zum Mond. er sieht aus wie ein orangenes Ei.
Neu-Isenburg
Flugzeuge donnerten über das Dach.
Kiran saß am Computer und suchte nach Arbeitsangeboten, ′So geht das
Leben hin′, dachte er. Aber in jedem Tippen war eine Spur von Hoffnung.
Er sah sich die Daten der Orte im Internet an, zu denen es ihn
verschlagen könnte, wenn ein Arbeitgeber wie eine Frau sagen würde:
"Ich will dich!" Frauen hatte er ausweichen können, einen Arbeitgeber
könnte er nicht ablehnen. Mit einer Frau oder einem Mann hätte er reden
können, ob sie zu ihm ziehen würden. Ein Arbeitgeber konnte ihm
Vorschriften machen.
Ron: "Der Lärm ist schrecklich."
Kiran: ′Aber weniger schlimm als Autolärm.′
Er war gern in Neuisenburg zu Besuch, ihm gefiel die Architektur des
Hauskomplexes, in dem es Dachfenster in den Häuschen und einen Hof gab,
der die Räume verband.
Ron sagte: "Die Idylle ist kaputt. Ich habe Miriam hergebracht. Ich
liebe sie nicht mehr. Sie bleibt. Die anderen haben sie gebeten, zu
gehen, damit ich zur Ruhe kommen kann. Sie bleibt."
"Könnt ihr sie nicht rauswerfen?"
"Mit Polizei?"
"Ja."
"Dann wären wir wie die, die wir nicht sein wollen. Ich habe eine
andere Frau. Miriam will sie demütigen. Miriam ist geizig. Sie verdient
am meisten, aber sie kauft am wenigsten ein. Wenn einer andere nervt,
ausnutzt -"
"seid Ihr verloren."
"Ja."
"Was tun?"
"Sie entschuldigt sich nicht. Ich muß umdenken: Es muß einen Sinn haben, daß sie bleibt."
"Was willst du tun?"
"Abhauen."
"Wohin?"
"Reisen."
"Geld?"
Ron begann zu singen, "Siehst du den Mond hoch über den Dächern stehen, du kannst zu ihm und mir ins Herz sehen."
"Hast du einen Hut?" Kiran kramte in seinen Hosentaschen, warf Ron Münzen zu.
Ron lächelte, packte einen Koffer und ging los. Es war
Herbst. Als es regnete, hielt kein Auto. Ein Auto hielt, als es
aufgehört hatte zu regnen. Ron war durchnäßt. Er suchte ein billiges
Quartier. Die Heizung war kaputt. Er duschte heiß, legte sich ins Bett.
Die Sachen waren feucht, als er sie am Morgen anzog. "Ich trockne sie",
dachte er, fühlte sich warm, ging in die Einkaufspassage und sang.
Menschen warfen Geld auf seinen Koffer. Er sammelte es ein, kaufte sich
Essen und ging in sein Quartier. Am Morgen reiste er weiter. Er stand
am Straßenrand oder saß im Auto, Beine und Arme schmerzten. Im Hals
brannte es. Als er wieder sang, war er heißer. Er erhielt weniger Geld.
Als er wieder sang, krächzte er. Niemand warf Geld auf seinen Koffer,
obwohl er krank geworden war und Geld für ein warmes Quartier und
Medizin brauchte.
Er liegt in der Ecke einer Fabrikruine. Miriam steht an
eine Säule gelehnt, "Verzeih mir", sagt sie, "Ich suche mir eine
Wohnung, ich ziehe aus."
′Ich könnte zurück′, denkt er. Er hat keine Kraft, sich aufzubäumen.
"Hilf mir!" sagt er. Miriam löst sich auf. Durch die Halle weht ein
eisiger Wind. ′Aber manchmal′, denkt er, ′wird es im Herbst plötzlich
wieder warm′, und lächelt.
Jena
Es weht ein Gestank durch die Stadt. Die Menschen suchen
in ihren Wohnungen nach verwestem Fleisch, sie schauen auf ihre
Schuhsohlen. Kurz später ist das vorbei. "Das war Chemie."
"Woher?"
"Keine Ahnung."
Am Abend steht Ariane an der Kasse einer Kaufhalle. Die
Männer neben ihr stinken nach Alkohol und Dreck. ′Sie stinken nach
Freiheit.′ Sie wollen eine Flasche Apfelsaft bezahlen und blättern in
einem Katalog mit Uhren, "Wenn ich Geld hätte, würde ich mir eine teure
Uhr kaufen, sie muß schlicht aussehen." Ariane sieht hin.
Als sie im Hotelzimmer liegt, hält sie es für möglich,
daß die jungen Männer die Flasche mit Apfelsaft bezahlten, um anderes
aus dem Laden schmuggeln zu können.
Sie sucht ihre Tochter, ′Ich muß mich in sie einfühlen,
wenn ich eine Chance, sie zu finden, haben will.′ Ihr Mann liegt neben
ihr. Angezogen. Sie streicheln einander. Ariane schließt die Augen,
′Das ist so, als ob wir Kinder wären.′ Sein Finger findet ein Loch in
ihrer Strumpfhose, bohrt es auf. Ihre Hand liegt auf seiner Hose. Nach
einer Weile liegen sie beide entspannt.
"Wir werden sie finden."
"Wie?"
"Sie braucht Geld."
Ariane läßt ihren Mann im Puff nach ihr suchen. Sie begleitet ihn mit Brille, Perücke, im Anzug - "Zusammen sehen wir mehr."
Sie sehen sie nicht.
"Ich muß wieder zum Dienst", sagte Arianes Mann. Sie nickt.
Ariane geht zu Hilfsorganisationen, zeigt Fotos.
Kopfschütteln. Sie geht an einem zerfallenen Kloster vorüber. Aus einem
Keller steigen Männer mit Aktenkoffern in der Hand. "Ist da Geld drin?"
fragt Ariane.
"Dann hätte ich keine Probleme mehr. Du auch nicht. Aber ich würde das
Geld spenden. Es gibt ärmere Menschen als wir." Ariane hatte zu sich
selbst gesprochen. Ihre Tochter hatte geantwortet.
"Du? Hier?"
"Ja."
Ariane umarmt das schmächtige Mädchen. Sie gehen in ein Café und trinken Kakao. "Was tust du?"
"Wenn ich Staub von den Steinen auf der Haut habe, sehe ich aus wie ein Stein."
"Willst du das?"
"Ja."
"Kommst du nach Hause zurück?"
"Ihr braucht keinen Stein."
Ariane greift in die Manteltasche, schiebt ihrer Tochter einen Stein
zu, "Das ist ein Wunschstein. Früher hatte ich Kastanien. Sie waren
hart, glatt, verschrumpelten."
"So ist das Leben. Ich will mich nicht verschrumpeln lassen."
"Ich auch nicht." Sie kicherten beide.
"Wo wollen wir hinfahren?" fragt Ariane.
"Zu mir."
"Ok." Arianne greift nach ihrer Tochter - ins Leere. Ihr Bauch wird
schwer, "Sie ist wieder in mich gekrochen. Ich muß ihr Leben mitleben."
Sie geht in die Klosterruine, legt sich auf eine Matratze, es riecht
muffig, sie schläft spät ein, läuft am Morgen an den Rand der Stadt,
streckt den Arm raus. Ein Auto hält, "Ich fahre nach Witzleben."
"Das klingt gut."
Ariane steigt ein. Der Fahrer biegt von der Straße in einen Waldweg.
Ariane packt ein Messer aus, der Fahrer legt ein größeres Messer
daneben. Ariane sitzt nervös. Der Wald lichtet sich. "Ich fuhr eine
Abkürzung", sagt der Fahrer und grinst. Sie fahren in einen Ort, vor
dem ein Schild "Witzleben" stand. "Wen suchen Sie hier?"
"Keine Ahnung."
Ein Teil der Straße liegt im Schatten, der andere ist hell vom Sonnenschein.
Rudolstadt
"Es ätzt", Wendy wird blaß, atmet flach und sieht Wolf fragend an, "Vielleicht ist im Bad eine Flasche zerschellt."
Wolf verläßt den Raum.
"Es kommt vom Hausflur."
"Hausflur?"
Wendy tritt in den Wohnungsflur, es stinkt stärker, sie geht ins Bad,
der Gestank läßt nach, sie öffnet die Wohnungstür, "Was ist das?"
"Jemand hat auf das Plakat gesprüht, die Flüssigkeit läuft runter, auch der Lichtschalter stinkt."
"Die Nachbarin?"
Wolf lauscht, "Es scheint so."
Wendy liest den Text auf dem vollgesprühten Bild. Im
Text scheint kein Grund für Haß. Wendy graust, Terroristen führen
Krieg. Giftgas könnte durch Ritzen dringen. Sie notiert die Uhrzeit.
Sie bittet Wolf, Flüssigkeit aufzufangen, um ein Beweismittel zu haben.
Er sucht ein kleines Gefäß, streicht Flüssigkeit hinein. Die Nachbarin
öffnet die Tür. Sie ist nicht entsetzt über den Geruch. "Was ist das?"
fragt Wendy. Die Nachbarin schweigt. "Waren Sie das?"
Die Nachbarin sagt: "Ich stehe hier und faxe."
"Soll ich die Polizei rufen?"
Die Nachbarin schweigt.
Wendy ruft ihren Sohn an und sagt, daß, falls ihnen
etwas passieren wird, die Nachbarin Schuld haben könnte. Er sagt, sie
soll die Polizei anrufen. Wendy zögert. Sie legt ein nasses Handtuch
vor die Wohnungstür. Die Tür zum Schlafzimmer läßt sich nicht
zuschließen. Vor den Fenstern verlaufen breite Simse, auf denen man von
der Nachbarwohnung laufen könnte.
Wendy kann die Fenster nicht schließen, sie kippt sie an. Sie weiß
nicht, ob die Nachbarin einen Nachschlüssel hat. Sie stellt Flaschen
vor die Tür, sie würden umfallen, scheppern. Sie stellt neben das Bett
ein. Zwei Küchenmesser daneben.
Als sie am Morgen aufwacht, hört sie ein Geräusch durch
die Tür, die zum Balkon führt. Die Nachbarin sitzt auf dem Balkon der
Nachbarwohnung hinter einem Stoffvorhang und rezitiert Gedichte. Wendy
gruselt. Sie muß kichern. Das Plakat hatte eine sitzende Frau gezeigt,
die sich so fett gefressen hatte, daß sie ein Kreis schien. Das Bild
könnte eine Kugel zeigen, auf die eine kleine Kugel als Kopf gelegt
ist. Sie hatte nicht an die Nachbarin, sonden an Harmonie, die eine
kleine Erschütterung zerstören könnte, gedacht, ′Der Kopf würde
abrollen.′
Sie kicherte, weil sie mit ihrem Mann in die
leerstehende Wohnung ihrer Wohnung gezogen war, um den Frust über die
Arbeitslosigkeit ihres Mannes für ein paar Tage vergessen zu können. Er
hatte seinen Chef kritisiert. Das war alles. Sie sieht aus dem Fenster
zur Straße: es regnet. Sie sieht durchs Fenster in den Garten: Sonne
scheint.
Paris
Knut war arbeitslos geworden. Er verlor die Wohnung, er
zog in die Katakomben von Paris. Sein Vater hatte ihm Taucherzeug
hinterlassen, Knut wollte es verkaufen, zog es an und beschloß, es zu
behalten, eine Schleuse zu bauen, eine Katakombenwand zu durchbrechen.
Im Wasser der Seine schimmerte Tageslicht. Da und dort
schwamm ein Fisch im Wasser. Er fing ihn mit dem Köcher. Ab und zu
schwamm eine Ente im Wasser, Knut zog sie an den Beinen nach unten und
hatte zu essen. Die Maschinen der vorbeifahrenden Schiffe machten
Technomusik.
Knut war allein, es stimmte ihn traurig. Wenn eine Bier-
oder Schnapsflasche im Wasser trieb, war sie leer. Der Sauerstoffvorrat
in der Taucherflasche schwand. Er konnte nicht oft ins Tageslicht des
Flusses. Knut aß wenig, schlief viel, um die Traurigkeit nicht fühlen
zu müssen.
Er wurde wachgerüttelt. Ein Mann hatte ihn für eine
Leiche gehalten. Der Mann suchte in den Katakomben nach Leichen, um
seinem Leben einen Sinn zu geben. Er schlug niemanden tot, um eine
Leiche zu haben, zur Polizei gehen zu können, von Journalisten
fotografiert zu werden. Er murmelte nur: ′Ich dachte, der ist tot. Er
sah tot aus. Ich dachte, du bist tot.′
Knut fand die Idee gut, seinem Leben einen Sinn zu geben. Er schnüffelt
nun auch nach Leichengeruch. Er findet nur vereinzelte Knochen. Er kann
einen Hunde- nicht von einem Menschenknochen unterscheiden. ′Wenn ich
blind wäre, würde es mich nicht stören, hier unten zu hausen.′ Er
glaubt, die Blinden beneiden zu müssen, er hält ein Messer vors Auge
und sticht nicht zu. Er erschrickt vor sich selbst, aber er weiß sich
keinen Rat. Er möchte nach oben auf die Straße gehen, um zu schießen.
Er will aus dem Ohnmachtsgefühl, daß wahnsinnig macht. Er hat keine
Pistole.
Er geht nach oben und schreit. Wenn ein Passant Geld in seinen Schuh
wirft, schweigt er für einige Minuten. Er nennt es ′Das gekaufte
Schweigen.′ Ein Polizist schüttelt das Geld aus dem Schuh, "Das
stinkt." Er hebt es mit einem Zellstofftaschentuch auf und steckt es
ein.
Knut erhält einen Strafzettel, er liest ′öffentliches
ärgernis.′ Er denkt, daß das, was der Polizist tat, ein öffentliches
ärgernis ist. Er sieht sich um. ′Im Film wäre ich ein Held.′ In den
Katakomben lagen Röntgenbilder. Sie wirkten zerfressen. Er dachte, daß
er Krebs haben könnte. Er hat keine Krankenversicherung. Er beschließt,
zu stehlen, er will in ein Gefängnis, um untersucht zu werden,
überleben zu können.
Es tröstet ihn, daß sein Leben als Film spannend wäre. Er zieht den
Bauch ein und streckt den Rücken. Er fühlt die Kamera. Er will die
Zuschauer nicht enttäuschen. Er glaubt, daß eine Rückblende
eingeschoben werden wird, die ihn im Anzug zeigt, zwei Frauen sehen ihm
hinterher. Schnitt. Eine Frau sieht hinter ihm her, zieht ein
angeekeltes Gesicht und flüstert ihrem Kind ins Ohr. Sie zieht das Kind
weg. Schnitt. Knut schlägt einen Mann bewußtlos, zieht ihn aus, um
einen Anzug zu haben. Er sieht, daß der Mann ihm ähnlich sieht. Er
nimmt seine Papiere, Schlüssel. Er zieht den nackten Mann ins Gebüsch.
Der Mann könnte erfrieren. Knut sagt sich, daß ihm das egal sein muß.
′Der Regisseur ist verantwortlich.′ Er geht in eine fremde Wohnung,
benutzt Bad und Küche und geht am Morgen zur Arbeit. Er betritt das
Büro einer Bank, aber er weiß nicht, was zu tun ist. Er sagt, daß das
ist, weil er einen Schlag auf den Kopf erhielt, einen Schock hatte. Der
Chef sagt, daß er keinen Nerv mehr für seine Scherze hat und entläßt
ihn fristgerecht. Knut denkt, daß er die Frist nutzen könnte, in der
Bank Geld zu klauen. Aber der Chef schickt ihn gleich nach Hause. Knut
kriecht in die Katakomben zurück und denkt, daß die bedeutenden Filme
ohne Happyend sind. Er überlegt, welche Rolle, er als nächstes beginnen
sollte. Er glaubt, daß es schwierig sein könnte, einen Frauenmörder zu
spielen. Er denkt, daß er lieber einen Terroristen darstellen will. Er
überlegt, wie die Rolle glaubhaft werden könnte. Er versucht, sich an
Filme zu erinnern, schläft ein. In der Nacht bricht die Schleusentür.
Vom Himmel regnet es fädig.
Frankfurt
Kreola sitzt im Flugzeug, sie träumt, daß ihr Mann sie
zwischen den Beinen berührt. Ihre Hand liegt unter der Jacke. Sie
streichelt, läßt sich zusammenzucken, öffnet die Augen, als habe sie
schlecht geträumt. Sie denkt an ihre Kinder, sie hat Schokolade im
Gepäck. Sie durchblättert die Zeitung. Sie liest überschriften und die
letzten Zeilen der Artikel, ′Nichts Neues.′ Sie will Neues, ′Friede,
Freude und Eierkuchen.′ Das Flugzeug landet, es berührt fast die
Baumwipfel. Zwischen den Bäumen stehen zwei Männer. Sie halten
Mikrofonstangen mit Zeppelinen. In einem ist ein Mikrofon, im anderen
ein Maschinengewehr.
Die Kugeln blieben in der Außenhaut stecken. Die
Maschine landet. Der Mann mit dem Mikrofon tut, als habe er nichts
gehört, gesehn. Er denkt, daß er zur Polizei gehen müßte, ′Sie würden
hier alles dicht machen.′ Er denkt, daß er schweigen muß, wenn er
Flugzeuggeräusche aufnehmen können will. Wenn Flugzeuge landen, ist
Sturm in den Wipfeln, kurz später ist es still, nur die Autos fahren
vorüber. In der Musik, die er aus den Geräuschen herausarbeitet, ist
der Anschlag zu hören. Niemand hört hin. Der Himmel ist graugefleckt.
Spanien
Minna verliebte sich in einen Beichtvater. Sie spürte es
deutlich. Sie ging beichten, wenn er da war. Sie war so aufgeregt in
seiner Nähe, daß sie nicht reden konnte. Er legte seine Hände auf ihre,
sie lief davon. "Sie mögen mich nicht?" fragte er, als sie sich das
nächste Mal zu ihm setzte. Sie schüttelte den Kopf, stand auf und lief
davon.
Sie bereitete sich vor dem Badspiegel vor. Als sie wieder in die Kirche
trat, wußte sie, was sie beichten wollte. Sie sprach von Freßsucht. Er
sah kein Problem und schwieg. Sie erzählte von Sexlust. Er sagte, daß
Enthaltsamkeit hilft, Christus zu lieben und schwieg. Sie behauptete,
daß sie gestohlen habe. Sie sollte das Gestohlene zurückbringen. Sie
beichtete einen Mord. Als sie wiederkam, gab er ihr zu trinken, sie
wurde müde und schlief ein. Sie wachte in einem kahlen Raum auf. Die
Tür war angelehnt. Sie sah Nonnen, ′Ich bin in einem Kloster′, sie war
entsetzt. Eine Nonne nahm sie bei der Hand und führte sie zur Oberin.
"Sie hatten Glück", sagte die fremde Frau, "Der Pater will sie
beschützen. Er sagte mir, daß es Notwehr war."
"Ich habe ihm nichts getan."
"Er will, daß die Polizei ihnen nichts tut. Sie werden das Kloster nicht mehr verlassen."
"Ich will raus. Ich habe keine Angst vor der Polizei."
"Sie sind verwirrt, mein Kind. Es ist immer Sehnsucht, Unrechtes nicht
getan zu haben. Aber der Mann ist tot. Wenn sie darüber sprechen
wollen, können Sie zu mir kommen."
Minna begriff, daß ein Mann ermordet worden war, als sie
sagte, daß sie einen Mann ermordet hat, um die Stimme des Beichtvaters
hören zu können. ′Ich muß hier raus′, dachte sie. Die Klostermauern
waren hoch, drüber war ein Stück grauer Himmel.
Namibia
Anna und Fitz fuhren durch Afrika. Sie kamen in ein
Bergwerk, über einem grünlichblauen See war ein Schacht in den Fels
getrieben. Sie betraten ihn und warteten, bis sich die Augen an die
Dunkelheit gewöhnt hatten. "Man kann in ihm sehen, wie tief die
Erzflöze reichen." Anna fuhr mit der Hand über Stein, neben dem Eingang
war ein Hebel, ein Gitter sauste nach unten, "Nun sind wir gefangen und
müssen uns ewig lieben", "Oder gegenseitig schlachten, fressen, wenn
sie uns nichts zu essen geben."
Aber die Fremden hinter dem Gitter gaben ihnen zu essen.
Sie hielten ihnen sogar ihren Schwänze und ihre Schenkel ans Gitter,
sie brauchten die fremde Haut nicht. Im Schacht war es kühl.
Das Gitter war aus Fantasie, es ließ sich auseinanderbiegen. Sie
fuhren. Das trockene Gras verströmte süßlich betäubenden Geruch. Anna
wollte zu einem Berg, als könnte sie ihn besteigen und ins Tal sehen, -
wohin die Piste führte. Fitz lenkte den Wagen in die Seitenspur und
blieb im Sand hängen. "Ich gehe voran", sagte Anna.
Als sie sich umdrehte, sah sie das Auto rückwärts
rollen. "Er wird mich verlassen", dachte sie und spürte die Schwere
ihrer Beine, sie griff zum Fettgürtel um ihren Bauch. "Dort ist der
Fluß", sagte Anna und sah über einen Sattel auf die Berge, die sie
umlaufen, überqueren würde. Sie würde erschöpft zum Fluß kommen, "Wenn
ich sonst sterben muß, darf ich Flußwasser trinken." Anna sah sich den
Fluß durchqueren. Sie sah, daß das Flußbett ausgetrocknet war, "Ich
habe Durst", sagte sie, wühlte in der trockenen Erde, legte sich still
zu Boden, um einen Geier anzulocken, nach seinem Hals greifen, ihn
erwürgen, sein Blut trinken zu können. Als ein Vogel über ihr
war, verdunkelten seine Schwingen den Himmel. Anna sah Schnabel,
Krallen, sprang auf, der Fremde flog hastig davon.
Anna erreichte das Camp, es hatte einen Wasserhahn und eine Reisegruppe, "Wo kommen Sie her? Ist Ihnen etwas passiert?"
"Ich bin meinem Mann davongelaufen. Darf ich schweigen?" würde Anna
sagen. Sie hätte das Gefühl, ihn zu schützen, ′weil ich ihn liebe.′
"Steig ein", sagte der Mann neben ihr, sie stieg ein, er wendete das
Auto und blieb im Sand stecken. "Warum hast du das Auto nicht zur
Hauptpiste gebracht?" "Ich wollte dir entgegen fahren", sagte der Mann,
der jung aussah, als sei er ihr Sohn. Es war heiß.
Anna lief eine hohe Düne auf dem Grat nach oben, sie sah
links und rechts in die Tiefe, der Wind wehte böig, sie griff nach der
Hand von Fitz, setzte sich in Abständen von fünfundzwanzig Schritten,
"um sich kurz umzuschauen." Als sie auf dem Gipfel standen, hockte sie
sich hin, rutschte nach unten. Fitz folgte ihr, "Du hast kein Foto
gemacht", "Wegen dem Wind, Sand."
"Ich gehe fotografieren", sagte Anna an einem Berg, der
Quarzadern hatte und in Schichten abblätterte, seine Löcher waren weich
geformt, Anna sah hin. Fitz hatte den Berg erstiegen, runtergesehn und
gesagt, daß der Berg zu steil für sie ist, "Ich könnte dich nur mit
Seil wieder runterkriegen." Anna ging ohne ihn los, stieg nach oben,
"Er will, daß ich kein Selbstvertrauen habe." Sie war fast oben, als
sie die Angst wie ein Peitschenschlag traf, der schwindeln, abstürzen
lassen kann. Sie mußte Kacken und hatte als Klopapier Steine. Sie sah
einen Abstieg, er endete an Steilwänden. Sie fand einen Abstieg, ′Der
ist ungefährlich.′ Sie glaubte das Auto von Fitz zu sehen, winkte, es
fuhr davon. Noch eins. "Die Autos sehen hier alle gleich aus." Sie
dachte, daß sie ihn wegen dem Satellitentelefon rasch aufspüren lassen
könnte, falls er davongefahren wäre, "Meine Feinde würden sich freuen,
wenn das in der Klatschpresse steht. Ich müßte ihn gehen lassen."
Fitz kam ihr entgegen.
Anna spürte die Brust auf ihr Herz drücken, "Sie ist schwer, schlaff."
Anna sah eine Fliege auf der Haut ihrer Schulter, "Töte sie!" Fitz
schlug die Fliege tot. Anna und Fitz hatten noch nie eine Tsetsefliege
gesehen. Die Fliege ließ sich schwer töten, das sprach dafür, daß sie
von der Art war, die die Schlafkrankheit überträgt. "Sie hat mich
gestochen", sagte Anna und gähnte. Sie war zu Hause Politikerin, sie
war es müde geworden. Sie hatte gefragt, ob sie in Afrika arbeiten
dürfe, damit eine Abwechslung in ihrem Leben sein kann. "Keine
Arbeitserlaubnis." Sie ließ sich müder werden, legte sich hin und starb.
Als Anna tot war, legte Fitz sie neben einen
Termitenhügel, damit sie ein ungewöhnliches Grab erhielt. Er notierte
die Koordinaten. Als er den Grabstein Jahre später mit einer Geliebten
besuchte, war er von Termiten verlassen, zerbröselt. Fritz hatte Angst,
in die Löcher zu stochern. Der Himmel über ihm hatte Wolken und weinte
einige Tropfen. Sie fielen auf einen Totenschädel, der abseits lag. Er
war von einer Ziege oder einem Schaf.
Botswana
Karla sah unsicher aus dem Fenster, "Was tun wir, wenn ein Affe uns die Sonnenbrillen klauen will?"
"Ich drücke den Fensterheber."
Karla erinnerte sich an den Schmerz und eine Blutspur an ihrem Finger,
"Das Glas könnte ihm den Kopf abdrücken", es hatte ihren Finger
eingeklemmt.
"Dann haben wir einen Affenschädel", Frank kicherte, "Wir stopfen ihn aus und schenken ihn den Enkelkindern."
"Hast du kein Mitleid?"
"Es gibt hoch zivilisierte Gegenden, da wird der Kopf eines lebenden
Affens in ein Holzgestell geklemmt, der Kopf aufgesägt, das Gehirn
gelöffelt. Ich habe gesehen, daß die Augen, der Mund eines
Fischgerippes sich noch bewegten, weil ihm das Fleisch von den Gräten
bei lebendigem Leib geschabt worden war, damit es so frisch wie möglich
auf den Teller kommt. Das Leben ist hart. Ich wurde nicht befördert."
Ein Esel fickte am Straßenrand seine Frau, ließ ab, als
das Auto von Frank und Karla ihnen nah kam, ein Eseljunges stand
daneben, Samen tropfte aus dem Bauch der Eselin. Karla sah Frank
sehnsüchtig an, ′Es ist warm′, sagte er. Sie nickte. "Es ist heiß."
Frank sah ein Chamäleon auf der Straße, fuhr rückwärts,
stieg aus dem Schatten des Autodachs, griff nach einem Stöckchen und
ärgerte es, um zu sehen, wie es sich aufplusterte, mit giftgelbem
Rachen fauchte, "Es kann sich nicht wehren", sagte er, griff nach dem
Tier, daß die Luft aus sich ließ und dünn wie eine Zeitung wurde, "Es
kann mir nicht entkommen", sagte er und dachte an seinen Mitarbeiter.
Karla schwieg.
Frank stieg ins Auto, fuhr schneller, raste und fuhr
einen Affen an, "Idiot!" es war eine Affenfrau, das Auto kam nach links
ab und kippte, ein Steinbrocken fing es auf. Der Affenmann zertrümmerte
die Scheibe, zerrte Frank nach draußen, Scherben schnitten ins Fleisch,
er zerrte ihm die Kleider vom Leib, zog sie an, sie sperrten ihm über
dem Bauch, Frank stand nackt und rannte los. Der Affe kippte das Auto
zurück, winkte den Affenkindern, setzte sie auf die Rückbank des Autos,
sich ans Steuer und fuhr los."Nun habe ich einen Affen als Mann",
dachte Karla.
Die Luft war schwül, Wasser lief vom Scheitel des Kopfes zum Boden,
"Ich muß mich nicht waschen", dachte Karla. In der Ferne zogen Lichter
in Zickzacklinien zur Erde.
Weimar
Ein Mann sieht auf ein Plakat, das Goethe und Schiller und Würste zeigt, Text: Unsere Besten. ′Die Thüringer Wurst ist gut′, denkt er, er muss Spucke schlucken. "Die Reflexe funktionieren noch."t
Er fühlt sich lebendig und streichelt seinen Hund.
An einem Wehr hüpft der Hund in den Fluss und gerät in den Sog der Anlage. Der Mann springt hinterher, um das Tier zu retten. Die Strömung ist zu stark. Ein Familienvater, der mit seiner Familie mit Rädern unterwegs ist, eilt zu Hilfe. Er wird unter Wasser gezogen.
Nils sitzt unter dem Sonnenschutz einer Brücke der Ilm, ′Alles fließtprime;, denkt er und wundert sich über Farbenspiele, ′als sei ein Mann vorbeigetrieben. Oder ein Hund.′ Er setzt die Brille auf, um scharf sehen zu können. Aber da war es flußab und davon. Er reißt einen Zettel aus seinem Notizbuch, wirft ihn ins Wasser.
Der Zettel wird ans Ufer gespült und von einem an Geld reichen Mann und seiner Tochter gefunden. Sie wollen wissen, wer die Verse schrieb und laufen flussauf. "Sind Sie das?"
"Ein Zettel? Ich weiß nicht."
"Darf ich Ihr Financier sein?" fragt der reiche Mann. "Ja."
"Darf ich Sie lieben?" fragt seine Tochter. "Ja."
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Der Dichter lächelt so verträumt, dass eine Frau, die ihre Katze am Halsband spazieren führt, stehen bleibt, "Sie erinnern mich an meinen Bruder. Er sprang vom Kirchturm."
Nils sieht starr gerade aus, als habe er nichts gehört. "Er blieb in einem Baum hängen."
Ein alter Mann geht am Fluss spazieren und findet zwischen angeschwemmten Bäumen eine Leiche. Er grübelt, warum ein Mann als Leiche im Wortschatz weiblich ist. ′Man kann nicht sehen, ob er arm oder krank war. ′Er denkt, dass er seinen Körper der Seele des Toten zur Verfügung stellen würde, ′In mir ist Platz geworden, die Seele drängt raus.′ Er sieht sehnsüchtig zu einem Wölkchen, das am Himmel treibt, als sei es aus Schaffwolle und könnte ihn wärmen.
Das Goethebarometer zeigt Hochdruck, die Schwalben fliegen hoch. Eine Frau wirft Erde in ein Grab und sagt zornig: "Du hast einen Hund retten wollen, du bist aus Mitleid mit einem Hund krepiert"
"Ich hätte gern Mitleid mit Ihnen", sagt der Hundebesitzer, "Aber mein Hund ist tot."
Der Lebensversicherer unterstellt, dass es ein Selbstmord war. Die Familie ist hoch verschuldet. Die Frau sagt vor Gericht: "Es war kein Selbstmord. Er hatte Krebs. Er hätte warten können."
Hagelkörner fallen aus einem blauen Himmel.
Hamburg
Ein Bauer wurde reich. Er könnte Autos, deren Markennamen nach wilden Pferden klingen, fahren, er könnte eine funkelnde Uhr tragen, sich eine junge Dienstmagd halten, er könnte auf die Reeperbahn gehen. Einem Bauer wurde ein Stück Acker abgekauft, um eine Startbahn für Flugzeuge verlängern zu können. Er fühlt sich wie jemand, der seine Mutter zur Prostitution gezwungen hat. Er betet zu Gott. Er trägt Hut und Gummistiefel, er schlurft jeden Morgen um sechs Uhr in den Stall, "In meinem Leben ändert sich nichts. Ich kaufe mir keine Villa, kein neues Auto. Verreisen werde ich auch nicht. Schließlich muss ich meine Viecher versorgen."
Der Bauer fährt einen alten, klapprigen Opel, "Der hält noch zehn Jahre."
Er steht nach dem Mittagessen auf. "Wir könnten uns ausruhen", sagt die Frau. "Wir sind noch nicht tot. Auf dem Hof gibt es immer etwas zu tun."
Seine Frau will eine Einbauküche mit einer Geschirrspülmaschine. Der Bauer: "Wir waren früher zufrieden. Alles bleibt so, wie es ist! Ich will, dass wir zufrieden sein können."
Er beugt sich und küsst ihren gekrümmten Hals.
Sein Sohn sagt: "Ich habe Angst."
"Wovor?"
"Sie könnten mich kidnappen, um Geld von dir zu erpressen. Ich weiß nicht, wie du dich entscheiden wirst."
"Du bist mein Sohn."
Der Bauer geht durchs Dorf. Wenn Fremde ihn grüßen, grüßt er nicht zurück. Eines Morgens ist er verschwunden, die Tiere bläken, seine Frau versorgt sie, nach vier Tagen ist er zurück. "Ich habe eine Puffotter gesehen."
"Du warst im Puff?"
"Ich habe das Geld vergraben, tief vergraben."
"Wo?" fragt sein Sohn. Der Bauer: "In Südafrika. Eine Kuh stand dort, ausgetrocknet, an einem Zaun."
Der Sohn erzählt am Kneipentisch, dass sein Vater das Geld in Südafrika vergraben hat, "Eine Kuh steht dort, ausgetrocknet, an einem Zaun."
"Du spinnst."
Der Sohn lernt eine Frau einer Fluggesellschaft kennen, er küsst sie zwischen den Beinen so heftig, bis sie ihm bestätigt, dass sein Vater nach Südafrika flog. Er küsst eine Bankangestellte stürmisch auf die Lippen, sie schweigt, bis er ihr sagt, dass sie von dem Geld gemeinsam leben könnten, "Gefunden ist nicht geklaut."
Sie bestätigt ihm, dass das Geld vom Konto seines Vaters verschwunden ist.
Er kauft eine Landkarte und legt sie dem Vater vor. "Ungefähr hier", sagt er, "Aber warum du? Du kriegst den Hof."
"Weiß sonst jemand davon?"
"Ich sah nur die Kuh. Niemand hat sie fressen wollen, so ausgedörrt war sie."
Der Bauer sieht aus, als denke er an seine tote Mutter.
Sein Sohn fliegt mit Freunden nach Südafrika, "Es ist ein Abenteuer. So oder so."
Sie finden eine ausgedörrte Kuh, die neben einer Piste, an einen Weidezaun gelehnt, steht. "Auf welcher Seite hat er das Geld vergraben?"
"Auf der Seite der Kuh."
"Weit weg?"
"Er ist Bauer."
"Die Stelle, an der er es vergraben hat, müsste anders aussehen."
Eine Stelle sieht anders aus, sie graben. "Er hat gesagt, dass es tief liegt."
Sie graben und graben. In der Tiefe wird die Erde kühl. Sie wird feucht. "Wir haben einen Brunnen gegraben."
"Aber wo ist das Geld?"
"Es war ein Abenteuer. Zu Hause gibt es besseres Bier." Er klopft seinen Freunden lachend auf die Schulter.
"Wo ist das Geld?"
fragt der Sohn. "Ich habe es vergraben", sagt der Bauer. Er legt eine Landkarte auf den Tisch und zeigt auf eine Halbinsel im Norden Mexikos. "Du könntest das Geld dort suchen und Brunnen graben."
I"ch bin kein Heiliger, sondern ein Bauer," sagt der Sohn, "Ich bleibe hier."
Ein Sturzregen weicht den Boden auf.
Frankfurt Oder
"Wenn du eine Information willst, musst du foltern können. Es kann Leben retten."
"Wenn du folterst, sagen sie irgendetwas."
"Dann musst du sie mehr foltern, bis sie die Wahrheit sagen."
Junge Männer überfallen einen jungen Mann und verschleppen ihn in eine Wohnung. Sie sagen, er habe ein Mädchen vergewaltigt, sie drücken glühende Zigaretten auf seiner Haut und Zunge aus, stechen mit Messern und Gabeln zu, würgen ihn, bis er fast erstickt. Sie zwingen ihn Rasierschaum und Spülmittel zu schlucken, er muss das Erbrochene aus einer Toilettenschüssel und Vogelkot essen. Sie zünden das Gas einer Spraydose mit einem Feuerzeug an und richteten sie als Flammenwerfer auf ihn, "Du bist kein Mensch mehr", sie urinieren auf die Brandwunden, auf seinen Kopf und in seinen Mund. Sie schieben ihm einen Bürstenstiel und einen Messergriff in den Hintern, "So ist das, wenn man vergewaltigt wird."
Frauen klatschen und lachen. Sie tragen bauchfreie Pullis und Stöckelschuhe.
"Was nutzt das, wenn man foltert und der Mann etwas gesteht, was er nicht getan hat?"
"Dann hast du sein Geständnis."
"Er hatte keine Frau vergewaltigt."
"Es könnte aber sein. Es herrscht Krieg. Im Krieg gibt es die einen und die anderen. Wenn du dazwischen kommst, wirst du gefoltert, bis du sagst, was du sagen sollst, für die einen oder die anderen. Sie geben dir Geld und nehmen dir die Bürgerrechte, sie dürfen deine Wohnung durchsuchen, du darfst ohne Erlaubnis den Ort nicht verlassen. Das ist wie im Lager. Du liest `Arbeit macht frei`, aber es gibt keine Arbeit. Du bist auf der einen Seite, ob du willst oder nicht."
"Aber er - ?"
"Er war zwischen die Fronten gekommen."
Ein Rieselton durchzieht das Haus, als würde es zusammenstürzen. Graupelkörner fallen vor dem Fenster und schmelzen.
.
Petersburg
"Moldawien stimmt dir das Herz weit. Aber der Magen knurrt."
Tanja hatte sich in einen Reisenden verliebt, er reiste weiter. Als sie mit einem Kind im Arm vor der Hütte sitzt, sagt ein Verwandter, dass sie in Petersburg Arbeit finden könnte. "Mit Kind?"
"Es gibt Kinderbetreuungen."
"Was für eine Arbeit?"
"In einem Geschäft. Der, der ein Geschäft hat, kann viel Geld verdienen. Er kann viel verkaufen."
"Gibt es in Petersburg nicht genug Verkäuferinnen?"
"Er ist ein Freund von mir."
Als sie in Petersburg angekommen ist, erhält sie Essen. "Wir versorgen dein Kind", ein Mann nimmt ihr das Kind aus dem Arm und verlässt den Raum. Ein Mann tritt ein, nähert sich, sie weicht zurück, er sagt: "Ich habe bezahlt", er greift ihr zwischen die Beine, sie ohrfeigt ihn, er schlägt zurück. Sie wird in ein Badezimmer gezerrt, ein Mann drückt ihr die Klobürste zwischen die Beine, dreht sie, "Ist dir das lieber, als mit einem Mann? Wir haben dein Kind."
"Du fühlst dich wie eine Kloschüssel und lässt das, was die Männer tun, mit dir geschehen. Wenn sie eine Frau wollen, könnten sie sie doch lieben, nicht wahr?"
Tanja sieht mich mit weit geöffneten Augen an, "Hast du einen Job für mich?"
Ich sehe mich in ihren Pupillen als Monster. Sie glaubt, dass sie von einem Fremden verliebt gemacht und geschwängert wurde, damit sie erpresst werden kann. "Das Kind ist zur Hälfte er und zu Hälfte ich", sagt sie. Sie beschloss, Teile ihres Ichs zu opfern und zu fliehen. "Ich habe keinen Job für dich", sage ich, "Eine Frau lag im Koma. Als man die Geräte abstellte, wachte sie auf. Sie verließ das Krankenhaus und nahm Drogen, um sich zu betäuben. Sie sagt: ′Ich hänge nun am Tropf wie zuvor.′ Es gibt keine Jobs."
"Du wärst eine gute Puffmutter", sagt sie und legt ihre Hand auf meine, "Menschen sind wie Geschichten. Sie brauchen ein Happyend."
Ich lege meine Hand auf ihre: "Du musst einen Mann finden, der dich liebt und Geld hat."
Tanja rutscht zu Boden, legt den Kopf auf meinen Schoß und sagt: "Mama."
"Wenn ich deine Mama wäre, müsste ich auch dein Kind retten."
Ich nenne mich Tina und spreize für Männer die Beine, die es fasziniert, dass sich eine Deutsche in Russland prostituiert. Tina zählt jeden Abend Geld. Tanja verlangt, ihr Kind zu sehen, "Vielleicht ist es schon tot."
Sie zeigen es ihr. "Ich will mit ihm spazierengehen, sonst fickt der nächste Mann eine Leiche!"
Sie geht mit dem Kind, ein Mann begleitet sie, Tina rast auf ihn zu, er springt zur Seite, Tanja springt ins Auto, zerrt das Kind nach. Wir jagen Richtung Süden, um nach Westen kommen zu können. Wir fühlen uns wie im Film und erwarten einen Schnitt.
Sie sitzt mit einem kleinen Jungen in meiner Wohnung, ich denke, dass ich sie heiraten müsste, `Aber dann kann ich niemandem anderes mehr helfen, weil Bigamie verboten ist.` Sie ist illegal eingereist. Wir gehen beide auf den Strich, um ihr ein Einreisevisum kaufen zu können.
"Wenn wir reich geworden sind, zwingen wir Männer, auf dem Strich zu gehen", Tanja zeigt mir eine Pistole, nimmt sie in die Hand, läd sie einhändig, lässt sie kreiseln, zielt. "Ich werde jeden der Freier zwingen eine Frau zu befriedigen."
"Wir werden noch Mörder", sage ich. "Mörderinnen", sagt sie, "Ich nenne das Rache."
Sie sieht durch ein Vergrößerungsglas und fängt Sonnenstrahlen ein.
Kurdistan
Arat hatte Radlo gehört, er lief durch dunkle Straßen, "Wer da?"
Niemand antwortete. Er hörte Schritte hinter sich, drehte sich um und stach zu.
"Ich hatte gedacht, dass er mich töten will."
Der Tote hatte ein Messer, aber es steckte im Gürtel. Arat muss ins Gefängnis. Als er es nach Jahren verlässt, raunt ihm ein Wärter zu: "Sie wollen dich töten."
"Ich habe genug gebüßt."
Arat weiß, dass es nicht die Wahrheit ist,
"Habe keine Angst", sagt er zu seiner Mutter. Sie weint. Seine Frau sagt: "Ich habe Angst, ich werde sagen, dass wir uns nicht mehr lieben."
"Papa," sagt ein kleines Mädchen, schmiegt sich an ihn und schreit, als er geht.
Als er seine Frau ein Jahr später im Morgengrauen besucht, liegt ein Junge an ihrer Brust, sie sagt:"Mehr Kinder kann ich allein nicht groß ziehen, wir dürfen uns nicht wiedersehen, ich werde allein leben."
Sie weiß, dass sie sich in keinen anderen Mann verlieben darf, "Du gehst und plötzlich trifft dich ein Stein an der Schläfe und du bist gesteinigt, wenn du das tust."
"Ich müsste sie alle töten, um keine Angst haben zu müssen, ermordet zu werden. Aber dann wäre ich ein Mörder", sagt Arat, als er im Bett einer Hure liegt.
Als sein Sohn in ein Alter gekommen ist, in dem er getötet werden könnte, geht Arat zu einer Hochzeitsfeier und sagt zu den Eltern und den Brüdern des Ermordeten:"Tötet mich gleich!"
"Dann wären wir Mörder."
Als er die Taxe verlässt, sagt der Fahrer:"Ich habe gehört, sie werden dich töten."
"Wer sagt das?"
"Ich habe es nur gehört."
Arat kehrt zu seiner Frau zurück. "Sie sollen mich töten können, wenn sie mich töten wollen. Wenn sie mich töten, sind sie Mörder. Ich habe mein und dein Leben zerstört, weil ich Angst hatte."
Er dreht das Radio aus. "Sie hatten im Radio von Raubüberfällen erzählt, es hatte mir Angst gemacht, ich stach zu."
"Wenn du keine Angst gehabt hättest, wäre hinter dir vielleicht ein Mann gewesen, der dich abgestochen hätte, um dich auszurauben", sie ließ sich küssen,"Dein Sohn ist auf der Flucht. Sie töten dich oder ihn."
"Ich werde ihn finden."
"Wenn du ihn findest, können auch sie ihn finden."
Die Straße ist eine Serpentine, der Hang steil. Arats Auto kommt von der Fahrbahn ab.
"Er hatte einen Menschen getötet und gebüßt", sagt die Mutter zu ihrem Sohn. "Ich werde ihn rächen", sagt der Sohn, "Man ist sich selbst sein Feind, wenn man Angst hat."
Es ist heiß. Eine Mücke setzt sich auf seine Haut.
Angola
"Mein Bruder hat Mienen verpackt und nach Russland und Amerika zurückgeschickt. Sie behaupteten, dass er ein Terrorist ist, er hatte die Mienen aber nur zurückgeschickt."
Moro hatte ein Bein bei einer Explosion verloren, Sira ein anderes, "Ich muss dich an meinen Bauch binden, dann haben wir zwei Beine."
Er war einem Fußball hinterhergelaufen, sie ihrer kleinen Schwester, "Man darf die Wege des Herrn nicht verlassen", als eine Explosion ihr Leben erschütterte.
"Angst kostet nichts. Angst können wir mehr als genug haben."
Moros Vater hatte nie gezweifelt, dass, wenn man die Wahl hat, dass das Land allen Einwohnern oder dass es nur wenigen Menschen gehört, sich für das erstere entscheiden muss. Es gab Armeen, die allen helfen wollten, es gab Armeen, die den wenigen helfen wollten. Sie hinterließen ein Land, das mit Mienen durchsetzt war. Die Einwohner konnten schwere Steine ins Gelände werfen. Wenn keine Miene explodierte, konnten sie auf den Stein treten.
"Wenn das Land sicher geworden ist, haben wir kein Ackerland mehr, weil es voll von Steinen ist."
"Wenn wir viel rumliegen, können wir uns nicht verlaufen und auf keine Miene treten."
Als Sira von Moros Liebe zu ihrem Bein schwanger geworden war, sagte sie oft, dass sie das Kind nicht aus dem Bauch lassen will, damit es nicht auf Mienen laufen kann. Die Wehen begannen und das Kind rutschte zwischen Bein und Stumpf.
Es war ein Sohn. "Wir werden ihn nicht einsperren können."
"Wenn er die Beine verliert, müssen wir ihm sagen, dass Gott die Menschen quält, die er liebt, damit sie in den Himmel kommen können. Wir haben die Hölle auf Erden durchlebt."
Er fühlte eine Spannung im Rücken, als würden ihm Flügel wachsen. Der Himmel ist eiskalt.
Hawai
"Bier macht einen Bierbauch."
"Es gibt kein Bier auf Hawai."
Petra und Peter küssen einander, wenn sie sich für einige Stunden trennen, und winken einander zum Abschied zu. Einmal im Jahr fliegen sie nach Hawai, um sich zu verlieben. Sie warten darauf, angesprochen zu werden. Ihre Liebhaber werden von Jahr zu Jahr jünger, als könnte es vor Krankheiten schützen. Petra und Peter sagen einander, dass sie auf Zwangsprostitution abweisend reagieren werden,
"Aber wenn das Blut im Unterleib versackt, sieht man nicht scharf."
Petra: "Ich bin unruhig."
Peter: "Dein Liebhaber könnte dein Sohn sein. Mir geht es nicht besser."
"Du hast gestern zuviel getrunken." Peter tritt zum Fenster und zeigt auf die Straße, "Die Ratten verlassen das sinkende Schiff."
Petra sieht hin, "Die Ratten laufen ins Landesinnere."
Als sie am Strand sitzen, wird der gelbe Strand immer breiter, "Als gehe die Sonne auf."
Zwischen Himmel und Erde wächst ein dunkler Streifen. Er rast auf die Küste zu.
"Das ist die Strafe, weil die Einheimischen nicht an Jesus glauben", sagt ein Mann. "Das ist, weil du gesündigt hast," sagt eine Frau. Sie stehen beide auf dem Balkon eines hochgelegen Hotels. "Gott hat uns verschont." Sie sehen in die Wasserstrudel, in denen Menschen ums Haus treiben.
Petra und Peter überlebten die Flut. D"as ist wie eine Neugeburt, wenn man ins Trockene gekommen ist."
Petra sieht zur Uhr, "Sie bringen uns kein Frühstück. Sie kümmern sich nur noch um die Toten. Ich will tot sein."
Peter: "Wir könnten uns zur Abwechslung in einander verlieben. Es ist hier anders als zu Hause, wo wir Möbelstücke für einander geworden sind."
"Es liegen Leichenteile rum."
"Ja. Es ist anders."
"Die Strandliegen hängen in den Bäumen."
"Ja. Es ist anders."
Petra: "Sie schleppen die Kinder weg."
Nachbar: "In den Waisenhäusern arbeiten Menschen, die Kinder lieben. Ich werde ein Waisenhaus gründen."
Peter schlägt zu. "Was ist mit dir los?" fragt Petra. Sie finden eine ungeöffnete Sektflasche auf einer aufgedunsenen Leiche. "Wir sollten eine Lebensversicherung abschließen, dann könnten wir bei der nächsten Flut einander erschlagen. Es würde wie ein Unfall aussehen, wenn einer von uns als Leiche in den Bäumen hängt!"
"Wer von uns würde siegen?"
Peter sagt leise: "Es müsste nur einer von uns bereit sein, spurlos zu verschwinden, dann hätten wir Geld von der Versicherung und könnten entscheiden, ob wir Deutschland für immer verlassen wollen."
"Ich will nicht ohne dich leben."
Eine Suchannonce, die ein Freund aufgab, wurde im Internet von Einbrechern gelesen. Ihr Haus ist ausgeräumt, als sie Deutschland erreichen. "Ein Glück, dass wir Geld für die Hausratsversicherung hatten."
"Ohne Geld hätten wir nicht nach Haiti fliegen können. Wir sollten die Löhne der Angestellten kürzen, um ausreichend Geld zu haben.
"
Straßengeräusche reißen sie aus dem Schlaf, als würden sie eine Welle ankündigen, die sie Wegspülen könnte. Sie kaufen sich ein Rettungsboot und bauen es im Wohnzimmer auf. Sie dürfen die Fenster nicht vergrößern. Sie kaufen sich auf einem Berg Grund und Boden. Sie sehen oft zum Himmel, als könnte eine Sintflut kommen.
Senegal
Detlef inserierte im Internet, dass er sich einsam fühlt. Er erhielt Zuschriften. Ein Bild zeigte eine Frau: jung, groß, dunkelhäutig, schlank. Er spürt, dass Hemd und Hose eng an die Haut liegen. Als die fremde Frau behauptet, ihn zu lieben, scheint ein Jauchzen seinen Körper zu öffnen, seine Seele schwebt zum Himmel, "Ich liebe sie auch."
Seine Haut ist weiß, er war Apotheker. Die Frau schickt Bilder. Ihr Hintern wölbte sich, während sie die Wäsche im Fluss spülte. Er schickt ihr Geld für eine Waschmaschine.
Er fliegt von einer deutschen Kleinstadt in eine Großstadt nach Afrika. Sie holt ihn vom Flughafen ab. Sie führt ihn zu einer Wohnung, zieht sich aus und saugt seinen Samen auf. Er will eine Verlobungsfeier und gibt ihr die Scheckkarte.
Sie heiraten, ihre Schwestern und Brüder sind Trauzeugen. Sie wirken ein wenig theatralisch, ′Das ist das Afrikanische, dass sie wie Kinder sind.′
Er geht am Morgen zum Konsulat. Als er zurückkommt, sind Fremde in der Wohnung. Niemand scheint ihn zu kennen. Es erscheint niemand, den er kennt.
"Ich hätte dich auch nicht geheiratet, wenn du so ein Depp bist", sagt seine Mutter, als er sie am Telefon bittet, Geld für seine Rückreise an ein Konsulat zu überweisen.
Er wischt sich den Schweiß von der Stirn und denkt, dass in Deutschland seine Haut vereisen würde, es herrschten Minusgrade.
Saudi-Arabien
Ein Fabrikbesitzer will eine Zweitfrau. Der Vater des Mädchens verlangt die Zustimmung der ersten Frau, Sarina lehnt ab. Ihr Mann sperrt sie in eine Kammer und stellt den Strom ab. Sarina sagt, dass sie nicht zustimmen kann, dass ein Mann, der sie quält, eine Zweitfrau nimmt, die er quälen könnte. Sie grübelt darüber, wie einfach es ist, eine Heldin zu sein, ′Ich wäre lieber eine glückliche Frau als eine Widerstandskämpferin. ′
Eine Prinzessin war ins Haus getreten und hatte dSarinas Mutter gebeten, ihr Kind nicht verstümmeln zu lassen, "Es steht nicht im Koran, dass ein Mädchen beschnitten werden muss", "Mohamed hatte es mündlich gesagt."
Die Mutter hatte sie zum Barbier geschleppt und gesagt, dass sie Widerstand üben muss.
′Nun bin ich Widerstandkämpferin, aber - verstümmelt.′ Sie empfindet Schmerzen, wenn sie sich zwischen den Beinen berührt. Sarina fühlt Sehnsucht, nicht mehr allein zu sein. `Aber wenn ich das Mädchen haben will, nimmt der Mann das Mädchen.` Sie hat keine Wahl.
Sie streckt die Zunge raus, als sie einen Wassertropfen vom Himmel fallen sieht und genießt ihn.
England
Ein Mann läuft am Strand, er ist durchnässt, seine Arme umklammern ihn, als friere er oder müsse sich stützen. "What`s the matter?" fragt eine Frau. Als er nicht antwortet, aber stürzt, als bräuchte er ihre Hilfe, nimmt sie ihn mit und bringt ihn zur Polizei.
Der Mann redet nicht, er wiegt den Oberkörper, als könnte ihn das Schaukeln beruhigen. Sein Blick ist unstet. Die Polizei bringt ihn in ein Krankenhaus, der Arzt weist ihm ein Zimmer in der Psychiatrie zu, das Fenster hat Gitter. Er redet nicht. Als ihm Papier und Stift zugeschoben werden, zeichnet er eine polnische Fahne und ein Piano.
Als er im Aufenthaltsraum einen Flügel sieht, geht er hin, öffnet ihn und beginnt zu spielen. Er spielt so, dass ärzte und Krankenschwestern lauschen. Sein Gehirn zeigt Aktivitäten, wenn polnische Sätze eingespielt werden. Er sitzt in einem Zimmer, das einem Gefängnisraum ähnelt, in der Ecke. Ab und zu fliegen seine Finger über imaginäre Klaviertasten.
Der Pfleger fragt ihn auch nach seinem Namen, während er am Flügel Klavier spielt, er spielt Klavier und antwortet nicht. Er lauscht den Tönen nach, als wären sie Flügel und ließen ihn schweben. Er hatte keine Papiere bei sich. Ohne Identität darf man nicht frei sein. Sogar die Waschzettel aus Hose und Jackett sind rausgeschnitten. "Wozu?"
Sein Foto gelangt in die Presse, Hunderte Menschen schreiben Erinnerungen und Geschichten auf, um ihm eine Identität zu geben. Die Polizei lehnt alle ab.
Eine Frau erscheint und behauptet seine Mutter zu sein. Sie fordert einen Gentest. Man habe sich erkundigt, sie habe kein Kind. Sie lässt sich von einem Frauenarzt untersuchen. Er bestätigt, dass sie schwanger gewesen war. Recherchen ergeben, sie hatte eine Totgeburt.
Eine Krankenschwester reagiert nervös, wenn sie ihm begegnet. Sie denkt, dass er in ihrem Garten glücklicher leben könnte als in dem vergitterten Raum einer Psychiatrie. Im Gartenhaus steht ein Klavier. Sie beschließt, ihn zu heiraten, damit er eine Identität haben kann. Man darf aber niemanden heiraten, der Fragen nicht zu verstehen scheint. Ihr Bruder vermutet, dass der Fremde in einer Geschichte gefangen ist, in der er für einen Plattenverkauf oder einen Hollywoodskript einen Gestrandeten ohne Gedächtnis spielen muss. "Er kann nicht rauskommen, ohne zu sagen, dass er betrogen hat."
Sie beschließt, ihn zu erlösen. Sie öffnet seine Tür und macht ihm Zeichen, ihr zu folgen. Er folgt ihr durch Gänge, ins Auto, sie klappt die Autotür zu.
Die Fingergelenke der alten Frau sind steif. Sie war Klavierspielerin. Sie wurde schwanger und gebar einen Sohn. Sie hatte eine Totgeburt gehabt und über eine erneute Schwangerschaft nicht sprechen wollen. Sie hielt die Geburt geheim. Ihr Sohn wurde geboren, ihr Grundstück war groß, sie lebte allein, sie wusste keinen Grund, über ihn und seine Geburt zu reden. Er wollte nicht Klavier üben. Sie sperrte ihn ein, bis er aus Langeweile zu spielen begann.
Er war ein Mann geworden, er hatte ihr den Rock hochgeschoben, es hatte sie verstört. Sie hatte beschlossen, ihn in die Gesellschaft einzuführen und brachte ihn auf ein Kreuzfahrtschiff. Er verließ die Kabine nicht. Als er aus dem Bullauge sah, glaubte er, einen Flügel vom Deck ins Wasser gleiten zu sehen. "Ich brauche ihn", sagte er, eilte aufs Deck und sprang.
Wenn Wind weht, krümmt er den Rücken, als habe er Angst.
Lübeck
Ein Nadelbaum wirft Schatten auf ein Grab. Vor ihm kniet eine Frau und weint. Sie hatte ein Eichhörnchen zu sich genommen, dessen linkes Hinterbein rausgerissen war. Sie gab ihm Milch und Nüsse. Ihr alter Hund freundete sich mit ihm an.
Sie meldete es dem Fernsehen. Ein Reporterteeam rückte an, der Nager sprang an die Beine der Reporterin und kletterte. Sie schrie auf, schüttelte sich, sprang zur Seite, ein Fußtritt brach dem Tier das Genick.
Das Fellknäuel wurde in eine Kaffeebüchse getan. Auf dem Grab stehen ein Kreuz, ein Engel und eine Eichhörnchenfigur. "Gleich neben dem Eichhörnchengrab liegt eine meiner Katzen begraben. Damit beide im Himmel nicht allein sind!"
Das Filmteam filmt den Schatten, den ein Mann auf die Gardine vor einem Fenster wirft. Niemand hilft ihm, zu leben, niemand, sich zu erhängen. Schwalben gleiten durch den Garten. Es ist schwül.
Bukarest
Alois erschlägt seinen Vater, wird ins Gefängnis gebracht. Er erstattet Anzeige gegen Gott, weil er ihn "nicht vor dem Teufel beschützte." Er sei getauft worden, habe gebetet und in den Kirchen Geld in die Opferschale getan, Gott habe ihn nicht beschützt. Eine fremde Kraft habe seinen Arm gehoben und seine Handkante benutzt, um zuzuschlagen. Das Fremde habe sich als Ehrgefühl getarnt. Das Fremde habe seinen Vater getötet und ihn selbst verletzt, "Es hätte auch mich töten können", er habe Schmerzen in der Hand. "Der Pfarrer sagte, Gott ist stärker als der Teufel." Er verklagte Gott wegen unterlassener Hilfeleistung.
"Das ist wie im Krieg. Die Herren streiten, um sich zu versöhnen, die Armen müssen sich auf ihren Befehl hin gegenseitig abschlachten, ob sie wollen oder nicht." Seine Mitgefangenen nannten sich Gott oder Teufel, wenn sie ihn anschrien oder schlugen. Er wusste, dass er keinen Selbstmord machen durfte, wenn er einem Gott nicht das Recht zugestehen wollte, ihn schuldig zu sprechen. Er beschloss, sich töten zu lassen. Aber als er schrie und zuschlug, um getötet zu werden, hörten sie auf, ihn zu quälen. Er konnte nicht fliehen, er musste schreien und zuschlagen, um nicht angeschrien und geschlagen zu werden. Er versteckte sich in sich selbst. Die Schutzhülle wuchs. Als er an Altersschwäche gestorben war, stieg ein Wölkchen zum Himmel, das so klein war, dass niemand es am blauen Himmel bemerken konnte; ein schwerer Klumpen fiel in die Hölle, dessen Feuer aufloderte, so dass sich die Armen der Welt an ihm wärmen konnten.
Das Gericht, das ihn verurteilt hatte, hatte Gott tatsächlich vorgeladen, das heißt, seine Anzeige war in einem Aschenbecher, der im Fenster stand, verbrannt. Der Rauch stieg zum Himmel auf. Aber Gott erschien nicht.
Mashad
Mohamed: "Ich töten mich, weil ein Teil von mir in den Körper eines Mannes drang. Der Mann war danach entspannt und küsste mich. Sie hängen auch ihn. Wenn niemand gesehen hätte, wie ich es tat und er es mit sich geschehen ließ, dürften wir leben. Wir müssen sterben, weil es jemand sah. Ich sah Männer, die sich liebten. Aber wenn ich sagen würde, dass ich sie sah, müsste ich Namen nennen. Sie würden entscheiden, ob sie mir glauben. Sie würden sie leben oder töten lassen."
Achmed: "Wenn du im Krieg sterben würdest, müsstest du dich im Paradies mit sechsundsechzig Jungfrauen herumärgern."
Mohamed: "Ich hätte auch keine Frau anfassen dürfen, sie würden mich töten."
Achmed: "Du hättest eine Frau heiraten können."
Mohamed: "Wenn ich eine Frau nicht angefasst habe, kann ich nicht wissen, ob ich sie heiraten will."
Die Menge johlte, als die Peitsche knallte. Zweihundertvierunddreißig Peitschenhiebe. Die jungen Männer wurden so wund geschlagen, dass es ihnen wie eine Erlösung vorkam, als ihr Genick brach. Der Rechtsanwalt sagte unhörbar: "Die Männer, die Männer anfassten, grölten am lautesten." Er hat das Gefühl zu schrumpfen. Er dringt in der Nacht gewaltsam in seine Frau und weint. Sie sagt: "Es ist heiß. Wir müssen Wasser sparen und du weinst."
Allgäu
Der Kommissar sitzt im Wirtshaus, er ist glücklich, er hat Verbrecher gejagt und erlegt. Er ließ sich die Fotos der Verbrecher ausdrucken und trägt sie wie Trophäen bei sich, die er niemandem zeigen will.
Er hatte sich für seinen Sohn geschämt. Sein Sohn hatte ihn nach Material aus den überwachungskameras gefragt, um sie zu Kunst zusammen zu schneiden, er hatte ihn angesehen wie einen Idioten. Der Vorfall hatte Wochen später in ihm eine Idee angeregt. Er brachte seinem Sohn das aufgezeichnete Filmmaterial der letzten Tage und Wochen, sah sich Tage später einen Film an, er zeigte, dass maskierte Männer vor der Tür einer Bank auf dem gefrorenen Boden ausrutschten, in der Schalterhalle Pinkeln mussten, zum Auto humpelten. Er dachte daran, dass er auf dem Eis ausgerutscht, hingefallen war und im Bus hatte Pinkeln müssen. Er war ein alter Mann, er fahndete nach alten Männern.
Er starrt auf die Fotos. Er grübelt, ob er im Gegensatz zu ihnen Glück im Leben hatte, seine Arbeit war fair bezahlt gewesen, die Pension ist hoch. Er sieht aus dem Fenster zum Gipfel des Berges, ′Hier ist es warm, aber oben ist es eiskalt.′ Er sieht zu den Bergspitzen und denkt, dass es oben kalt sein muss, ′damit das Eis nicht schmilzt.′
Düsseldorf
Kai las in der Zeitung, eine Frau habe einen Mann "schwanzgesteuert" genannt, der Mann habe sich den Penis abgeschnitten, der Blutverlust habe ihn ohnmächtig gemacht.
Verhör. "Waren Sie das oder Ihre Frau?"
Er könne sich nicht erinnern.
"Sie lieben Ihre Frau?"
"Ich habe keinen Grund, sie nicht zu lieben."
"Falls Sie die Schuld jetzt auf sich nehmen, werden Sie später Mühe haben, das Gegenteil zu beweisen."
"Ich hörte, ich sei vor Schmerzen schreiend auf die Straße gerannt, ich habe eine Frau von hinten niedergestochen. Falls meine Frau mich verletzt hätte, müssten wir beide ins Gefängnis."
"Sie haben Kinder?"
"Ja."
"Sie wollen nicht, dass sie ins Gefängnis muss?"
"Ich habe mich selbst verletzt."
Kai denkt an seine Frau, sein Penis schwillt. Er liest in einem anderen Artikel, dass Kranke Haftverschonung erhalten können. Er wünscht sich, krank zu sein. Er erzählt seiner Freundin davon. Sie schmiegt sich an ihn, "In Russland durften die Frauen Männer in die Verbannung begleiten."
"Du würdest mitgehen?"
"Dein Körper ist meine Insel."
Sie stechen Kanülen in seinen Penis und saugen. Kein Blut fließt. "Es ist bereits geronnen", sagt die ärztin, "Sie müssen warten, bis es ein Narbengewebe geworden ist."
"Und dann?"
"Sie hätten sofort den Notarzt rufen müssen. Sie werden an Nachwirkungen leiden."
"Impotenz?"
"Erektionsstörungen."
Er hat Angst, den Penis, der so groß und hart geworden ist, dass er nicht ins Gefängnis muss, in eine Frau zu stoßen, er könnte ihren Magen oder ihr Herz berühren. Er will zu seiner Geliebten keinen Abstand halten und Schmerzen fühlen müssen, wenn er in sie dringt. Sie macht ihm keine Vorwürfe, sie hatte beirde grün schimmernde Käfer gefangen, zermahlen, in sein Essen gemischt, ′Das Gift kann zu Dauererektionen führen.′ Sie hatte es gering dosiert, sie hofft, dass seine Wirkung abklingen wird, ′Er braucht das nur, wenn er vorgeladen wird, damit er Haftverschonung kriegt.′ Sie öffnet das Fenster, das der Wind zu schlug.
Moskau
′Kann man einen Menschen mit Mailfluten erschlagen?′
Ein Briefkasten zählt zum Wohnraum. Wer Werbung einwirft, obwohl es ein Aufkleber verbietet, begeht juristisch Hausfriedensbruch. Papierwerbung ist teuer, Internetwerbung kostete fast nichts. Gregor bot Unternehmen Dienstleistungen an, er recherchierte Mailadressen und versandte Informationen. Der Minister beschwerte sich. Gregor antwortete ihm, dass ein Minister ein Adressat ist wie jeder andere auch. "Ich muss Plakate im öffentlichen Raum ertragen, ob ich will oder nicht." Der Minister ließ Gregors Telefon mit Daueranrufen blockieren. Eines Tages lag Gregor erschlagen.
′Er hatte die Tür geöffnet′,
Sonja war Journalistin. Sie interessierte, was geschehen war, sie grübelte, was geschehen sein könnte. Gregor hatte Politiker geärgert. Er hatte Geld verdient. Er hatte Frauen an sich gezogen und weg gestoßen. Sonja wurde zum Minister für Kommunikation nicht vorgelassen, "Wir ermorden niemanden, der uns nervt, wir erlassen Gesetze."
"Es gibt Steuerzahler, die Straftäter erschlagen lassen, damit die Kosten für Gefängnisse nicht steigen."
"Falls Sie das beweisen können, sollten Sie Strafanzeige erstatten."
Die Polizei sagte, sie habe ausreichend zu tun, um die Lebenden zu beschützen, sie könne sich nicht um die Toten kümmern. Sonja sah einem Ermittler so tief in die Augen, dass sie sein Innerstes zu berühren schien, er verabredete sich mit ihr, um das Kitzeln im Bauch noch einmal fühlen zu können.
"Raubmord?"
"Ich glaube nicht, dass er das Geld offen liegen ließ. Die Wohnung, in der er erschlagen lag, war nicht verwüstet."
"Wer hat ihn gefunden?"
"Er stank bereits."
"Wer?"
"Es stank bis vor die Tür."
"Sie lügen."
"Es fiel einigen Internetbenutzern auf, dass tagelang keine Spamnachricht kam Einige Menschen denken, dass die Stille Folge ihrer Protestaktionen ist, andere machen sich Sorgen. Seine Mutter verstand die Werbemails als Zeichen, dass er gesund ist und arbeitet."
"Hatte sie einen Schlüssel?"
"Sie bat seinen Bruder, sich vom Dach abzuseilen, um ins halb geöffnete Fenster einzusteigen."
"Sie lügen."
"Sie behauptete, die Tür habe offen gestanden."
"Informierte sie die Polizei?"
"Sie hatte nichts zu befürchten."
"Wurde Geld gefunden?"
"Nein."
"Es könnte also gestohlen worden sein."
"Es kann nach jedem Mord etwas gestohlen worden sein, auch wenn niemand sagen kann, dass etwas fehlt."
Eine Frau sagte Sonja, dass sie niemanden töten könnte, den sie nicht liebe.
"Liebten Sie Ihn?"
"Man kann das nicht lieben."
"Was?"
"Er ließ sich Spamzar nennen."
"Er demütigte Sie?"
"Es ist der Job, dass man es erträgt."
"Kündigten Sie oder er?"
"Ich brauchte ein Recht auf ein Privatleben."
"Zahlte er eine Abfindung?"
"Wenn ich Geld brauche, suche ich mir einen Mann. Das ist nicht strafbar.
Ich würde nie Dinge tun, um Geld zu erhalten, die mich in größere Armut stürzen könnten. Das verstehen Sie?"
"Kennen Sie andere Frauen?"
"Ja."
"Die mit ihm -"
"Es gab keine Gefühle, die uns verbunden hätten. Wir liebten und hassten ihn nicht."
"Sie wollten nur sein Geld."
"Ich hoffte, dass in seinem Umfeld jemand ist, der Geld hat und - liebenswert ist."
"Gab es ihn?"
"Das ist privat."
"Hatten Sie Kontakt zu ihrem Sohn?"
"Ich bekam täglich Mails mit Werbung."
"Glauben Sie, dass ihn jemand erschlug, der keine Werbung wollte?"
"Er sagte, es gibt Blockiermechanismen. Sein Ehrgeiz war es, sie zu umgehen. Ich habe ihn gewarnt, dass das kein Spiel ist, weil er Menschen beleidigt, wenn er ihnen zeigt, dass er ihre Bitten, von ihm in Ruhe gelassen zu werden, nicht ernst nimmt. Er sagte, dass es in jedem Job ein Berufsrisiko gibt."
"Glauben Sie, dass ihn jemand erschlug, der keine Werbemails wollte?"
"Die Menschen sind sehr gereizt. Mein Nachbar erschlug seine Frau, weil sie ihm täglich Fleisch servierte. Er war Vegetarier. Sie hatte beständig den gleichen Satz gesagt: ′Du solltest es wenigstens probieren.′ Er ertrug es, bis er einen Kündigungsbrief erhalten hatte. Es ist immer nur ein Tropfen, der das Fass zum überquellen bringt."
"Liebten Sie ihn?"
"Ein Kind ist ein Teil seiner Mutter. Er war eine Krankheit von mir."
"Sie fühlen sich schuldig?"
"Wenn die Politiker Gesetze erlassen hätten, die Spam bestrafen, wäre er ins Gefängnis gekommen, nicht erschlagen worden."
"Schutzhaft?"
"Was er tat, war legal."
Manila
"Ich hatte deine Frau geliebt, du lebst mir ihr im Müll."
"Wenn du auf einer Müllhalde lebst, bist du verzweifelt, wenn sie geschlossen wird. Sie ist Wohnort, Fabrik, Feld."
"Krankheitsherd."
"Im Paradies gibt es auch kein Geld. Man muss lernen, mit Gott leben zu können. Wir fanden Teile von einer Hochzeit und Teile von einer Beerdigung, wir ziehen sie an, wenn wir in die Kirche gehen."
"Das Kind ist verkrüppelt."
"Gott spricht durch die Kinder. Wir gehören hierher. Der Pfarrer sagt: Wo Geld ist, ist der Betrug."
"Er sammelt Geld."
"Er lebt in der Kirche, nicht hier."
"Wenn das Müllauto kommt, lauft ihr mit anderen um die Wette, um das Beste vom Müll zu kriegen."
"Das ist Arbeit."
"Ich lernte früh: Wer nicht betrügen kann, wird betrogen."
"Ich will nicht betrügen, aber ich will, dass meine Kinder in die Schule gehen können. Wirst du uns helfen?"
"Es soll Künstler geben, die aus Müll Geld machen. Ich kenne niemanden, der das kauft. Deine Tochter ist schön. Aber wenn ich sie heiraten würde, müsste euch alle heiraten, um euch von der Müllhalde zu holen. Wenn ich Verwandte hätte, die ich auf der Müllhalde wohnen lasse, käme ich in die Bildzeitung. Es macht die Liebe teuer."
"Du bist hier, weil du für die Bildzeitung schreibst."
"Sie bezahlen mich für eine rührselige Geschichte. In ihr gibt es einen Krüppel und ein wunderschönes Mädchen."
"Du kriegst Geld, weil es uns gibt."
"Ich kann diese Geschichte nur einmal vermarkten."
"Gott weiß, was er tut."
"Wo es Gott gibt, gibt es den Teufel."
"Gott ist nicht von dieser Welt:"
"Ich weiß nicht, ob der Gott oder der Teufel mich berät, ich werde mich darum kümmern, dass das Fernsehen diese Müllhalde für sich entdeckt. Ihr werdet in einem Wettbewerb: ′überleben im Müllberg′ eine faire Chance haben, hier raus zu kommen. Wenn ihr raus gekommen seid, heirate ich deine Tochter."
Thaksin schlägt zu. Er erschlägt den Journalisten, schiebt ihn unter die Müllberge, ′Wir werden sehen, wer zuerst von hier weg kommt.′
Seine Tochter sagt: "Ich hätte ihn nicht geheiratet."
Thaksin: "Wo Müll ist, ist es farbiger, als dort, wo kein Müll ist."
Seine Frau sagt: "Wenn es regnet, wachsen die Blumen, aber der Müll stinkt."
"Gott weiß, was er tut, wenn wir daran glauben."
Die Sonne sticht.
Israel
"Es ist keine Freiheit in der Trauer, im Hass und in der Liebe. Aug und Auge, Zahn um Zahn. Wir nennen die Christen Idioten, weil sie Verzeihen predigen. Verzeihen bedeutet begnadigen. Es ist ein Gefühl von Herrschaft."
"Es ist Verrat."
"Du verrätst mich."
"Du verrätst Gott."
"Gott ist in mir und dir."
"Deine Schwester wurde von Nazis ermordet, du wurdest von ihnen vergiftet."
"Es gibt beständig Skandale in der Pharmaindustrie. Ein Mensch ist ein Mensch, egal, ob er Jude ist oder nicht."
"Wir hatten keine Wahl."
"Jemand, der Geld braucht, hat auch keine Wahl."
"Ich werde dich verlassen, wenn du so denkst."
"Ich werde auch dir verzeihen."
"Du zahlst einen hohen Preis."
"Es kostet mich nichts, dir zu vergeben."
"Du wirst allein sein."
"Ich dachte mehr an meine Schwester und ihre Mörder als an meinen Sohn. Die Nazis hatten meine Schwester ermordet. Ich ließ mich ermorden."
"Du wirst allein sein."
Hannah geht am Strand spazieren. "Ich habe Hitler verziehen", sagt eine Frau, "die Deutschen haben sich benutzen lassen."
"Was suchen Sie hier?"
"Ich war ein Kind, eine alte Frau sah in meine Hand und sagte, ich solle an den weißen Strand von Israel gehen. Sie sagte, ich sei körperlich schwach, aber ich würde Großes leisten. Ich weiß nicht, was ich leisten könnte. Ich könnte einen Juden nicht von einem Araber unterscheiden, falls er eine Badehose trägt. Ich hörte, an diesem Strand darf kein Araber sein. Eine Jüdin schlug vor, Israel in Ostdeutschland anzusiedeln, um den Nah-Ost-Konflikt zu beenden. Ostdeutschland würde wieder besiedelt und eine Hochtechnologiezone werden. Wie würden sie die Ostdeutschen behandeln?"
Hannah beugte sich zu der Frau, die auf Sand saß, "Wollen Sie warten, was geschehen wird oder mit mir gehen?" Die fremde Frau lächelte, als stände ein Engel vor ihr. Sie sah zum Himmel, er war so hellblau gewesen, dass er märchenhaft ausgesehen hatte. Eine Nebelwolke schiebt sich auf sie zu, ′Ist das eine Warnung oder Schutz?′
Minnesota
Ein junger Mann nannte sich "Caspian James Crichton-Stuart, der Vierte, Herzog von Cleveland."
"Ist das etwas besonderes?"
"Ich stehe in der britischen Thronfolge an 27. Stelle." Tom lächelte charmant.
"Hast du ein Schloss?"
"Der Englische Adel lebt gewöhnlich verschlossen."
"Sind Sie mit dem Prinzen befreundet?"
"Wir atmeten die gleiche Luft."
"Warum bist du hier?"
"Du solltest mich mit ′Euer Gnaden′ anreden, wenn ich ein Herzog bin und du Informationen über ein Königreich willst. Ich kam wie Tausende Menschen vor mir von einer kleinen Insel auf eine große, um eine Zukunft finden zu können."
"Du bist ein Herzog."
"Ich suche eine Zukunft für meine Untertanen."
"Haben Sie eine Visitenkarte, Euer Gnaden?"
Tom reicht den Kindern Karten. Sie sehen die Zeichnung eines Einhorns.
"Es gibt keine Einhörner!"
"Wer Macht will, muss Fantasie besitzen."
Die Schüler benachrichtigen die Polizei. Sie nennt den Mann einen Betrüger und nimmt ihn fest. Er heißt Tom Bag. "Ich habe meiner Vergangenheit entfliehen wollen, ich hatte im Alter von achtzehn Jahren einen einzigen Fehler gemacht und muss heute noch dafür bezahlen", sagt er, "Caspian ist der Held eines Buches, Crichton der Name eines Autors. Shakespeare sagte: 'Die Welt ist eine Bühne.' Ich fühle mich in der Rolle des Prinzen Caspian wohler als in der Rolle eines arbeitslosen Jugendlichen, der ein Mädchen missverstanden hatte und in sie gedrungen war. Sie nannte das eine Vergewaltigung, was ich Sexlust nannte. Ich will Schauspieler werden. Wie soll ich testen, ob ich Schauspielen kann, wenn ich es nicht testen darf?"
Richter: "Sie hätten einen Schwan spielen können. Aber Sie sind nicht wegen der Hochstapelei angeklagt. Sie haben Bewährungsauflagen verletzt, Sie hätten England nur in Fantasien verlassen dürfen. Sie kamen Ihrer Meldepflicht nicht nach."
"Er konnte sich nicht melden, Tom Bag gab es nicht mehr."
"Er war Caspian James Crichton-Stuart, der Vierte, Herzog von Cleveland geworden."
"Ja."
"Die Aufenthaltszeit im Gefängnis ist befristet, die in der Psychiatrie nicht."
"Sie wollen mich nötigen, bis zum Lebensende Tom Bag zu sein und zu bleiben? Ist es nicht egal, ob ich mich Caspian James Crichton-Stuart, der Vierte, Herzog von Cleveland oder Tom Bag nenne? Ich will in Amerika, im Land der Freiheit leben. Niemand hat in Amerika laut Gesetzen Privilegien auf Grund eines Titels."
"Die Staatsanwaltschaft wird vorschlagen Sie wegen Betrugsversuches mit 21 Monaten Haft zu bestrafen."
"Amerika nimmt sich die Freiheit, Kriege zu führen, aber ich darf mich nicht Caspian James Crichton-Stuart, der Vierte, Herzog von Cleveland, nennen, obwohl es schön klingt?"
Die Gefangenen im Knast vergewaltigen ihn, ′obwohl ich mich nicht an sie schmiegte.′ "Was ist das für eine Gerechtigkeit?" Er sieht sehnsüchtig durch einen Spalt zum Himmel, an dem dunkle Wolken treiben.
Bangladesch
Ihr Gesicht war eine Grube geworden, in die niemand will.
"Ich will niemanden rschrecken", Sadia verkroch sich in Räumen, in denen Menschen lagerten, die ihr ähnlich sahen, sobald sich das Auge ans Dunkle gewöhnt hatte. Familienangehörige stellten Essen ins Fenster, sie spähten ins Dunkle und winkten, ohne im Dunklen etwas anderes erkennen zu können als die Umrisse von Menschen.
Ein Mann hatte sie gefragt, ob sie ihn heiraten wolle, sie hatte gekichert und den Kopf geschüttelt. Sie war ein Mädchen, sie wollte Lehrerin werden, sie war nicht verliebt. Mustafa kaufte beim Juwelier Säure, "um Metall zu reinigen", sagte er. Er schlich nachts in ihr Haus. Ratten stoben davon. Er sah in das Gesicht des Mädchens, das im Mondlicht kupfern schimmerte, und fühlte eine Liebe, die weh tat, er schüttete Säure in ihr Gesicht. Sadia schrie auf, sie konnte Mustafa nicht erkennen, weil sich die Augen vor Schmerz und Angst schlossen.
Es war wenig Wasser im Haus. Das Krankenhaus lag abseits.
Sadia wollte sterben, um dem Leiden entgehen zu können. Eine fremde Frau zog ihr die Hände vom Gesicht sagte: "Gesichter wie deins sind keine Schande, sie klagen an." Vor Gericht stand Aussage gegen Aussage. Sadia fragte in Juwelierläden, niemand wollte mitschuldig geworden sein, dass sie kein Gesicht mehr hatte, in das man ohne Grauen sehen konnte.
Sie ging mit erhobenem Kopf. Er wurde eine Art Fahne im Kampf gegen den Hass der Männer auf Menschen, die sie nicht lieben wollen, wie sie sind. Ein Kind fragte Sadia: "Bist du ein Außerirdischer?"
Sadia gefiel die Vorstellung, ein Außerirdischer zu sein,.
"Bist du böse oder gut? Warum bist du so hässlich?"
"Wenn man weit reist, schabt der Sternenstaub am Gesicht."
Deutschland
Es gibt Menschen, die empfinden es als Sadismus, wenn Frauen oder Männer sexuell aufreizend durch die Straßen laufen, andere, wenn Bauern überreife Früchte an Bäumen hängen lassen. Beides weckt Begierden, denen sie nicht nachgeben dürfen, die sie verdrängen müssen, als wären sie Masochisten, das soll für den Kopf nicht gesund sein - sie können sich unter weiten Mänteln selbst befriedigen und hoffen, dass ein Obst- und Gemüseladen in der Nähe und kein Sonntag und Geld in der Tasche ist.
Recklinghausen
Hannes verlor seinen Job, er musste das Haus versteigern lassen, obwohl er es mit Frau und Kindern bewohnte, es war noch nicht abbezahlt. Es stürmte, ein Ast brach von einem Baum und dellte das Dach seines Autos ein. Er trank. Wenn er betrunken war, jammerte er. Er ertrug sich nicht, wenn er klagend saß, und schrie auf, wenn ihn seine Frau ansprach. Seine Frau gab dem Werben ihres Chefs nach; sie nahm ihm die Kinder, als sie sich von ihm trennte.
Die Wände der neuen Wohnung sind dünn. Er kann den Nachbarn husten hören. Er dreht den Fernseher leise, er kann nicht laut lachen, weil er seine Nachbarn nicht stören will. Er hat Angst, dass sie sich beim Vermieter beschweren, er hatte sich über eine Mieterin beschwert, weil sie in Stöckelschuhen über seinem Kopf zu laufen schien, "Es war ein gefährliches Geräusch, denn mein Blutdruck stieg." Er geht zum Lachen in den Wald. Das Lachen versucht, seinem Gehirn zu sagen, dass das Leben lustig, ist. Das ist absurd und lässt ihn kichern. Sein Gehirn hört auf, Adrenalin für Fluchtmöglichkeiten, die nicht existieren, bereit zu stellen, weil es dort bleiben will, wo es lustig scheint. Nebenwirkungen des Adrenalins sind Panikgefühle. Sein Gehirn lässt den Körper kein Morphium mehr produzieren, um ihn zu beruhigen, seine Nebenwirkung war Müdigkeit. Er fühlt sich wach und gesund, seitdem er sich täglich zwingt, eine Viertelstunde lauthals zu lachen. Auch wenn es regnet, stürmt.
Jogger fühlten sich ausgelacht. Ein Jogger fordert vor dem Amtsgericht eine einstweilige Verfügung. Der Richter kennt das Gefühl, ausgelacht zu werden aus seiner Kindheit, er sagt, es sei niemandem nicht zuzumuten, dass er eine Therapie bezahlt, die ihm ermöglicht, das Lachen eines Menschen nicht auf sich zu beziehen und nicht daran zu leiden, als habe er einen Fußtritt in den Magen erhalten. "Der Angeklagte sorgt aus objektiver Sicht für eine Provokation, die niemand erdulden muss", "Ich bin kein Kampfhund, ich lache", sagt Hannes.
Ihm drohen 6000 an Ordnungsgeld oder sechs Monate Knast. Sein Körper stellt Adrenalin bereit. Er braucht Energie, um Beschwerden und Pressemeldungen zu schreiben. Die Energie wird verbraucht werden, er muss nicht mehr lachen, um sich ohne Morphine entspannen zu können, er fühlt sich gesund. Er will kämpfen, bis er wieder lachen darf, "Gesund ist gesund. So oder zu." ´Ich könnte auch für etwas anderes kämpfen, wenn es gesund macht.´ Er sieht zu den Wolken, die sich verändern.
Singapur
"Ein Mann wirft eine Maus in einen brennenden Reisighaufen, die brennende Maus rennt in sein Haus, es beginnt zu brennen." Es geschah in Mexiko. Die Geschichte wird in Singapur erzählt. Der Henker von Singapur denkt nach. Er ist dreiundsiebzig Jahre alt geworden, er will aus seinem Beruf entlassen werden. Er hatte viel Geld verdienen können: Das Auspeitschen und Henken von Menschen wird fair bezahlt. Er hatte es mit einer Maske über dem Gesicht getan und mit dem Gerücht leben müssen, dass er sein Geld auf unredliche Art verdiene.
Ein Mann war so arm gewesen, dass er, um Schulden bezahlen, Schuldeintreibern entgehen zu können, Rauschgift hatte schmuggeln wollen. Ein Pfund wiegt schwer, wenn es gesetzlich eine Hinrichtung provozieren kann; Bitten um Gnade wiegen nichts, wenn ein Politiker zeigen will, dass nicht er, sondern das Gesetz regiert. "Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich."
Es ist die Sache des Henkers dafür zu sorgen, dass der Täter, der zum Opfer wurde, nicht durch eine unsachgemäße Befestigung des Seils qualvoll erstickt, der Kopf abgerissen wird oder er wie "Hähnchen" zappeln muss. Der Todeskandidat wird gewogen, die Länge des Seils berechnet. "Ich sende dich in eine bessere Welt als diese, Gott segne dich", lauteten regelmäßig Singhs Worte. Er glaubte daran und fühlte sich wie ein Engel.
Er tritt vors Mikrofon und sagt: "5.54 Uhr - jetzt wird ihm die Kapuze aufgesetzt. 5.55 Uhr - jetzt muss er sich auf die Falltür stellen. 6.00 Uhr - jetzt geht die Falltür auf. Er stirbt wie ein Tier." Er war nicht zum Dienst, sondern in eine Radiostation gegangen. "Ich will auch in eine bessere Welt", sagt er. Die Sonne scheint so gleißend, dass er nicht zum Himmel sehen kann.
Magersucht
Orsina sah dünne Frauen und Männer auf der Straße, sie sahen nicht schön aus. Sie verführte sie, sich vor ihr auszuziehen, sie sahen nicht schön aus. Es schien ein Zauber um sie, wenn sie auf Fotos zu sehen waren, sich auf ausgeleuchteten Laufstegen in fremdartig wirkenden Kleidern bewegten. Sie sahen auf Fotos und Laufstegen schön aus.
Es fiel ihr schwer, nichts zu essen, sie beschloss die Hälfte des Essens zu genießen und die andere liegen zu lassen. Falls sie sich nicht beherrschen konnte und mehr als die Hälfte aß, zwang sie sich, zu kotzen. Die Magensäure verätzte den Hals, ´sie gefährdet die Zähne.´ Sie lernte, sich zu beherrschen und fühlte sich stark.
Sie wurde knochig. Sie stellte Foto- und Filmkameras auf, fotografierte und filmte sich und fand sich knochig, der Zauber kam nicht ins Bild. Sie dachte, dass sie einen Partner braucht. Sie gab Geld und Sex dafür hin. Ein Mann wollte sie noch dünner, "ich will mit dem Tod verheiratet sein." Sie aß weniger, sie starb allein.
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