Eine Frau will die Wirklichkeit um sich ändern, die andere will sich die Wirklichkeit, die sie mag, inszenieren. Sie scheitern beide. Ich lasse sie einander im Friseursalon begegnen. Ein Mann, der die Welt bessern will, sprengt sie in die Luft. Das kommt vor.
"Die Weiber an die Macht!"
Ein Friseursalon im Keller. Ein Mann spielt Geige. Von der Decke rieselt natürlich Staub. Kundin: "Wer ist das?"
Friseuse: "Wer? Der Mann?"
"Ja."
"Er könnte mein Vater sein."
"Er sieht jung aus."
"Ich bin Friseuse."
"Tut er das oft?"
"Was?"
"Spielen."
"Wenn er traurig ist."
"Ist er das?"
"Traurig?"
"Ja."
"Ja."
"Warum?"
"Weil er spielt."
"Warum?"
"Traurig?"
"Ja."
" - damit er spielen kann."
"Sagte er das?"
"Nein."
"Weshalb sagen Sie das?"
"Ich bin gelegentlich traurig. Sie nicht? Ihr Mann hat übrigens eine Geliebte."
"Ich sagte es Ihnen."
"Seit zwei Jahren."
"Ich glaube, das sagte ich Ihnen nicht."
"Sie gehen seitdem zum Friseur."
"Gehen Sie nicht zum Friseur?"
"Die anderen Läden sind Konkurrenz. Ich wollte einen Friseur einstellen, keiner wollte einen Vertrag für vier Stunden im Monat."
Ein Mädchen tritt in die Tür, sagt: "Kinder müssen die Schuhe ausziehen. Sind Ihre Schuhe sauber? Wenn Sie saubere Schuhe anhaben, dürfen Sie reinkommen. Kinder müssen die Schuhe ausziehen. Sind Ihre Schuhe sauber? Wenn Sie saubere Schuhe anhaben, dürfen Sie reinkommen. Oder Sie sollten viel Geld haben. Bäh!"
Kundin: "Wer ist das?"
Friseuse: "Sie könnte meine Enkelin sein."
"Enkelin?"
"Ja."
"Sie sehen jung aus."
Das Kind verschwindet. Friseuse: "Ich bin Friseuse."
Kundin: "Haben Sie das zu ihm gesagt?"
"Was?"
"Das, was es sagt."
"Auf den Spielplatz wurde ein Kaufhaus gebaut. Wohin könnte es gehen? Es hat Dreck an den Schuhen und kein Geld, sich frisieren zu lassen. Ich war als Kind gern in Kaufhäusern, in den Regalen lag Schönes. Das Kind zog goldfarbene Damensandaletten an, es wollte Prinzessin spielen. Es machte die Packung einer Strumpfhose auf, es zog sie sich über den Kopf, Räuber zu scheinen. Sie haben das Kind gejagt. Ich bekam Angst, in einem Raum, in dem nicht alles mir gehört, zu spielen. Die Leute sahen, dass es im Kaufhaus vergoldete Schuhe und einen Stand mit Strumpfhosen gibt. Ich wurde für die Werbung nicht bezahlt, meine Mutter musste zahlen. Sie verprügelte mich."
"Verzeih mir."
"Früher genierte sie sich mit mir. Jetzt meine Tochter."
"Tochter?"
"Sie ist meine Enkelin oder das fremde Kind. Oder ich."
"Ich hörte, Sie interessieren sich für Literatur."
"Wer sagte das?"
"Ich verstand Ihre Antwort nicht."
"Von wem hörten Sie das?"
"Sie reden oft so merkwürdig."
"Wem?"
"Ich glaube vom Friseur."
"Wem?!"
"Ich meinte den Fleischer."
"Ich kaufe kein Fleisch. Woher weiß er das?"
"Ich sagte: ′Ich habe Gedichte meines Bruders in der Tasche.′
"
"Kennen Sie ihn?"
"Den Fleischer?"
"Ja."
"Nicht näher."
"Warum?"
"Was?"
"- sagten sie ihm das?"
"Ich glaube, er hatte einen Reim gemacht."
"Auf Fleisch?"
"Nein. Auf Speck."
"Woher soll er wissen, dass ich mich dafür interessiere? Ich las Texte, lernte sie auswendig. Ich sprach sie vor einer Art Tribunal, wurde abgelehnt. Ich kaufte mir eine Kulisse. Ich hole mir Mitspieler. Im Spiegel sind Zuschauer. Ich mag Tragödien. Sie auch?"
"Ich weiß nicht."
"Nein?"
"Ich verlor meinen Mann."
"Ich sprach vom Theater."
"Es ist wahr, am Ende war ich erleichtert, wenn das, was um mich geschah, Theater war. Falls diese Frau ihn unglücklich macht, verprügele ich sie."
"Sie sollten wissen, dass sie eine schwierige Kindheit hatte."
"Sie kennen sie?"
"Ich vermute es."
"Ich weiß: ich hatte keine einfache."
"Ihre Mutter hatte versucht, sie zu früh aus dem Bauch zu kriegen."
"Meine hätte mich verloren gehen lassen, sie wusste nicht wie."
"Sie hat Geschwister. Sie war das jüngste Kind. Ich vermute, sie wurde verwöhnt."
"Ich lernte als Kind zu lächeln, wenn ich traurig war. Hätte ich keinen Stolz gehabt, hätte ich nichts besessen."
"Vielleicht weiß Ihr Mann nicht, dass Sie ihn vermissen."
"Ich weinte vor ihm."
"In einem Film kehrte der Mann zu seiner Geliebten zurück."
"Mein Mann kam zurück. Die Frau habe ihn verlassen. Ich glaubte ihm nicht. Er wurde so verzweifelt, dass ich vor Angst, dass er sich etwas antun könnte, meinen wegschickte, bei ihm blieb, aus Angst, dass er sich etwas antun könnte; Alptraum."
"′meinen"? Wen?′
"Den jetzigen, den davor."
"Ich dachte, sie leben allein."
"Ich will mich nicht daran gewöhnen, es nicht zu tun; ich war leichtsinnig, vertrauensselig geworden. Ich bitte Sie, verlangen Sie von dieser Frau, dass sie bei ihm bleibt! Sie hätte ihren Männern die Kinder genommen, ihm die Familie."
"Er könnte zu Ihnen zurück."
"Nein!"
"Nein?"
"Ich sagte Ihnen, ich lebe mit einem anderen Mann."
"Sie kommen trotzdem zu mir."
"Ich gehe zum Friseur."
"Sie kommen jede Woche zweimal zu mir."
"Ich höre den Frauen zu."
"Es ist keine andere da."
"Manchmal sind andere da."
"Was wollen Sie von mir wissen?"
"Das, was ich hier in Spiegeln sehe, scheint mir fremd."
"Würden Sie es mir sagen?"
"Was?"
"Was sie bedrückt."
"Ich höre lieber zu."
"Ich könnte erzählen: Der Mann, mit dem diese Frau zusammen war, bevor sie Ihren Mann verführte, saß bei uns, ging ins Bett. Er sagte: ′Meine Frau hat keine Bettgeschichten mit anderen.′
Sie und ich wussten anderes."
"Sie hatte neben ihm Männer?"
"Sie hatte etwas mit mir. Ihr Sohn sagte vorgestern: ′Mache mit Mutter wieder einen Termin.′
Er hatte auch ihrem letzten Mann nichts erzählt, wenn ich mich mit ihr getroffen hatte, bei ihr geblieben war."
"Hatte sie noch andere -?"
"Sie sagte, sie hätte gern einen Hausmeister, der sich um die Heizung, Reparaturen kümmern könnte, für sie da wäre, wenn ihr Mann nicht zu Hause ist. Aber ich glaube ihr, dass sie noch nicht viele Männer, Frauen hatte. Sie zählte sie mir auf."
"Sie hat meinen Mann. Ich will, dass er glücklich ist. Falls sie ihn unglücklich machen sollte -. Ich hatte Liebschaften. Nicht heimlich! Ich glaube, Unehrlichkeit verletzt die Würde des andern."
"Sie wurden verlassen, diese Frau nicht."
"Er verließ mich, um eine Frau zu haben, von der er glaubt, dass sie fähig ist, nur ihn zu lieben. Das ist absurd, nicht wahr? Ich liebte ihn, weil er mich frei zu lassen schien. Wenn ich Liebhaber mit ihm verglich, schien er mir liebenswerter. Hatten Sie wirklich Bettgeschichten mit ihr?"
"Ihr Mann war mit seinen Kindern verreist."
"Meinen Kindern."
"Die Kinder von ihr waren bei ihren Vätern. Sie fragte mich, ob ich mit ihr verreisen würde."
"Sie sind Ihre Freundin."
"So kann man es nennen."
"Sie übertreiben! Wenn mich ein alter Freund oder eine Freundin besucht, umarme ich, küsse, gehe mit ihnen Hand in Hand auf der Straße; ich mag sie, liebe nicht, bin nicht untreu. Aber mein Sohn erzählte &Äuml;hnliches: Diese Frau habe einen Mann geküsst, als sie meinen Jungen bemerkt habe, sei sie zurückgeschreckt. Mein Mann"
"Sie sagen ′mein Mann′"
"sagte nur, dass sie klagte, dass sie beständig Pech mit Männern hätte. Sie sah ihn dabei vermutlich traurig, bittend an. Das ist verführerisch, nicht wahr? Sie sollte zum Psychiater gehen, damit er aus ihr rauskriegt, was mit ihr nicht stimmt."
"Sie sollten den Kopf still halten."
"′Ich sah deinen Mann mit einer älteren Frau.′
Sie ist jünger als ich, nicht wahr?"
"Ich bin Ihr Friseur."
"Sie frisieren sie nicht?"
"Nein."
"Sie sieht aus, als ob sie es nötiger hätte als ich."
"Sie scheint mich nicht nötig zu haben."
"Es beeindruckt Sie."
"Es scheint auch Ihren Mann zu beeindrucken, er liefert ihr das Geld, das er verdient, ab."
"Woher wissen Sie das?"
"Sie ist meine Freundin."
"Ich werde mehr Unterhalt für die Kinder fordern."
"Sie werden erhalten, was Ihnen zusteht. Ich glaube, Ihr Mann macht diese Frau nicht glücklich. Sie schenkte mir ′Das Gefängnistagebuch′ von -. Sie hätte wissen müssen, dass ich es besitze. Ich nehme an, sie wollte mir damit etwas über sich sagen. Sie legte ins Buch gepreßte Vergißmeinnicht, einen Zettel: ′Sei nicht einsam in der Einsamkeit.′
Die Einsamkeit, die zwischen Menschen sein kann, ist belastender, nicht wahr?"
"Sie haben keine Familie?"
"Wenn ich einen Mann, Kinder hätte, hätte ich zum Arbeiten keine Zeit."
"Falls Sie einen Mann, der genug Geld verdient"
"Ich arbeite in dem Beruf, den ich will!"
"Als Friseuse."
"Hauptrolle."
"Wie bitte?"
"Ich könnte mir eine neue Frisur ausdenken."
"Wie lange würde das dauern?"
"Ich könnte sie Ihnen das nächste Mal"
"Was tun Sie?!"
"Ich mache die Frisur fertig."
"Nein."
"Nein?"
"Ich will diese - "Hauptrolle"."
"Ich bin mit dieser Frisur fast fertig."
"Ich will die andere!"
"Ich weiß nicht, wie sie aussehen könnte."
"Ich hätte Zeit."
"Diese Frisur kostete mich Zeit, Kraft."
"Ich muss die Rechnung bezahlen."
"Sie sehen nicht aus, als ob Sie viel Geld hätten."
"Ich spendete vor der Revolution für mildtätige Zwecke, ich tue es jetzt. Sehen Sie in den Spiegel! Ihr Hintergrund veränderte sich, ich habe die Haare anders als vorhin. Ich tippte meinem Mann die Doktorarbeit. Wissen Sie, was darin stand?"
"Ich kenne Ihren Mann nicht näher."
"Wenn auf das Gehirn eine Zeitlang gleiche Reizmuster wirken, beginnen Prozesse, die Reize werden nicht mehr beachtet."
"Ach."
"Ich verändere Muster für mich und andere, Weckreize zu setzen."
"Sie wollen quälen?"
"Ich will, dass verändert wird, was um uns ist."
"Ich kann auch nicht von hier fortgehen. Ich weiß zu viel über die Menschen, die hier leben. Ich will, dass die Fronten nicht verhärten. Auch die zwischen Ihnen und Ihrem Mann."
"Zwischen mir und meinem Mann ist keine Front."
"Ich hörte, Sie wollen keine Scheidung."
"Ich brauche das Geld für anderes."
"Sie werden die Kosten in die Höhe treiben, er will sich scheiden lassen."
"Er wollte es nicht. Was gefällt Ihnen an dieser Frau? Schmeichelt es Ihnen, dass sie zu denen gehört, die sich zu freuen scheinen, wenn Sie sie besuchen?"
"Vielleicht."
"Kämmt sie Ihnen die Haare?"
"Ich bat sie nicht darum, mir das Schamhaar zu kämmen."
"Sie sieht aus, als könnte sie nicht untreu werden, weil sie so unscheinbar scheint, dass kein Mensch sich nach ihr umdreht. Es gibt Ihnen Gefühl von Geborgenheit?"
"Möglich."
"Sie ist eine Kollegin von ihm, sie bekam das dritte Kind. Er besuchte sie gelegentlich. Kein Misstrauen. Ich wusste nicht, dass sie ihn verführen wollte, er sich verführen lassen würde. Ich hatte mich mit dieser Frau irgendwann einmal unterhalten, es hatte mich gelangweilt."
"Ihr Mann und diese Frau zeigen öffentlich, wie sehr sie sich lieben. Es ist peinlich!"
"Peinlich? Nein. Es tut weh. Ich könnte das Verlangen dieser Frau verstehen; ich begreife nicht, dass sie meinen Kindern den Vater weg nahm, mir den Mann."
"Wer etwas nimmt, nimmt etwas weg, blabla."
Kundin: "Ich glaube, der Geiger spielt schön."
Friseuse: "Du hörst nicht zu."
"Das ist nicht wahr."
"Du hörst mir nicht zu."
"Hatten Sie etwas gesagt?"
"Ich erkundigte mich über Sie. Eine Frau sprach schlecht über Sie."
"Über wen?"
"Sie."
"Mich?"
"Ja."
"Wer? Was?"
"Ich sagte und sage auch jetzt niemandem, wer mir was sagte."
"Soll ich die Frauen, die ich kenne, fragen?"
"Sie dürfen hier ruhig schreien."
"Es ist still."
"Ja."
"Ihr Vater spielt nicht mehr."
"Er ist nicht mein Vater."
"Er sieht jung aus."
"Mein Vater ist tot."
"Er?"
"Er sieht meinem Mann ähnlich."
"Ich dachte, Sie leben allein."
"Der Mann mit dem ich zusammenlebte, ging fort, weil er nur noch mit einer Frau leben wollte. Er hatte mit einer Gutsverwalterin, einer Prinzessin, einer Zigeunerin, einer Hure gelebt."
"Sie warfen ihn raus?"
"Nein."
"Nein?"
"Es ist mein Beruf."
"Was?"
"Ich könnte mir nicht vorher sagen, was ich zu tun und zu sprechen habe. Es würde unnatürlich wirken."
"Sie meinen, sie können nicht schauspielern."
"Ich sagte: dass ich spontan spielen muss, um es überzeugend zu können. Ich kann nicht zu ihr gehen, sagen: ′Lebe nur noch mit diesem Mann. Ich komme nicht mehr.′ Ich bin keine Maschine."
"Sie lieben sie wirklich?"
"Ja."
"Warum?"
"Das haben Sie schon einmal gefragt."
"Was fasziniert dich an dieser Frau?"
"Vielleicht das, was für dich abstoßend ist."
"Dass sie Männer verführt, verlässt?"
"Sie fordert von ihnen. Auch von mir. Aber sie tut es so, als müsse es so sein."
"Ich hätte ein schlechtes Gewissen."
"Sie scheint das nicht nötig zu haben."
"Für die Kinder wäre es besser, wenn ihre und meine Familie zusammenleben könnten. Aber ich achte diese Frau nicht. Sie kam nicht zu mir, ′Ich habe mich in deinen Mann verliebt. Ihr habt Kinder, was könnten wir tun?′
Er ging fort. Ich bin eine Frau. Ich schickte trotzdem jeden Mann fort, der zu mir kam, Frau, Kinder hatte."
"Kauften Sie sich einen Vibrator?"
"Nein."
"Nur mit den Fingerspitzen?"
"Würden Sie mir die Haarspitzen heller färben?! Ich hatte eine Flasche Schnaps neben dem Bett stehen. Diese Frau kam nur einmal auf mich zu. Es war während einer Demonstration, als Revolution schien. Sie sagte: Sie werde ein Magengeschwür bekommen, falls ich mich nicht von ihm scheiden ließe. Sie schaffte es, dass er sich scheiden lässt."
"Sie hätten ihm von einem Geschwür erzählen sollen."
"Ich hatte keins."
"Das ist gleichgültig."
"Herzbeschwerden; es schien ihm egal. Was hatte sie gegen den vorhergehenden Mann?"
"Ich weiß nicht."
"Was?"
"Er hat gesagt, Kinder dürfen nicht im Wohnzimmer spielen."
"Ist das wahr?"
"Ja."
"Warum?"
"Was?"
"Sagte er das."
"Es gehöre sich nicht."
"Ich erinnere mich - Es gehört sich nicht."
"Er verlangte von ihr, dass sie das dritte Kind austrägt, nicht ausschaben lässt. Sie gab ihm nach. Das Kind ist krank. Sie kümmert sich um es mehr als um die anderen."
"Sie nimmt an, dass es krank ist, weil sie es abtreiben wollte."
"Ich bin nicht sicher."
"Mein Mann wollte noch ein Kind, ich nicht. Wenn ich schwanger geworden wäre, hätte ich dasselbe durchleben müssen."
"Seitdem sie Ihren Mann kennenlernte, holt sie die Kinder aus den Einrichtungen, macht ihnen Essen, bringt sie zu Bett. Aber sie tut nichts für sie, was sie wollen. Ich gab ihr Bücher, über Gefühlsschäden, die in der Kindheit entstehen können. Sie las nicht."
"Meine Tochter sagte, diese Frau backe den Kindern fast jeden Tag Eierkuchen. Ich glaube, mein Sohn wäre froh, wenn ich das tun würde."
"Es ist nicht gesund, täglich Eierkuchen zu essen."
"Vielleicht hat sie keine Zeit für die Kinder, solange Sie bei ihr sind."
"Einmal stand die Wohnungstür offen. Ich trat ein, beobachtete sie, bis sie mich bemerkte."
"Sie scheint vor Liebe zu meinem Mann nicht genug Zeit für ihre Kinder zu haben."
"Oder aus Sorge."
"Was vermisst sie bei ihm?"
"Ich weiß es nicht."
"Was?"
"Ich traue mir nicht, sie zu fragen. Vielleicht spreche ich deshalb mit Ihnen. Waren Sie mit ihm glücklich?"
"Ich dachte, wir würden zusammen alt."
"Im Bett?"
"Ich nahm an, wir würden als alte Leute Hand in Hand auf einer Parkbank sitzen."
"Waren Sie im Bett mit ihm glücklich?"
"Das geht Sie nichts an."
"Sie war mit ihm im Theater, ich hütete ihre Kinder. Ihr Sohn zeigte mir Zeitschriften, in denen seine Mutter lese. Es ging um Sex."
"Sie sollte froh sein, einen Mann wie ihn abbekommen zu haben."
"Ansichtssache. Wollen Sie ihn zurück?"
"Ich verlor, seitdem er wegging, Haare. Jeder Blick in den Spiegel erinnert mich daran, dass er mich verletzte."
"Ich könnte sie Ihnen toupieren." Sagt die Friseuse. "Diese Frau wollte von ihrem Mann weg. Angst, allein mit drei Kindern wirtschaften zu müssen. Sie hätte auch einen anderen als Ihren Mann genommen. Auch mich."
Kundin: "Sie sind eine Frau."
"Sie wollte von diesem Mann weg. Angst, allein mit drei Kindern leben zu müssen. Ich hätte selten Zeit für sie haben können, ich habe einen Friseursalon, er ist von früh bis spät geöffnet."
"Er verließ mich, seine Kinder. Er scheint Angst zu haben, er könnte auch diese Frau verlieren, er kommt selten, sieht auf die Uhr. Wenn die Kinder zu ihm wollen, müssen sie zu dieser Frau."
"Sie ist nett zu Ihren Kindern."
"Seinetwegen."
"Er ist kein guter Vater. Er kümmert sich um den mittleren, den jüngsten, den ältesten Sohn von ihr nicht."
"Er war gestern mit ihm im Kino."
"Mit wem?"
"Dem ältesten."
"Sie sahen ihn?"
"Ja."
"Ich erinnere mich. Sie sagte, Ihr Mann wolle einen Film sehen. Er kümmert sich nicht um den Jungen."
"Die Kinder haben eigene Väter. Er versorgt sie, seine Kinder nicht. Diese Frau will, dass er sich scheiden lässt. Sie wird ihn heiraten, verheiratet zu sein. Falls sie ihn verließe, wäre er ihr gegenüber zum Unterhalt verpflichtet."
"Trauen Sie ihr das zu?"
"Ich hatte ihr nichts zugetraut. Mein Sohn sagte, diese Frau sei drei Mal verheiratet gewesen."
"Das erste Mal musste sie heiraten, weil sie ein Kind erwartete. Ihr ältestes Kind weiß nicht, wer sein Vater ist."
"Sie wird meinen Mann heiraten, verheiratet zu sein. Falls sie ihn verließe, wäre er ihr gegenüber zum Unterhalt verpflichtet. Diese Frau bekommt für drei Kinder Unterhaltsgeld. Ich scheine ihr nicht noch mehr Geld zu gönnen."
"Falls Sie irgendwann keins haben sollten, können Sie nach Ladenschluss zu mir durch die Hintertür kommen."
"Er habe zu mir und ihr eine Beziehung; er wolle keine Scheidung. Er sagte vor Tagen: Er habe einen Anwalt. Falls ich mich weigern sollte, vor Gericht zu erscheinen, würde ich die Gerichtskosten hochtreiben."
"Ich sagte es Ihnen."
"Ich habe kein Geld, keine Wahl."
"Warum sträuben Sie sich?"
""Verwitwet" klingt anders als ′geschieden′."
"Diese Frau ist ge"schie"den. Sie tat es für Ihren Mann. Sie könnten den anderen heiraten."
"Wen?"
"Den mit dem Sie zusammenleben."
"Er wird es nicht tun."
"Nein?"
"Katholik."
"Verheiratet?"
"Ich kann ihn nicht belügen. Mein Mann behauptete, er würde mich nie verlassen. Er tat es."
"Welcher?"
"Mann?"
"Ja."
"Der, der fortging."
"Ich verstehe nicht."
"Was verstehen Sie nicht?"
"Weshalb dieser Mann Sie nicht heiraten will. Ich habe Sie schön frisiert."
Kundin: "Ich kann nicht so tun, als würde ich sicher sein, dass ich nie wieder einen anderen Mann umarmen könnte. Ich könnte es nicht ertragen, ihn vielleicht belogen zu haben."
"Sie könnten ihm treu bleiben."
"Ich kaufte mir eine Pistole, mich verteidigen zu können, falls jemand etwas von mir will, was ich nicht tun oder geben will. Es sah in Filmen leicht aus, aber es macht mir Mühe, zu laden, abzudrücken und zu treffen. Vielleicht bleibe ich diesem Mann treu, vielleicht nicht. Diese Frau sprach, als sie meinen Mann kennenlernte, schlecht über den, mit dem sie zusammenlebte. Ich hörte, als sie den vorhergehenden kennengelernt hatte, habe sie schlecht über ihren ersten gesprochen. Kennen Sie Ihren vorherigen Mann? Ich sah sein Bild in der Zeitung. Ich muss ihn vorher woanders gesehen haben, ich kann mich nicht erinnern. Ich glaube, er stand bei einem Maifest am Herd, buk Eierkuchen. Er war nicht groß, sprach laut."
"Sie könnten ihn haben."
"Ich suche mir meine Männer aus."
"Er sagte Ähnliches, als ich ihm vorschlug, sich mit Ihnen zusammenzutun."
"Warum taten Sie das?"
"Ich will, dass die Menschen glücklich sind."
"Sie sagten, Sie lieben Tragödien."
"Eine meiner Kundinnen sagte, ich sei einsam. Ich widersprach ihr. Ich erinnerte mich später, dass sie in der Firma, in der Ihr Mann angestellt ist, arbeiten könnte. Ich rief an. Ich wurde mit ihr nicht verbunden."
"Wozu?"
"Was?"
"Anrufen."
Friseuse: "Sie hatte mir in die Augen gesehen, meine Hand berührt. Ich möchte sie finden. Ich mag Tragödien, - auf der Bühne."
"Aber Sie sagten, Sie lieben die Frau, mit der mein Mann -."
"Die? Ich ging eine Zeitlang in Begleitung von Männern zu ihr. Vielleicht machte es mich für sie interessant."
"Sie interessierte sich für die Männer?"
"Wollen Sie ihn warnen? Ich hätte nicht viel davon. Sie mag jeden, der sich um sie kümmert. Ich war bei ihr, es war niemand anderes da. Sie sagte: Ich solle natürlich, ungezwungen sein. Ich nahm an, sie lebe wieder allein. Plötzlich hörte ich einen Schlüssel in der Tür. Wir schreckten auseinander."
"Er?"
"Ja."
"Mein Mann?"
"Sie umarmte ihn hinter halbverschlossener Tür. Hätte ich mich nicht vorgebeugt, hätte ich es nicht gesehen."
Kundin: "Meine Kinder fragten fast jeden, der zu Besuch war, ob er ihr neuer Vater sein wolle. Ich rief einen an, sagte, dass ich bereit geworden bin, mit ihm zu leben, weil er gesagt hatte, dass er eine Frau mit Kindern suche, "Zu alt, ganz neu anzufangen."
Doch er wollte eine Frau mit einer jüdischen Nase. Mein Sohn: Ein Mann habe gesagt, er würde mit uns zusammenleben, die Entscheidung läge bei mir. Ich zögerte, sagte zu ihm: ′Zehnjahresvertrag, du kannst bleiben, bis die Kinder aus dem Haus sind.′
"
"Er war einverstanden?"
"Ja."
"Erstaunlich."
"Ein paar Wochen später verliebte ich mich in ihn."
"Wo ist er?"
"Ich weiß nicht."
"Was heißt das?"
"Er könnte Terrorist sein, versteckt leben müssen. Ich wurde Politikerin. Ich will so arbeiten, dass er mich nicht in die Luft sprengen muss, damit es meinen Kindern besser gehen kann. Ich gehe ab und zu in Kneipen, ich vertrage Alkohol nicht, ich gehe zu Friseuren, den Menschen zuzuhören. Das sagte ich schon."
"Sie gehen zu Friseuren?"
"Zu Ihnen."
"Und zum Fleischer."
"Ja."
Friseuse: "Die meisten Frauen, die ohne Mann leben, fliehen gewöhnlich in Religion, Mystik."
"Sprechen Sie von sich?"
"Nein."
"Ich kam ohne Mann, Mystik aus. Bis mich auf einer Dienstreise ein Mann geweckt hatte. Ich merkte wieder, dass mir etwas fehlt. Ich mag Kondome nicht. Kein Mann blieb, bis er hätte testen lassen können, ob er gesund ist; ′Du wirst für mich faszinierend bleiben. Aber du hast Kinder, fast kein Geld!′
Tapp, tapp ging er fort. Wenn mich ein Mann verließ, weil die Kinder am Tisch geschweinigelt, nicht aufs Wort gehorcht hatten, wurde ich zu ihnen ungerecht, unglücklich. Ich beschloß, bis die Kinder gross sind, ohne Mann leben."
"Langweilen Sie sich gelegentlich?"
"Selten."
"Sie können allein sein?"
"Ja."
"Sie sollten Mitleid mit dieser Frau haben."
"Sie hatte kein Mitleid mit mir."
"Sie braucht jederzeit Menschen um sich. Ich zur Not Kunden."
"Mein Mann war nicht besser als diese Frau. Ich arbeitete, kümmerte mich um die Kinder, den Haushalt, hatte nicht genug Zeit für ihn. Dienstreise. Sehnsucht. Ich telegrafierte, dass er zu mir kommen soll. Als ich ihn unter mich ziehen wollte, erzählte er mir von einer Frau, ich begriff, dass ich ihn verlieren könnte. Es hätte ein Neuanfang werden können. Ich wollte ehrlich bleiben. Er war wie ein Teil von mir geworden, ich mache mir keine Liebeserklärungen. Ich hatte vermutlich keinen Glanz in den Augen, wenn ich ihn ansah, und es nervte mich, wenn er nicht getan hatte, was wir abgesprochen hatten. Ich bin arbeitslos, ich hätte jetzt Zeit für Fantasien, ihn mir zu verklären. Diese Frau kann nicht so schlecht sein, wie sie scheint. Er muss ihr das Gefühl gegeben haben, dass unsere Beziehung nicht in Ordnung ist. Er hätte auch eine andere Frau genommen. Ich hatte Liebschaften, er wollte eine. Er bat um Toleranz, Geduld. Ich wollte tolerant, geduldig sein. Ich bin seine Frau."
"Sie waren es."
"Er hatte sich vor mich hingestellt, als ich eines Abend wieder irgendwohin fortgehen wollte, ′Ich habe dich sehr gern. Aber ich merke, wie du alles Gefühl in mir kaputt machst.′
- "Du liebst nicht mich, denn ich bin die, die ohne dich leben können, freiwillig bei dir bleiben will."
Er wollte fernsehen, ich tanzen."
"Diese Frau wäre, vermute ich, an jenem Abend bei ihm geblieben. Sie warb um einen Klassenkameraden. Sie verliebte sich in einen Mitstudenten. Als sie zu arbeiten begann, hatte sie eine Affäre mit einem Kollegen. Als sie die Arbeit wechselte, -′
"Ich hatte ihm diese Arbeitsstelle besorgt. Wenn ich zu ihm kam, war sie im Zimmer."
"Ich erinnere mich: Ich sah Sie aus dem Haus, in dem er arbeitet, kommen, zum Kiosk gehen, eine Flasche Schnaps kaufen", sagt die Friseuse, "Ihr Mann scheint dasselbe zu brauchen wie diese Frau."
Kundin: "Sie wird arbeitslos werden, er wird auf Arbeit gehen müssen, sie wird nicht allein sein können und ihn betrügen. Er wird gewonnen haben, dass er es vielleicht nicht erfährt, ich hätte es erzählt. Wenn mein Sohn sagt, dass er seinen Vater noch liebt, verletzt es mich. ′Ich verstehe dich nicht. Der Mann, den ich zu deinem Vater machte, der mich liebte, ist tot.′
Meine Tochter sagt ′Papa′ zu dem neuen Mann. Ich liebe ihn. Ich bin glücklich. Wenn es in Herzgegend noch ab und zu sticht, nehme ich an, dass ein Gefäß im Brustgewebe entzündet ist."
"Es könnte meine Rolle sein, alleinstehende Frauen zueinander zu bringen. Aber sie reden nicht miteinander."
"Ich fühle mich nicht allein. Ich glaube, Sie suchen nach Gründen, sich Menschen unaufdringlich nähern zu können."
"Ich bin Friseuse."
"Eben."
"Warum sollte ich das tun?"
"Du bist einsam, nicht wahr?"
"Ich habe Kunden."
"Sie sind einsam."
"Nicht einsamer als Sie."
"Au!"
Friseuse: "Sie sollten den Kopf still halten."
Kundin: "Verzeihen Sie, ich war erschrocken. Manchmal ist mir, als hätte ich meine Mutter gesehen."
"Wo?"
"Da vor dem Fenster."
"Warum starren Sie auf das Glas? Es ist Honig darin. Die Wespen kleben an, ′Es ist ein süßer Tod.′
Es fällt mir schwer, jemanden quälen zu müssen."
Ein Mann tritt in den Laden, sagt zur Kundin: "Lesen Sie das. Unterschreiben Sie!"
Kundin: "Um was geht es?"
Friseuse: "Tiefflüge."
Zu ihm: "Der Schlüssel ist unter dem Abtreter, Essen steht auf dem Herd."
Er: "Ich brauche noch ihre Unterschrift."
Friseuse: "Ich bringe sie dir mit."
Er: "Sie könnte gleich unterschreiben."
Friseuse: "Ich bringe die Unterschrift mit."
Er geht.
Kundin: "Wer ist das?"
Friseuse: "Er könnte mein Sohn sein."
"Er sieht alt aus."
"Sie meinen, er sieht nicht besonders gut aus. Sie wollen schöne Männer, nicht wahr? Ich sah Ihnen zu, wenn Sie unter der Fönhaube Zeitschriften durchblätterten. Ihnen gefallen Männer mit schmalen Gesichtern, Dreitagebärten; die Barthaare könnten Sie zwischen den Beinen kitzeln. Er aber kam ungebeten in den Laden. Er erzählte von seiner Frau, den Kindern. Ich musste ihn gefragt haben, ob er eine Schlafstelle für die Nacht hat. Er sagte: ′Ich nehme ihr Angebot an.′
"
"Er wohnt bei Ihnen?"
"Wenn ich sagen will, dass er die Wohnung verlassen soll, fällt mir ein, dass er Frau und Kinder durch den Absturz eines Tieffliegers verlor."
"Er erpresst sie."
"Ich nehme es hin."
Die Kundin will unterschreiben.
Friseuse: "Lassen Sie es."
"Wollen Sie ihm nicht helfen?"
"Wenn er genug Unterschriften gesammelt hätte, es vielleicht keine Tiefflüge mehr geben dürfte, würden seine Frau, sein Kind nicht lebendig. Er hätte keinen Lebenssinn mehr."
"Ich bin beunruhigt, dass ich meine Mutter seit Wochen nicht sah."
"Sie fanden in der Gegend eine verkohlte Leiche."
"Ich nehme an, meine Mutter wanderte nach Amerika aus."
"Sie sagten, sie sei siebzig."
"Sie war jahrelang da und dort eingesperrt. Sie kannte Amerika aus Kinderbüchern. Wie ich. Ich bin auch eingesperrt. Ich habe für Freiheiten nicht genug Geld. Woher hatte sie Geld?"
"Es ist warm hier, nicht wahr? Ich inszeniere das, was ich um mich haben will. Die Palmen und der Gummibaum wachsen. In der Blumentopferde sind Vogelspinnen. Hören Sie sie? Vielleicht wollte sie Ihnen die Beerdigungskosten ersparen."
"Sie schloß eine Versicherung ab, ich hätte keine Kosten. Als sie nicht reisen durfte, glaubte sie, dass sie keine Zeit, Kraft haben würde, es zu tun. Sie ging arbeiten, kümmerte sich um uns. Sie muss es nicht mehr. Ich inserierte in der Zeitung, dass ich eine Wohnung in diesem Viertel suche. Ich suchte jemanden, dem eine große Wohnung zu teuer wird, der keine Kraft mehr hat, Kohlen nach oben zu schleppen, einen dem der Weg zur Bahn und zur Kaufhalle zu weit ist. Ich sicherte Hilfe beim Umzug zu. Ich war überrascht, dass meine Mutter anrief. Sie hatte mich nur einmal in der Neubaugegend besucht. Sie fand sie schrecklich."
"Vielleicht wollte Sie Ihnen helfen."
"Ich hatte nicht wahrgenommen, dass sie alt geworden war, Erleichterungen brauchte. Sie ist alt, ihr Gehirn verkalkt, sie vergisst gelegentlich, dass sie alt ist, das heißt, eine Wohnung, die warm und hell ist, als säße sie im Sommer in einem Garten, braucht. Manchmal ist es zwischen den Häusern hier so düster, dass ich tagsüber Licht anschalten muss, ich will die Gardinen nicht zuziehen, weil ich nicht wie zwischen Wänden ohne Fenster sitzen will. Wenn es draußen finster wird, vergesse ich oft, die Vorhänge zuzuziehen. Wenn ich Zeitung gelesen habe, werde ich ängstlich, weil ein Mann mich nackt gesehen haben könnte, er könnte mich vergewaltigen wollen, Mörder werden. Ich sah zufällig aus dem Fenster - in der Küche schräg gegenüber stand eine Frau vor dem Spiegel. Sie war nackt. Ich löschte das Licht und sah zu, wie sie sich zwischen den Beinen das Fell kraulte."
Friseuse: "Ich stehe gelegentlich abends an einer Theke. Ich hörte am Nebentisch eine Frau sagen, dass Männer sie verführen wollten, eine Nacht bei ihnen zu bleiben. Sie war empört. Ich beneidete sie. Einen Moment lang. Ich sehe täglich Männer, der eine ist hübsch, der andere scheint freundlich, bevor ich mich entscheiden könnte, welchen ich kennenlernen möchte, sehe ich den nächsten. Es erspart mir Enttäuschungen. Die Männer sehen nett aus, sie reden klug. Sie sind gewöhnlich Säufer oder Geschäftsleute. Auf beide ist kein Verlass. Der Barkeeper bewegt sich wie ein Schwuler. Vielleicht reizt mich das. Wenn er nicht bedienen muss, kommt er zu mir. Ich möchte oft, dass kein Holz zwischen uns ist. Aber dann denke ich, dass ich mit einem Mann, der Barkeeper ist, abends wieder allein zu Hause säße oder in der Kneipe am Tresen stehen müßte. Die Fenster mir gegenüber sind senkrecht im schrägen Dach. Zwei Männer, zwei Frauen, sie legen sich zum Sonnen nackt auf die Steinsimse vor den Fenstern. Manchmal umarmen sie sich, ich fühle kein Verlangen, mich zu ihnen zu legen, ich will, dass sie herunterfallen."
Eine ältere Frau tritt in den Laden, "Darf ich in deine Wohnung?"
Kundin: "Ich vermutete bereits, du seist in Amerika. Wie siehst du aus?"
Die ältere Frau: "Ich fiel hin."
"Zwischen Kohlen?"
"Ja."
"Wo?"
"Sie lagen auf dem Bürgersteig."
"Konntest du nicht vorbeigehen?"
"Es waren viele."
"- die Straßenseite wechseln?"
"Es fuhr ein Auto vorüber."
"Eins?"
"Viele."
"Wo warst du?"
"Ich sagte es."
"Du lügst."
"Ich wollte dir den Keller aufräumen."
"Woher hattest du den Schlüssel?"
"Ich wohnte früher in diesem Haus."
"Ich ließ das Schloss ersetzen."
"Ich hatte Schlüssel bei mir. Einer passte."
"Du hattest versucht, dir im Keller einen Raum zu bauen."
"Nein."
"Aus Pappen."
"Nein!"
"Das Dach hielt nicht."
"Ich brauche doch nur einen Platz zum Schlafen."
Kundin: "Woher wusstest du, wo ich bin?"
ältere Frau: "Ich schaute ab und zu durch den Türspion in den Korridor."
"Ich verstehe nicht."
"Mir fiel auf, dass du jeden Donnerstag neu frisiert warst."
"Warum klingeltest du nicht?"
"Du sagtest jedes Mal, dass du Migräne hast, dich jedes Geräusch stört. Deine Kinder waren auf der Straße."
"Ich war eines Nachts im Treppenhaus stehengeblieben, hörte eine Frau und zwei Männer keifen. Es klang, als wollten sie sich prügeln. Ich hatte Angst, die Tür könnte aufgehn und sie mich erwischen. Ich beschloß, meine Mutter nicht mehr bei mir übernachten zu lassen. Die Vorstellung, dass einer vor der Tür steht, lauscht, ist mir unerträglich. Die Wände zur Nebenwohnung sind dünn, meine Mutter hört schwer. Wenn ich laut sprechen muss, kann meine Nachbarin jedes Wort hören. ′Aber die Katze stört dich doch auch nicht!′ Der Katze muss ich nicht sagen, wohin ich gehen will und mich nicht rechtfertigen, wenn ich mit einem ihr unbekannten Mann nach Hause käme. Am Ende sagte ich: ′Wenn du jetzt nicht den Mund hältst -′ Sie redete weiter, und ich ging aus der Wohnung, für die ich die Miete gezahlt hatte, um Ruhe vor ihr zu haben. Wenn ich nach Hause kam, war sie da. Oder sie kam kurz später. Ich hörte ihren Schlüssel an der Tür kratzen. Ich hatte Angst, dass sie das neue Schloss kaputt macht, öffnete die Tür und sagte, ich hätte den Schlüssel verloren, ein neues Schloss einbauen lassen müssen. Es habe viel Geld gekostet, es habe nur einen Schlüssel. Sie sah mich ungläubig an. Ich hatte Angst, sie könnte den Schlüssel vom alten Schloss finden, traurig werden. Ich hatte ihn, in ein Papiertaschentuch gewickelt, in ein Gulliloch geworfen, ängstlich, sie könnte hinter einem Baum stehen, mich beobachten."
Friseuse: "Ich könnte niemanden töten."
Kundin: "′Bleibst du heute Abend zu Hause?′ Hatte ich gebettelt. Diese Frau sang mir, als ich klein war, noch ein Lied vor und ging. - ich legte eine Schallplatte auf, bevor ich sagte: ′Ich helfe dir in den Mantel.′Als ich sie zur Tür brachte, zögerte sie. ′Komm bald wieder′ sagte ich. Als sie die nächsten Male kam, ertrug ich das Klingeln, bis ich meine Nachbarin die Tür öffnen und sagen hörte: ′Ihre Tochter scheint nicht da!′Meine Mutter ging mit schlurfendem Schritt, blieb mehrmals stehen - als wolle sie mich bestrafen. ′Ich liebe dich doch′, sagte ich und weinte. Tage später stand ein Polizeiwagen vor der Tür, die Frau die sie aus dem Haus führten, war sie. Ich fragte, ob ihr etwas geschehen ist. Sie sagten, sie hätte sich auf dem Dachboden des Nachbarhauses eingenistet."
Friseuse: "Meine Mutter schluckte Herztabletten, bis es still stand."
Kundin: "Ein anderes Mal schlief sie auf der Parkbank. Ein Polizist fragte nach ihren Papieren, er brachte sie in ihre Wohnung zurück."
Friseuse: "Zwischen Beton."
"Ich sagte ihr, dass ich jeden Abend die Nummer der Telefonzelle vor ihrem Haus anwählen werde. Sie sollte dort sein, wir könnten miteinander sprechen. Ich hoffte, dass sie überlegen wird, was sie mir sagt, wenn sie die Menschen sehen kann, die vor der Tür stehen, ihr zuhören können. Ich kaufte ihr eine Monatskarte, sie hätte hin und her fahren können. Sie saß trotzdem eines Tages auf der Treppe, weil es geregnet hatte. Das Geld hätte für einen Cafébesuch nicht gereicht, behauptete sie."
"Ich habe keinen ärger mehr mit meiner Mutter."
""Hast du keine Freundinnen?"
Fragte ich. Die würden jammern."
Friseuse: "Ich war einkaufen, sah, dass ein Junge klaute. Ich wollte ihn anzeigen, um ihn zu erziehn. Er behauptete, er habe den Joghurt für eine alte Frau genommen, weil er es nicht ertragen habe, dass sie den Joghurt minutenlang in der Hand gehalten, auf den Preis gestarrt, ins Regal zurückgestellt habe."
Kundin: "Ich stellte Pfandflaschen vor die Kellertür, sie könnte sie wegschaffen, falls sie wieder einmal Geld brauchen würde. Ich gebe meiner Mutter kein Geld; ich will ihr nicht weh tun, ich nehme Geld von ihr an. Aber ich sagte beständig, ich hätte zuviel Essen eingekauft, packte es ein, gab es ihr mit, ′Es wird sonst schlecht. Ich müßte es wegtun.′Ich legte ihr Kleider, Pullover und so weiter hin. Ich hätte sie ausversehen zu klein gekauft, sie wären in der Waschmaschine geschrumpft oder die Farbe sei mir zu dunkel. Sie können mir keine Vorwürfe machen."
Friseuse: "Wenn sie mir gegenübersaß, stellte meine Mutter ihre Knie so, dass ich meine Beine nicht spreizen konnte. Wenn sie sie zusammenpresste, spannten sich meine Muskeln bis zum Bauch, es erregte. Ich sah leicht lüstern um mich, sie drückte derber."
Kundin: "Die Zärtlichkeit, die ich brauche, kann mir eine Mutter nicht geben. Ich sagte ihr, sie könne noch etwas Nützliches tun. Zum Beispiel stundenweise Kinder hüten. Ich sah sie mit einem Kind auf dem Spielplatz - neben dem Haus, in dem ich wohne. Sie rief nach mir, ich war in Gedanken, wollte es nicht hören. Sie schickte mir den Jungen hinterher, er führte mich am Ärmel zu ihr, und ich musste sagen: ′Verzeih, ich war in Gedanken.′ Ich hatte gedacht, sie hätte eine Aufgabe gefunden. Sie schlug mir vor, neben meinen das fremde Kind zu hüten, Arbeit zu haben, Geld zu verdienen. Sie erlauben ihr doch, dass sie sich am Waschbecken säubert, damit sie nach Hause fahren kann? Sie hat eine Wohnung mit Fernheizung, Bad. Ich musste, als ich junge Frau war, zwischen Kellern wohnen. Es roch muffig, die Schuhe vor der Tür verschimmelten. Und wenn ich im Nachthemd aufs Klo musste, gingen Männer mit Kohleeimern an mir vorrüber. Ich nannte die, die mich so leben ließen, asozial, sie sagten: ′Wir sind nicht asozial, wir leben in ordentlichen Wohnungen.′ Sie kriecht in Keller."
"Meine Mutter hätte das nicht getan. Sie war anständig. Sie wollte nicht zu mir, auf einem Hinterhof leben - sie nahm sich das Leben. Die Frau kann sich hier waschen. Aber ich nehme an, sie will den Schlüssel zu Ihrer Wohnung. Sie sollten ihn ihr geben. Oder ihr meinen geben. Ich bin nicht gern allein. Bier ist teuer. Eine Zeitlang nahm ich Flaschen in die Kneipen mit, goß mir das Glas voll, bevor es leer war. Als die Kellnerin mir die Rechnung brachte, sah ich, dass sie die Gaststättenaufschläge angerechnet hatte. Wenn ich am Morgen aufstehe, ist die Nase verquollen, die Haut um die Augen verbeult und lila; ich bin nicht geschminkt. Gestank nach Zigaretten, ohne geraucht oder Parfüm genommen zu haben. Wenn der Kopf bei jeder Bewegung schmerzt, wäre ich froh, wenn ich nicht zur Arbeit in diesen Salon müsste. Wenn ich nach Dienstschluss nicht allein wäre, kein Geld zum Besaufen bräuchte, könnte ich diesen Keller überfluten lassen, von Sozialfürsorge leben, morgens ausschlafen."
"Sie haben diesen Mann."
"Er sammelt Unterschriften. Er kommt spät, geht zeitig."
Kundin zur älteren Frau: "Setze dich! Du hast Krampfadern. Meine Katze war weg. Die Tür war zu. Du hattest nach ihr gerufen, als das Tier auf dem Fensterbrett saß, oder du klopftest so laut an die Tür, dass die Katze erschrak, aus dem Fenster sprang. Du hattest kein Glück - das Vieh überlebte. Ich will nicht, dass du bei mir wohnst, und ich will nicht in dieses Betongebiet zurück. Wir haben beide keine Wahl. Der Vater meiner Kinder lebt mit einer anderen Frau. Er erzählte fast nichts über sie. Ich weiß nur, dass sie keine Pille nimmt, kein viertes Kind will. Ich wunderte mich, dass ihm die Aufregung Spaß zu machen scheint. Diese Frau mutete mir zu, mit meinen Kindern allein zu leben. Sie würde es mir noch immer zumuten, wenn ich nicht diesen Mann getroffen hätte -"
Friseuse: "Ich wollte mit Ihnen nicht über diese Frau sprechen."
Kundin: "Ich kenne diese Frau so gut wie gar nicht. Sie sagten, dass Sie sie kennen. Sie begannen das Gespräch."
Friseuse: "Ich sah einen Film; der Mann kehrte zu seiner Jugendliebe zurück."
"Ich und die Kinder leben mit einem anderen Mann."
"Es gibt ihn wirklich?"
"Bezweifeln Sie das?"
"Sie haben zwei Kinder. Sie scheinen nicht reich. Ist er alt? Fett?"
"Als mein Sohn ihn fragte, wohin er gehe, als er die Korridortür öffnete, hinausging, sagte er: ′Ich gehe, weil du nicht aufgeräumt hast.′ Der Kleine weinte, ′Ich will nicht wieder schuld sein, dass ein Mann uns verlässt.′ - ′Er machte nur Spaß′, konnte ich sagen. Ich werde diesen Mann immer wieder aus seinen Verstecken, die er wegen den Waffen haben muss, zu mir kommen lassen, als würden wir zusammen leben. Und vielleicht irgendwann erfahren, dass er mich betrügt. Er könnte irgendwann zu einer anderen Frau ziehen, bis er erfährt, dass sie ihn belügt. So könnten die Jahre hingehen."
Ältere Frau: "Falls uns noch Jahre bleiben."
Kundin: "Ich weiß, wenn ich ihn nicht mehr lieben würde, müsste ich wieder allein mit zwei Kindern leben. Ich tröste mich, wenn ich Angst habe, arm oder krank zu werden, ′Der liebt mich, er würde mir helfen.′
Wenn er Minuten zu spät kommt, macht es mir Angst. Ich würde nicht nur ihn verlieren, sondern auch den, der mich und die Kinder versorgen würde. Das ist unerträglich."
"Ich wollte Ihren Namen, Ihre Adresse. Niemand gab Sie mir. Es war Zufall, dass ich dich erkannte."
"Hatten sie Grund?"
"Was?"
"Sie dir nicht zu geben."
"Deine Augen sind schön. Ich mag traurige Augen."
"Ich bin nicht traurig."
"Sie könnten trauriger werden."
"Sie sagten, Sie wollten eigentlich Schauspielerin werden."
"Ich war vorgestern in der Oper. Eine Frau heulte, in Arien. Ich wollte sie trösten; ich saß im Zuschauerraum, durfte es nicht tun. Das ist unnatürlich, nicht wahr?"
"Ich dachte, Sie mögen Theater. Was tun Sie?!"
"Ich will mich das glauben machen. Ich schneide Ihnen in dieser Inszenierung die Haare."
"Kahl?!"
"Sie sollten still halten, sonst könnte die Schere in ihr Auge abrutschen. Es wäre nicht schön, nicht wahr?"
"Warum?!"
"Sie könnten nicht mehr sehen!"
"Warum tun Sie das?"
"Diese Frisur hatten wir noch nicht!"
"Ich will sie nicht."
"Glauben Sie, ich bemerkte nicht, dass sie noch andere Friseure aufsuchen? Sie werden eine Weile nicht zum Friseur müssen!"
Die alte Frau: "Lassen Sie mein Kind los! Oder ich prügele Sie!"
Der Friseursalon fliegt in die Luft.
Die Kundin: "Er muss etwas missverstanden haben."
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