TEXTLANDSCHAFT      Worte

 

Werther sagt Lotte

Die Mutter aus 'Sechs Personen suchen einen Autor' von Luigi Pirandello steht mit dem Rücken zum Publikum, schwarz gekleidet, an einer dunklen Wand, sie hält ein Buch in der Hand.

Mutter: Das Buch ist die Bibel. Ich bin eine anständige Frau.

Mutter löst sich von der Wand.

Mutter: Ich suche meine Kinder. Ich bin eine anständige Frau. Ich habe geheiratet. Ich habe einen Sohn bekommen. Mein Mann hat ihn weggenommen. Er hat ihn aufs Land gegeben. Der Sekretär war nett. Mein Mann hat den Sekretär weggeschickt. Ich bin eine anständige Frau. Ich bin ihm nachgegangen. Ich habe dem Sekretär eine Tochter gegeben. Mein Mann hat nach dem Mädchen auf dem Schulhof gesehn. Ich bin eine anständige Frau. Wir sind ins Ausland gegangen. Ich habe zwei Kinder geboren. Eins ist ins Wasser gefallen. Ich bin anständig, ich kann es nicht vergessen. Das andere Kind hat auf die Leiche gestarrt, es ist verrückt geworden. Der Sekretär ist tot. Ich bin dahin gegangen, wo eine anständige Frau hingeht, dorthin, wo sie hergekommen ist. Ich bin nicht zu meinem Mann gegangen. Weil ich anständig bin, habe ich genäht. Ich habe viel genäht. Ich habe meine Tochter zur Verkäuferin geschickt. Sie ist lange weggeblieben. Weil ich anständig bin, habe ich das Nähzeug weggelegt und bin ihr nachgegangen. Sie war nicht im Raum, ich bin in das Hinterzimmer getreten, da stand sie und mein Mann -

Ich bin eine anständige Frau, ich werde die Theaterleute immer wieder bitten, die Geschichte erzählen -

Mutter läßt sich zu Boden sinken, wird Hyäne.

Mutter: Ich werde sie immer wieder höflich bitten, meine Geschichte auf die Bühne zu bringen. Ich bin eine anständige Frau. Ich weiß, daß es Gift gibt, mit dem ich sie töten könnte. Es zersetzt sich, sie könnten mir nichts nachweisen. Die Bühne wäre leer. Wenn die Zuschauer kommen. Es muß einen Sinn gehabt haben.

Mutter setzt sich auf.

Mutter: Ich brauche meine Kinder. Und diesen Mann. Er will mich wieder, weil ich anständig bin und ihn verachte, ich werde bei ihm bleiben, denn ich will, daß meine Kinder anständig werden können.

Mutter lacht schrill auf.

Stimme: Licht!

Mutter: Sie darf hier sein.

Die Mutter kriecht an die Wand zurück, schlägt den Rock übers Gesicht. Zwei Sofas schieben sich von rechts, eins von links auf die Bühne, vom Himmel fallen Puppen. Lotte aus Goethes "Werther" tanzt auf die Bühne. Sie setzt die Puppen zärtlich auf die Sofas.

Lotte: Er wird gleich kommen. Ich will nicht mehr ein bißchen Übel, das uns das Schicksal vorlegt, wiederkäuen; ich will das Gegenwärtige genießen und das Vergangene soll mir vergangen sein. Es gäbe weniger Schmerzen unter den Menschen, wenn sie nicht mit soviel Einbildungskraft sich beschäftigten, sich die Erinnerungen des vergangenen Übels zurückzurufen, eher als eine gleichgültige Gegenwart zu ertragen. Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bißchen, das ihnen von der Freiheit übrig bleibt, ängstigt sie so, daß sie alle Mittel aufsuchen, um es loszuwerden. Wenn ich mich fast vergesse, mit ihnen die Freuden genieße, die den Menschen noch gewährt sind, an einem artig besetzten Tisch mit aller Offen- und Treuherzigkeit herumzuspaßen, eine Spazierfahrt, einen Tanz zur rechten Zeit anzuordnen, und dergleichen, das tut eine ganz gute Wirkung auf mich; nur muß mir nicht einfallen, daß noch so viele andere Kräfte in mir ruhen, die alle ungenutzt vermodern und die ich sorgfältig verbergen muß. Mein Vater ist ein Amtsmann. Wenn ich ungeniert wäre, würden sie mich ins Tollhaus stecken, oder ich müßte mich in Männerkleider tun, zum Künstler erklären, sie würden merken, daß ich eine Frau bin, sein will, es ist doch so, daß uns die Rollen wie Wurzeln im Erdreich halten. Wenn man sich zuviel in fremde drängen läßt, hat man am Ende kein Ich mehr und muß jeden fragen, wer man ist. Ich gehe jeden Morgen in das Geschöpf, das in glücklicher Gelassenheit den engen Kreis seines Daseins hingeht, von einem Tag zum anderen sich durchhilft, die Blätter abfallen sieht und nichts dabei denkt, als daß der Winter kommt. Ich schlafe in einer eigenen Kammer, weil mein Mann schnarcht. Ab und zu gehe ich nachts in den Garten, die Einsamkeit ist meinem Herzen köstlicher Balsam in dieser paradiesischen Gegend, und diese Jahreszeit der Jugend wärmt mit aller Fülle mein oft schauderndes Herz. Jeder Baum, jede Hecke ist ein Strauß von Blüten, und man möchte zum Maikäfer werden, um in dem Meer von Wohlgerüchen herumschweben und alle seine Nahrung darin finden zu können. Ich gestehe gern, ich weiß nichts übers Tanzen. Aber wenn ich etwas im Kopfe habe und mir auf meinem verstimmten Klavier einen Contretanz vortrommele, so ist alles wieder gut. Ich tanze und werde so sorglos, so unbefangen, als wenn das eigentlich alles wäre, als wenn ich sonst nichts dächte, nichts empfände; und in diesem Augenblick gewiß schwindet alles andere von mir. Es reizte ihn, daß ich mich auf der Suche nach Raum für die Füße auf der Tanzfläche flüchtig bewegte, er griff derb nach mir; es war Eifersucht in seinem Blick, wenn ich meiner Nachbarin eine Orangenscheibe gab, ich hätte gewarnt sein müssen. Eine Frau fragte mich nach Albert. Er fragte: ´Wer ist Albert?´ Er sprach Albert so aus, als wolle er ´albern´ sagen. Ich sagte: ´Albert ist ein braver Mann, dem ich so gut wie verlobt bin.´ Er faßte mich fester, tanzte zwischen die Paare. Es donnerte, blitzte, Gewitter fing an. Er hielt ein und starrte amüsiert in die Grimassen, in die mehrere Frauenzimmer ausbrachen. Die eine setzte sich in eine Ecke, mit dem Rücken gegen das Fenster, und hielt die Ohren zu. Eine andere kniete vor ihr nieder und verbarg den Kopf in der ersten Schoß. Eine dritte schob sich zwischen beide hinein und umfaßte ihre Schwesterchen mit tausend Tränen. Die dreisten der Männer nutzten das aus, daß die Frauen Schutzbedürfnis markierten, die anderen spotteten. Ich schlug ihnen ein Spiel vor: ich ging im Kreis herum und ließ sie zählen, schneller, wer sich versprach, erhielt eine Ohrfeige. Ich gab ihm die derbste; er sah mich neugierig an. Er fragte mich: ´Hatten Sie keine Furcht vor dem Gewitter?´ Ich sagte: ´Vielleicht war ich eine der Furchtsamsten.´ Mir liefen Tränen über die Backen. Ich murmelte: ´Klopstock´, das rührte ihn, seine Augen füllten sich mit Tränen. Er hatte mich zum Vergnügen abholen sollen, ich stand zwischen den Kindern, verteilte Brot, er sah mich an, ich sagte reizend: sie wollen von niemandem Brot geschnitten haben, als von mir. Ich sagte: ´Louis, gib dem Herrn Vetter eine Hand.´ Der Mann seufzte: ´Vetter? Glauben Sie, daß ich des Glücks wert sei, mit ihnen verwandt zu sein?´ Ich sagte: ´Ich bin nur Mamsell Lottchen.´ Die Szenenfolge begann scherzhaft. 'Ich habe Sorge, die Kinder möchten den Herrn inkommodieren; ich will ihn in meine Kommode.' Ich gab sie einem Kindermädchen, sie waren brav und sagten laut genug, daß er es hören konnte: ´Wir haben dich lieber als diese Frau´. Ich stieg in die Kutsche, wir redeten über Hüte. Die Dame gegenüber fragte mich nach einem Buch, das sie mir zugesteckt hatte. Ich mag Romane, aber der Autor ist mir der liebste, in dem ich meine Welt wiederfinde, bei dem es so zugeht wie um mich und dessen Geschichte mir doch so interessant und herzlich wird als mein eigen häuslich Leben, das freilich kein Paradies, aber doch im ganzen eine Quelle unsäglicher Glückseligkeit ist. Ich badete gestern zwischen Kerzen, die auf dem Wasser zwischen meiner Haut schwammen, sie warfen Schatten, es roch nach Rosenblättern, die ich aufgebrüht hatte; als ich ausstieg, war meine Haut verschrumpelt. Der Roman war nicht so, ich sagte es scheu. Werther stimmte mir zu. Es machte ein Gefühl, als schöbe er sich in mich; seine Pupillen waren wie Brunnen, die Neugier wecken, man sieht hinein und will die Tiefe berühren. Andere sahen ihn nicht so. Die Augen der Menschen sind hübsch, wenn sie verliebt schauen, es erleichtert den Abschied, wenn sie es nicht mehr sind. Ich war so glücklich, so ganz in dem Gefühle von ruhigem Dasein versunken, die Pupillen waren vom Innenleben zu groß, um nach draußen genau sehen zu können, so daß der Ausdruck nach außen darunter litt. Ich sah scharf nach draußen, als mich sogar eins der Kinder angesehn hatte, als würde ich schwer krank sein oder beginnen zu vertrotteln; ich sehnte mich oft und denke: ach, könntest du das ausdrücken, könntest du dem Gesang, Tanz das einhauchen: das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen. Ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen. Ich weiß nicht, ob täuschende Geister um diese Gegend schweben, oder ob die warme himmlische Phantasie in meinem Herzen ist, die mir alles ringsumher so paradiesisch macht. Es sind nicht die die Glücklichsten, die gleich Kindern in den Tag hineinleben, ihre Puppen herumschleppen, aus- und anziehen und mit großem Respekt um die Schublade schleichen, wo Mama das Zuckerbrot hineingeschlossen hat, und wenn sie das Gewünschte endlich erhaschen, es mit vollen Backen verzehren und rufen: Mehr! Auch denen ist vermutlich nicht so wohl, die ihren Lumpenbeschäftigungen oder wohl gar ihren Leidenschaften prächtige Titel geben, und sie dem Menschengeschlechte als Riesenoperationen zu dessen Heil und Wohlfahrt anschreiben. Wie artig jeder Bürger sein Gärtchen zum Paradiese zuzustutzen weiß, und wie unverdrossen auch der Unglückliche unter seiner Bürde seinen Weg fortkeucht und alle gleich interessiert sind, das Licht dieser Sonne noch eine Minute länger zu sehen - so eingeschränkt er ist, hält er doch im Herzen das süße Gefühl der Freiheit, und daß er diesen Kerker verlassen kann, wann er will. Wohin? Daß das Leben des Menschen nur im Traum sei, ist manchem schon so vorgekommen, und auch mit mir zieht dieses Gefühl immer herum. Wenn ich die Einschränkung ansehe, in welcher die tätigen und forschenden Kräfte der Frauen, der meisten Männer, eingesperrt sind; wenn ich sehe, wie alle Wirksamkeit dahinaus läuft, sich die Befriedigung von Bedürfnissen zu verschaffen, die wieder keinen Zweck haben, als unsere arme Existenz zu verlängern, und dann, daß alle Beruhigung über gewisse Punkte des Nachforschens nur eine träumende Resignation ist, in der man sich die Wände, zwischen denen man gefangen sitzt, mit bunten Gestalten und lichten Aussichten bemalt. Ich kehre in mich selbst zurück, und finde eine Welt! Mehr in Ahnung und dunkler Begier als in Darstellung und lebendiger Kraft. Und da schwimmt alles vor meinen Sinnen, und ich lächle dann, so träumend, weiter in die Welt. Man sagt, ich sei heiter und sieht mich dankbar an. Man erzählt von einer edlen Art Pferde, die, wenn sie schrecklich erhitzt und aufgejagt sind, sich selbst aus Instinkt eine Ader aufbeißen, um sich zum Atem zu helfen. So ist mir´s gelegentlich, ich möchte mir eine Ader öffnen, die mir die ewige Freiheit schaffte. Ich sehe hin und stehe wie vor einem Raritätenkasten und sehe die Männchen und Gäulchen vor mir herumrücken und frage mich oft, ob es nicht ein optischer Betrug ist. Ich spiele mit, vielmehr ich werde gespielt wie eine Marionette und fasse manchmal meiner Nachbarin an die hölzerne Hand und schaudere zurück. Es ist nichts, worum sie einander nicht bringen. Meist aus Albernheit, Unbegriff und Enge, und, wenn man sie anhört, mit der besten Meinung. Ich breche nicht aus. Die Begier ist im Menschen, sich auszubreiten, neue Entdeckungen zu machen, herumzuschweifen; und auch der innere Trieb, sich der Einschränkung willig zu ergeben, in dem Gleise der Gewohnheit so hinzufahren und sich weder um Rechts noch um Links zu bekümmern. Ein großes dämmerndes Ganzes ruht vor unserer Seele, unsere Empfindung verschwimmt darin wie unser Auge, und wir sehnen uns, ach! unser ganzes Wesen hinzugeben, uns mit aller Wonne eines einzigen, großen herrlichen Gefühls ausfüllen zu lassen - Und ach! wenn wir hinzueilen, wenn das Dort nun Hier wird, ist alles vor wie nach, und wir stehen in unserer Armut, in unserer Eingeschränktheit, und unsere Seele lechzt nach entschlüpftem Labsale. So sehnt sich der unruhigste Vagabund zuletzt wieder nach seinem Vaterlande und findet in seiner Hütte, an der Brust seines Gatten, in dem Kreise seiner Kinder, in den Geschäften zu ihrer Erhaltung die Wonne, die er in der weiten Welt vergebens suchte. Wenn ich des Morgens mit Sonnenaufgang hinausgehe, in meinem Wahlheim, und dort im Garten mir Zuckererbsen selbst pflücke, mich hinsetze, sie abfädne und dazwischen in einem Buch lese; wenn ich in der kleinen Küche einen Topf wähle, Butter aussteche, Schoten ins Feuer stelle, zudecke und mich dazu setze, sie manchmal umzuschütteln: da fühle ich so lebhaft, wie Medea töten will, um Schmerz zu bereiten, in der Hoffnung, ihren loszuwerden. Ich kann kichern. Wie wohl ist mir´s, daß mein Herz die simple harmlose Wonne des Menschen fühlen kann, der ein Krauthaupt auf seinen Tisch bringt, das er selbst gezogen, und nun nicht den Kohl allein, sondern all die guten Tage, den schönen Morgen, da er ihn pflanzte, die lieblichen Abende, da er ihn begoß und da er an dem fortschreitenden Wachstum seine Freude hatte, alle in Einem Augenblick wieder mitgenießt. Wenn ich Halleluja singe, ziehe ich die Töne aus dem Unterleib an der Wirbelsäule nach oben, die Organe beginnen zu vibrieren, die Töne kreiseln im Mund, ich fühle mich wie eine, die auffliegt, wenn ein hoher, klarer Ton meine Schädeldecke zu durchbohren, öffnen scheint. Es ist so wenig, was man für das Gefühl, aus der mechanischen Rolle zu sein, braucht, er und ich fuhren in einer Kutsche vom Ball zurück, die anderen schliefen. Ach, wie mir das durch alle Adern lief, wenn meine Finger unversehens den seinigen berührten, wenn unsere Füße sich unter den Tischen begegneten! Ich zog zurück wie vom Feuer, und eine geheime Kraft zieht mich vorwärts - mir wird´s so schwindelig vor allen Sinnen. Er mißbrauchte nichts, das hat mich verliebt und hingebungsvoll gemacht. Ich nahm mir oft vor, auch allein im Raum nach außen stolz und zurückhaltend zu sein, die Menschen lauschen an Türen, und man ist schnell in Geschichten, die man verleugnen muß, aber es ist wie im Märchen vom magnetischen Berg: Die Schiffe, die zu nahe kamen, wurden allen Eisenwerks beraubt, die Nägel flogen dem Berge zu, und die armen Elenden scheiterten zwischen den übereinanderstürzenden Brettern. Ich lag wie von Sinnen im Bett, doch alle Begier schien in seiner Gegenwart zu schweigen, das heißt, er nahm sie nicht wahr. Ich sang ein wenig, und er wurde glücklich. Er lächelte mich an. Und die Irrung und Finsternis in meinem Innern zerstreute sich, ich atmete freier. Was ist unserem Herzen die Welt ohne Liebe! Was eine Zauberlaterne ohne Licht! Kaum bringst du das Lämpchen hinein, so scheinen dir die buntesten Bilder an deine Wand! Und wenn nichts wäre als das, als vorübergehende Phantome, so macht´s doch immer unser Glück. Er sprach gut von meinem Gang und der Herzlichkeit, und wenn er mich sehen konnte, stellte sich eine Musik in mir an, die Bewegungen weich zu machen, und ich war herzlicher zu jedem und sie antworteten nett, ich sah das gleichzeitig von außen, wie man gelegentlich von den Leichen erzählt, die aufgewacht sind und das erzählen. Noch nie war ich glücklicher, noch nie war meine Empfindung an der Natur, bis aufs Steinchen, aufs Gräschen herunter, voller und inniger, und doch - Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll, meine Konzentration ist so schwach, alles schwimmt und schwankt so vor meiner Seele, daß ich keinen Umriß packen kann; - ich vernachlässigte die Kinder. Ich bin nett zu ihnen, ich höre ihnen zu, aber ich verstand nichts und schwatze nur lustig, ohne recht zu wissen, was, eine Zeitlang lachen sie mir, aber heute hat Marianne geweint. Werther klagte auch, daß er von seinem gegenwärtigen Leben nichts zu anderen Menschen, weil er sich beständig wiederhole, nichts in Bilder, Gedichte bringen könnte, weil es als Kunst kitschig ist, und daß es sich in ihm staut. Er scheint schreibsüchtig, ich hatte Angst, in seinem Gedächtnis zum Material zu werden. Er hat eine Art, in Briefen über Menschen zu reden, daß die Beschreibung mir gelegentlich lebendiger scheint als die Person selbst. Ich beruhigte mich, daß nur ein Teil der Ichs, die ich in mir regen spüre, nach außen dringen, und er mich nicht bloßstellen kann. Aber wenn ich tot bin, sind Texte da, ich nicht, sie lügen. Ich war für ihn Sauerteig, der sein Leben in Bewegung setzte, er für mich; ich schaue um mich, ich kann ihn nicht ersetzen. Der Reiz, der mich in tiefen Nächten munter hielt, ist hin, der mich des Morgens aus dem Schlafe weckte, ist weg. Ich habe Trost, die Kinder. Meinem Herzen sind sie am nächsten auf der Erde. Wenn ich ihnen zusehe und in dem kleinen Dinge die Keime aller Tugenden, aller Kräfte sehe, die sie einmal so nötig brauchen werden; wenn ich in dem Eigensinne künftige Standhaftigkeit und Festigkeit des Charakters, in dem Mutwillen guten Humor und Leichtigkeit, über die Gefahren der Welt hinzuschlüpfen, erblicke, alles so unverdorben - Herr Gott hat gesagt, wir sollen sein wie sie - sie, die unsresgleichen sind, die wir als unsere Muster ansehen sollten, behandeln wir wie Untertanen. Sie sollen keinen Willen haben. Werther küßte Marie, meine kleine Schwester, sie weinte vor Angst, einen Bart zu bekommen, ich hatte ihr das erzählt, wie es mir meine Mutter erzählt hatte, um mich vor Männern scheu und vor der Welt anständig zu machen, ich schickte das Kind zum Wasser und sagte, daß es die Keime abwaschen kann. Die Eifersucht, in der ich Marie belog, verletzte ihn nicht, er sagte sogar pathetisch, daß er sich manchmal neben mir fühle, wie neben einem Propheten, der die Schuld einer Nation weggeweiht hat. Ich hatte dann Angst, daß seine Empfindsamkeit in Wahnsinn umschlagen könnte. Aber er setzte sich und erzählte den Kindern brav Märchen, er hatte gelernt, sie in einem singenden Silbenfall an einem Schnürchen weg zu rezitieren, sie fasziniert zu halten. Wenn er etwas hinzugefügt, weggelassen hatte, waren sie enttäuscht gewesen. Daß er brav in die Rolle ging, machte mir Sorge, wie er sein würde, wenn er mich nicht mehr interessieren will. Er gab den Kindern vom Zucker und Geldmünzen. Er beschäftigte sie, ich konnte ungestört die Hausarbeit tun und kam nicht in Unruhe, daß wegen dem Besuch die Tageszeit vergeht und am Abend nichts geschafft ist. Die Kinder warten auf ihn wie ich. Der Medikus kam aus der Stadt zu uns und fand ihn auf der Erde unter ihnen, wie einige auf ihm herumkrabbelten, andere ihn neckten, und wie er sie kitzelte und ein großes Geschrei mit ihnen erregte. Der Doktor, der eine sehr dogmatische Drahtpuppe ist, unterm Reden seine Manschetten in Falten legt und einen Kräusel ohne Ende herauszupft, fand dieses unter der Würde eines gescheiten Menschen; das merkte ich an seiner Nase. Werther aber ließ sich in nichts stören, ließ ihn sehr vernünftige Sachen abhandeln und baute den Kindern ihre Kartenhäuser wieder, die sie zerschlagen hatten. Der Medikus ging darauf in der Stadt herum und beklagte: des Amtmanns Kinder wären schon ungezogen genug, der Gast verderbe sie nun völlig. Mein Vater sagte: ´Werther weiß, daß der Weg zur Frau über die Kinder führt.´ Ich war verletzt. Die Frau sei aus der Rippe des Mannes, er brauche sie wie einen hölzernen Krückstock; das sind Fantasien, eitler leben zu können, aber die Männer halten sie nicht geheim. Einer sagte in meinem Beisein, daß wir wissenschaftlich durch Inzucht dumm sind, weil nur die dummen, anpassungsfähigen Frauen geheiratet worden wären. Ein anderer, daß sie nicht dümmer als Männer sind, doch sie müßten unterdrückt bleiben, weil Unterdrückte empfindsamer sind, mehr wahrnehmen, das Wahrgenommene sollen die Frauen den Männern sagen. Er hatte das von Rosseau. Ich möchte dann schießen. Es war eine Havarie an unserem gewesen, ich ging zum öffentlichen Brunnen, ´Soll ich ihr helfen, Jungfer?´ - ´Oh, nein, Herr´ - ´Ohne Umstände.´ Der Fremde, der am Brunnenrand saß, setzte mir den Krug auf den Kopf, ich habe ihn noch nie so schwer empfunden, als ich aufstieg, zurücksah, und den Herrn mit einem Notizbüchel sah. Es ist so, weil wir doch einmal so gemacht sind, daß wir alles mit uns und uns mit allem vergleichen, so liegt Glück und Elend in den Gegenständen, womit wir uns zusammenhalten, und da ist nichts gefährlicher als die Einsamkeit. Die Einbildungskraft, durch ihre Natur gedrungen, sich zu erheben, durch die phantastischen Bilder der Dichtkunst genährt, bildet sich eine Reihe Wesen hinauf, wo wir das unterste sind und alles außer uns herrlicher erscheint, jeder andere vollkommener ist. Und das geht ganz natürlich zu: wer unten ist, kann nicht abstürzen; doch es drückt von oben und der Herrgott ist oben, das macht neidisch. Neid ist ein böses Gefühl, ich verdränge es. Ich liebe an Werther mich selbst. Aber die Welt ist so, daß ich nicht ohne Höhle sein will. Albert sagt, daß er mich liebt, weil ich bin wie ich bin, Werther, daß er mich liebt, weil ich ihn glücklich mache. In Gegenwart von Albert ist er so albern, daß mir der Respekt verginge, wenn ich keine Erinnerungen hätte, und das ist fürchterlich. Es ist selten mit dem Entweder-Oder getan, Empfindungen und Handlungsweisen schattieren sich mannigfaltig, als ob Anfälle zwischen einer Habichts- und Stumpfnase sind. Ich will weder die Kinder verlassen, mit ihm weggehen, noch die Gefühle zu ihm zerstören, die meine Kräfte verzehren. Ich fühle mich wie in einer schleichenden Krankheit, aber es treibt mich nicht, um sie loswerden zu können, mir den Dolch ins Herz zu stoßen. Die Anhänglichkeit schwächt, ich werde anhänglicher, es schwächt. Selbstmord ist keine großartige Handlung. Es ist leichter zu sterben, als ein qualvolles Leben standhaft zu ertragen. Werther aber verglich den, der sich gänzlich abtötet, mit einem Volk, das unter dem unerträglichen Joch eines Tyrannen seufzt, endlich aufgärt und seine Ketten zerreißt, und mit dem, der über dem Schrecken, daß Feuer sein Haus ergriffen hat, alle Kräfte angespannt fühlt und mit Leichtigkeit Lasten wegträgt, die er bei ruhigem Sinne kaum bewegen kann und mit dem, der in der Wut der Beleidigung es mit Sechsen aufnimmt. Ich stand auf Alberts Seite und fand es albern. Aber Werther hat Recht, daß das psychische Leiden nicht anders wie ein körperliches wirkt und man mit beidem zu Tode kommen kann. Wenn die Sehnsucht stark war, in das Ende vom Lebenstext zu kommen, verschob ich den Schnitt in den Arm um drei Tage, ich habe in der folgenden Zeit etwas gesehn, was meine Neugier weckte. Man ist am Ende unendlich lange tot. Als ich gegrübelt und keine Angst mehr vor dem Tod gefühlt hatte, dachte ich, ich würde alle Freiheit der Welt haben, aber man ist zynisch, lebendig tot, oder im Geschirr der Empfindungen. Es hat geholfen, mich krank zu nennen, wenn ich traurig war, denn der, der krank ist, kann gesund werden, ich lege mich also für einen Tag mit einer Wärmflasche ins Bett, trinke Kamillentee. Es darf aber die Erschöpfung nicht zu groß geworden sein, sonst ist es die Krankheit zum Tode, wodurch die Natur so angegriffen wird, daß teils ihre Kräfte verzehrt, teils so außer Wirkung gesetzt werden, daß sie sich nicht wieder aufzuhelfen, durch keine glückliche Revolution den gewöhnlichen Umlauf des Lebens wiederherzustellen fähig ist. Es gibt Eindrücke, Ideen, die sich im Menschen festsetzen, bis endlich eine wachsende Leidenschaft ihn aller ruhigen Sinne beraubt und ihn zugrunde richtet. Vergebens, daß der gelassene, vernünftige Mensch den Zustand des Unglücklichen übersieht, vergebens, daß er ihm zuredet! Ebenso wie ein gesunder, der am Bette des Kranken steht, ihm von seinen Kräften nicht das geringste einflößen kann. Ich habe das Singen, Tanzen, Werther das Schreiben, Zeichnen, die Ansammlung von Unruhe abfließen zu lassen. Den Armen lassen sie die Trinkfeste; sie verbinden einem Mädchen die Augen, legen ihr eine Deichsel auf die Arme, sie muß den Tonkrug finden, anschlagen, den ein junger Mann trägt, drin sitzt ein Hahn, der herausflattert, er wird von den Bauern gejagt, bis einer ihn faßt, ihm den Kopf abgerissen hat und dafür der Festkönig ist; heimlich gibt jeder dem Vieh den Namen von dem, den er tot haben will, mein Vater sah angeekelt weg, ich ging ihm nach. Wenn es in mir schläfrig wird, schlüpfe ich aus den Schuhen und laufe barfuß. Werther störte, daß Albert im Gefühl gleichmäßig scheint, er erzählte ihm von dem Mädchen, das vor Monaten im Fluß trieb, das in dem engen Kreise häuslicher Beschäftigungen, wöchentlich bestimmter Arbeit herangewachsen war, das keine Aussicht von Vergnügen kannte, als sonntags in einem nach und nach zusammengeschafften Putz mit ihresgleichen um die Stadt spazierenzugehen, vielleicht alle hohen Feste einmal zu tanzen, und übrigens mit aller Lebhaftigkeit des herzlichsten Anteils manche Stunde über den Anlaß eines Gezänkes, einer üblen Nachrede mit einer Nachbarin zu verplaudern - deren feurige Natur fühlt nun endlich innigere Bedürfnisse, die durch die Schmeicheleien der Männer verstärkt werden; ihre vorigen Freuden werden ihr nach und nach schal, bis sie endlich einen Menschen antrifft, zu dem ein unbekanntes Gefühl sie unwiderstehlich hinreißt, auf den sie nun alle ihre Hoffnungen wirft, die Welt rings um sich vergißt, nichts hört, nichts sieht, nichts fühlt als ihn, den scheinbar Einzigen, sich nur sehnt nach ihm. Durch die Vergnügungen einer unbeständigen Eitelkeit nicht verdorben, zieht ihr Verlangen gerade nach dem Zweck, sie will die seinige werden, sie will in ewiger Verbindung all das Glück antreffen, das ihr mangelt, die Vereinigung aller Freuden genießen, nach denen sie sich sehnte. Wiederholtes Versprechen, das ihr die Gewißheit aller Hoffnungen versiegelt, kühne Liebkosungen, die ihre Begierden vermehren, umfangen ganz ihre Seele; sie schwebt in einem dumpfen Bewußtsein, in einem Vorgefühl aller Freuden, sie ist bis auf den höchsten Grad gespannt, sie streckt endlich ihre Arme aus - und ihr Geliebter verläßt sie. Mich schauderte. Albert wollte ihn nicht verstehen, Werther habe von einem einfachen Mädchen gesprochen; wie aber ein Mensch von Verstande, der nicht so eingeschränkt sei, der mehr Verhältnisse übersehe, zu entschuldigen sein möchte, könne er nicht begreifen. Ich will mich und ihn nicht testen. Werther warf sich ins andere Extrem und sagte: der Mensch sei Mensch, und das bißchen Verstand das einer haben mag, komme wenig oder nicht in Anschlag, wenn Leidenschaft wüte und die Grenzen der Menschheit einen drängen. Er und ich hatten geredet, daß wir uns auch als Tote erkennen würden; es machte mir Angst, daß er mich und sich völlig zerstören könnte, weil er mich bei der Rede ansah. Albert und er sind verändert, wenn sie zusammen sind. Albert küßt mich in seiner Gegenwart nicht. Ich könnte mit beiden nicht leben. Nur als Freund, Mann. Ich will das nicht sein. Ich liebe die Subordination im Ämtergefüge nicht. Und das glänzende Elend, die Langeweile unter dem garstigen Volke, das sich nebeneinander sieht! die Rangsucht unter ihnen, wie sie nur wachen und aufpassen, einander ein Schrittchen abzugewinnen. Ich kann das Menschenzeug nicht begreifen, das so wenig Sinn hat, um sich so platt zu prostituieren. Was das für Menschen sind, deren ganze Seele auf dem Zeremoniell ruht, deren Dichten und Trachten jahrelang dahin geht, wie sie um einen Stuhl weiter hinauf bei Tische sich einschieben wollen! Und nicht, daß sie sonst keine Angelegenheit hätten: nein, vielmehr häufen sich die Arbeiten, eben weil man über den kleinen Verdrießlichkeiten von Beförderung der wichtigen Sachen abgehalten wird. Doch ist's im Grunde nicht einerlei: ob ich Erbsen zähle oder Linsen? Alles in der Welt läuft doch auf eine Lumperei hinaus, und ein Mensch, der um anderer willen, ohne daß es seine eigene Leidenschaft, sein eigenes Bedürfnis ist, sich um Geld oder Ehre oder sonst was abarbeitet, ist immer ein Tor. Ich auch. Aber ein Teil ihrer Seele ist in mich eingedrungen; ich kann meine Mutter in mir nicht von ihren Kindern und ihrem Mann wegtun. Gott kennt meine Tränen, mit denen ich mich oft in meinem Bette vor ihn hinwarf: er möchte mich ihr ähnlich machen. Damit sie nicht spurlos weg ist. Sie mußte sterben, als ihr jüngster Sohn noch nicht sechs Monate alt war. Ihre Krankheit dauerte nicht lange; sie war ruhig, hingegeben, nur ihre Kinder taten ihr weh, besonders das kleine. Wie es gegen das Ende ging und sie zu mir sagte: Bringe mir sie herauf, und wie ich sie hereinführte, die kleinen, die nicht wußten, und die ältesten, die ohne Sinne waren, wie sie ums Bette standen, und wie sie die Hände aufhob und über sie betete und sie küßte nacheinander und sie wegschickte und zu mir sagte: ´Sei ihre Mutter!´ - Ich gab ihr die Hand drauf! - Du versprichst viel, sagte sie, das Herz einer Mutter und das Auge einer Mutter. Ich habe oft an deinen dankbaren Tränen gesehen, daß du fühlst, was das sei. Habe es für deine Geschwister, und für deinen Vater die Treue und den Gehorsam einer Frau. Du wirst ihn trösten. Sie fragte nach ihm, er war ausgegangen, um uns den unerträglichen Kummer zu verbergen, den er fühlte, der Mann war ganz zerrissen. Mutter hörte Schritte, sah Albert lange an, sie hat ihn mir zugetan. Es ist alles gefügt, und ich kann nicht weggehen, ich bin wie eine Wand in einem Haus. Wenn ich neben Albert so hingehe, pflücke ich Blumen am Wege, füge sie sehr sorgfältig in einen Strauß und - werfe sie in den vorüberfließenden Strom und sehe ihnen nach, wie sie leise hinunterwallen. Das volle, warme Gefühl meines Herzens an der lebendigen Natur, das mich mit so vieler Wonne überströmte, das ringsumher die Welt mir zu einem Paradiese schuf, wird mir nun oft zu einem unerträglichen Peiniger, zu einem quälenden Geist, der mich auf allen Wegen verfolgt. Wenn ich, verliebt, vom Felsen über den Fluß bis zu jenen Hügeln das fruchtbare Tal überschaute und alles um mich her keimen und quellen sah; wenn ich jene Berge, vom Fuße bis zum Gipfel, mit hohen, dichten Bäumen bekleidet, jene Täler in ihren mannigfaltigen Krümmungen von den lieblichsten Wäldern beschattet sah, und der sanfte Fluß zwischen den lispelnden Bergen dahinglitt und die lieben Wolken abspiegelte, die der sanfte Abendwind am Himmel überwiegte; wenn ich dann die Vögel um mich den Wald beleben hörte, und die Millionen Mückenschwärme im letzten roten Strahle der Sonne mutig tanzten und ihr letzter zuckender Blick den summenden Käfer aus seinem Grase befreite und das Schwirren und Weben um mich her mich auf den Boden aufmerksam machte und das Moos, das meinem harten Felsen seine Nahrung abzwingt, und das Geniste, das den dürren Sandhügel hinunterwächst, mir das innere glühende, heilige Leben der Natur eröffnete: wie faßte ich das alles in mein warmes Herz, fühlte mich in der überfließenden Fülle wie vergöttert, und die herrlichen Gestalten der endlosen Welt bewegten sich allbelebend in meiner Seele. Ungeheure Berge umgaben mich, Abgründe lagen vor mir, und Wetterbäche stürzten herunter, die Flüsse strömten unter mir, und Wald und Gebirg erklang; und ich sah sie wirken und schaffen ineinander in den Tiefen der Erde, alle die unergründlichen Kräfte; und nun über der Erde und unter dem Himmel wimmeln die Geschlechter der mannigfaltigen Geschöpfe. Alles, alles bevölkert mit tausendfachen Gestalten; und die Menschen, die sich in ein Häuslein zusammen sichern und sich annisten und herrschen in ihrem Sinne über die weite Welt. Ach, wie oft sehne ich mich mit Fittichen eines Kranichs, der über mich hinflog, zu dem Ufer des ungemessenen Meeres, aus dem schäumenden Becher des unendlichen jene schwellende Lebenswonne zu trinken und nur einen Augenblick, in der eingeschränkten Kraft meiner Brust, einen Tropfen der Seligkeit des Wesens zu fühlen, das alles in sich und durch sich hervorbringt. Aber da ist kein Augenblick, der nicht dich verzehrte und die Deinigen um dich her, kein Augenblick, da du nicht ein Zerstörer bist, sein mußt; der harmloseste Spaziergang kostet tausend armen Würmchen das Leben, es zerrüttet ein Fußtritt die mühseligen Gebäude der Ameisen und stampft eine kleine Welt in ein schmähliches Grab. Oh! nicht die große seltne Not der Welt, diese Fluten, die eure Dörfer wegspülen, diese Erdbeben, die eure Städte verschlingen, rühren mich tief; mir untergräbt das Herz die verzehrende Kraft, die in dem All der Natur verborgen liegt, die nichts gebildet hat, das nicht seinen Nachbar, nicht sich selbst zerstörte. Ich sehe nichts, als ein ewig verschlingendes, ewig wiederkäuendes Ungeheuer. Die Klugen schwärmen von Homer, loben seine Menschenbilder, in denen Menschen als Sklaven gehalten, geschlagen, getötet werden. Manchmal muß ich fort, muß hinaus! und schweife dann weit im Felde umher; einen jähen Berg zu klettern, ist dann meine Freude, durch einen unwegsamen Wald einen Pfad durchzuarbeiten, durch die Hecken, die mich verletzen. Da wird mir´s besser. Was wenn Albert stürbe? Die Kinder? Vater? Ich will diese Fantasien nicht. Ist nicht das Sehnen in mir nach Veränderung des Zustandes eine innere unbehagliche Ungeduld, die mich überallhin verfolgen wird? Ich war am Ort, wo ich als Kind bei meiner Urgroßmutter gewesen war, alles, was mir vertraut war, entzückte mich, das Veränderte sah ich unsicher, fremd, wütend an. Ich gehe gern zwischen die Menschen, Fremden und bin doch froh, wenn ich nach Hause, über die Treppe, in mein Zimmer gekommen bin. Werther behauptet, Albert würde mich vernachlässigen, wenn er zu Geschäften unterwegs ist, aber mir gefällt das Kommen und der Abschied, und daß ich manchmal allein sein kann. Ich saß wie ein Wolf und jaulte zum Mond, ängstlich, ein Mensch könnte kommen, mich als Tier erschießen oder als Mensch erkennen. Es ist kalt draußen, ich brauche die Menschenmenge, mich aufzuwärmen, in ihr ist es eng, es macht ein Gefühl von Ersticken, nur reagierend zu sein, ich muß wieder raus, allein sein. Möglicherweise ist es den anderen auch so, wir sind im verschiedenen Rhythmus und tun deshalb einander weh. Werther behauptete, er beneide mich, daß ich im Augenblick leben kann. Ich sagte ihm, daß er sich in den Garten setzen solle, nichts denken, nur hinsehen, hören. Ich habe gelernt, etwas um mich zu suchen, wahrzunehmen, das mich heiter stimmen kann. Heute malte ich mir auf gelbes Papier eine nach unten gebogene Linie, drehte sie um, sie sieht aus, wie ein lachender Mund. Wir beklagen oft, daß der guten Tage so wenig sind und der Schlimmen so viel und wie mich dünkt, meist mit Unrecht. Wenn wir immer ein offenes Herz hätten, das Gute, das im Sonnenschein und Schatten sein kann, zu genießen, das uns Gott für jeden Tag bereitet, wir würden alsdann auch Kraft genug haben, das Übel zu ertragen, wenn es kommt.

Lotte trinkt Schnaps.

Lotte: Eine Frau, die vorbeikam, sagte, ihr Vater lege ihr die Lektüre, die sie zur Kenntnis nehmen dürfe, vor. Sie dürfe aus einem Gedichtband nur in seinem Beisein, von ihm markierte Seiten lesen. Ich fragte andere, die sagten, daß sie das kennen, daß sie heimlich lesen müssen. Es ist also gut, daß mein Vater mir dankbar sein muß. Die Menschen wollen nicht wahrhaben, was sie sehen könnten: ein Mann gab einer Frau nicht mehr Haushaltsgeld, obwohl die Preise stiegen, sie bestahl ihn. Er hätte es nicht bemerkt, wenn sie es nicht auf dem Totenbett erzählt hätte, sie hatte kein schlechtes Gewissen, denn sie hatte das Geld benutzt, ihn zu versorgen, sie hatte Angst, er würde ihrer Nachfolgerin sagen, sie müsse, weil es seine Frau so getan hätte, mit sowenig Geld ihm dasgleiche kochen. Das war nett von ihr. Es gibt aber Menschen, die anderen wie eine Klapperschlange in die Augen sehen und sie damit zwingen, ungewollt über ihre innersten Gefühle zu reden, ich möchte dann, daß man allgemein weiß, daß ich innen auch anders als nach außen hin war und daß das vermutlich normal und keine Hexe in Frauen ist. Ich habe immer die Angst, wenn ich auffallend war.

Lotte mit verstellter Stimme: Tanz den Tanz den Tanz der Hexen / hörst Du, wie der Teufel lacht / Tanz den Tanz den Tanz der Hexen / Heute ist die letzte Nacht. Hergott wird heut umgebracht. / Laß die sieben Schleier fallen / Hörst Du wie sie Beifall schrein / Du bist die Schönste von uns allen / doch heute Nacht tanzt du allein. Tanz den Tanz den Tanz der Hexen / hörst Du, wie der Teufel lacht / Tanz den Tanz den Tanz der Hexen / Heute ist die letzte Nacht. Hergott wird heut umgebracht. / Laß sechs der Schleier fallen / Hörst Du wie sie Beifall schrein / Du bist die Schönste von uns allen / doch heute Nacht tanzt du allein. Tanz den Tanz den Tanz der Hexen / hörst Du, wie der Teufel lacht / Tanz den Tanz den Tanz der Hexen / Heute ist die letzte Nacht. Hergott... Ist das nett? Drohung? Ich saß an einem Wegrand, eine Mutter ging mit ihrem Kind vorbei, das Kind sagte: 'Hexe'. Ich sah zu Hause in den Spiegel, fragte die Kinder, ob etwas Gruseliges an mir sei, sie nickten, erzählten, ich würde den kleinen Finger der linken Hand ungewöhnlich abspreizen, wenn ich eine Tasse hielte, klopften sich auf die Schenkel. Ich schrie sie an. Tanzte wochenlang nicht, sah oft in den Spiegel. Ist es nicht genug, daß wir einander nicht glücklich machen können, müssen wir auch noch einander das Vergnügen rauben, das jedes Herz sich manchmal selbst gewähren kann? Werther versuchte dem Verlobten einer Freundin den Neid auszureden, den der fühlte, als sie Werther im Gespräch öfters angelächelt hatte; ich spürte, er machte sich den Mann zum Feind. Ich schalt ihn, über den zu warmen Anteil an allem, und daß er darüber zugrunde gehen, daß er zugrunde gerichtet werden würde. Ich will den Hund ermorden, der den ersten Hieb tat. Ich, die mich vertrauern könnte, wenn so ein paar Bäume im Hof stünden und einer davon stürbe ab, muß zusehen. Eine Närrin, die sich abgibt, gelehrt zu sein, sich an der Untersuchung des Kanons meliert, gar viel an der neumodischen moralischkritischen Reformation des Christentums arbeitet, über Schwärmereien die Achseln zuckt, eine ganz zerrüttete Gesundheit hat und deswegen auf Gottes Erdboden keine Freude. So einer Kreatur war es auch allein möglich, Nußbäume abzuhauen. Abfallende Blätter machten ihr den Hof unrein und dumpfig, die Bäume nehmen ihr das Tageslicht, und wenn die Nüsse reif sind, werfen die Knaben mit Steinen danach, das fällt ihr auf die Nerven, das stört sie in ihren tiefen Überlegungen. Die Frauen sind verschieden. Ich meide Gespräche, wenn ich in die unruhigen Tage komme, andere suchen sie, sie sagen mir, sie wären dann klüger. Die Frauen und Männer sind untereinander verschieden wie Mann und Frau. Ich traf Männer von gleicher Klugheit, die einen wurden Forscher zwischen Apparaturen, die anderen leben wie Tiere in einer Waldhütte, und jeder von ihnen hat eine Philosophie, daß das das richtige Leben ist. Ein Kanarienvogel flog von dem Spiegel mir auf die Schulter. Ich lockte ihn auf die Hand, küßte ihn auf den Schnabel, reichte ihn Werther, der nahm ihm den Kuß ab. Er sagte, sein Kuß, sei nicht ganz ohne Begierde, er suche Nahrung und kehre unbefriedigt von der leeren Liebkosung zurück. Ich legte Brosamen auf meine Lippen, der Vogel kam, Werther kehrte das Gesicht weg, ich solle seine Einbildungskraft nicht wecken. Er erzählte mir von dem Mann, der eine Frau, die er so liebte, daß er weder essen, noch schlafen habe können, es habe ihm beim Reden an der Kehle gestockt, er habe getan, was er nicht tun sollen, was ihm aufgetragen worden, habe er vergessen, er sei als wie von einem bösen Geist verfolgt gewesen, bis er eines Tages, als er sie in der oberen Kammer gewußt, ihr nachgegangen, ja vielmehr ihr nachgezogen worden sei; da sie seinen Bitten kein Gehör gegeben, habe er sich ihrer mit Gewalt bemächtigen wollen, der Bruder sei hinzugekommen, der Knecht sei aus dem Haus gejagt worden. "Nimm mich!" Sagte ich, lautlos, weil meine Fantasie, die Kinder, Albert, meinen Vater entsetzt sah. Mir ist Werthers Blick tief ins Herz gegangen. Ich sah nicht die Schönheit, das Leuchten des trefflichen Geistes; das war alles vor meinen Augen verschwunden. Ein weit herrlicherer Blick wirkte auf mich, voll Ausdruck des innigsten Anteils, des süßesten Mitleidens. Warum durfte ich mich nicht zu seinen Füßen werfen? Warum durfte ich nicht an seinem Hals mit tausend Küssen antworten? Ich nahm Zuflucht zum Klavier und hauchte mit leiser Stimme. Es zog ihn an, er küßte mich, trat zurück, ging. Er merkte nicht, daß er ein Gift bereitete, das ihn und mich in der Gesellschaft zugrunde richten wird. Ich will keine Religion zum Trost. Ich will, daß Gott mich mit allen, die ich bei mir haben will, leben läßt. Vater sagte, daß Werther sich mich auserkoren habe, weil ich durch die Kinder gebunden und deshalb vernünftig sei, so daß er keine Angst haben müsse, in eine ernsthafte Liebschaft zu kommen. Ich bin verlobt. Gewalt ist das einzige, wie er mich nehmen könnte, ohne daß ich mich wie eine Hure fühlen müßte. Ich müßte ihn abweisen, Haß zeigen. Die Fantasie gaukelt mir Schreckensbilder vor, weil sie mich im schützenden Haus behalten will. Sie sagt, Vater würde ein Säufer, die Schwester die Hure, der Bruder der Dieb und bringt die Beispiele. Warum kann man nicht glücklich sein, ohne andere Menschen zu verletzen? Werther bedrohte mich andererseits mit Erzählungen, er habe einen Mann getroffen, der im Schnee Blumen gesucht habe, für eine Frau, die Juwelen und eine Krone trage, sich über Blüten freue. Der Mann habe erzählt, daß er bei diesem Weibe glücklich gewesen sei, die Mutter von ihm habe gesagt: das war, als er außer sich im Tollhause gewesen war. Werther behauptet nun, man müsse den Verstand verlieren, glücklich sein zu können und übte sich im Brabbeln. In dem einen Satz, der verständlich war, behauptete er, der armselige Mann sei Schreiber bei meinem Vater gewesen, er habe mich geliebt, ich hätte ihn nicht beachtet, es habe ihm den Verstand geraubt. Ich dachte, ich hätte mich verhört. Aber Albert sagte, er habe in der Tür gestanden, Werther habe das wirklich gesagt. Die Vernunft sagt, wenn ich Albert verlasse, werde ich auf der Suche nach Glück weiterziehn. Sie würden mich weitertreiben. Man darf nicht in ein fremdes Haus gehen, sich schlafenlegen, von fremden Feldern essen. ´Ich esse Fettbrot mit dem Schabemesser unter der Haut´, sagte ein Mann im Vorbeigehn. Sie verschleppen Bettler in Arbeitshäuser, "Arbeiten macht frei". Ich müßte die Dienerin von fremden Menschen werden. Weil Werther ehrlich leben will, arm leben muß. Weil ich ehrlich leben würde, arm leben müßte. Werther nahm die Pistolen von Albert, sie sind ungeladen, seitdem Albert erlebt hatte, daß ein Gewehr beim Rumtollen einem Mädchen den Daumen abgeschossen hatte. Er hatte viel Ärger davon. Ich bin wegen der Kinder froh wegen seiner Vorsicht und war es, als Werther sich den Lauf an den Kopf hielt, ´Zum Spaß´, sagte er. Albert sagte: ´Pfui!´ Wie zu einem Hund, der an fremdem Auswurf schnuppert. Ich konnte ihn nicht zurechtweisen. Werther tat es und sagte, daß man die Ursachen und Zusammenhänge wissen muß, wenn man nicht albern im Urteil sein will, Diebstahl sei Laster, aber was, wenn einer stehle, sich und die anderen vom Hungertode zu erretten, wenn ein Mädchen sich in einer glücktaumeligen Stunde in den Freuden der Liebe verliere, wenn ein Ehemann verzweifelt über die Untreue seiner Frau, zuschlage, sogar die Gesetze, diese kaltblütigen Pedanten, würden Nachsicht zeigen, wenn Not, Leidenschaft, Trunkenheit, Wahnsinn war. Aber im gemeinen Leben sei es unerträglich, fast einem jeden bei einer halbwegs freien, edlen, unerwarteten Tat Nachrufen zu hören: der Mensch ist trunken. Der ist närrisch! Ich sah offenen Auges Blut an den Wänden eines Schweinestalls, ´Eine Kugel in den Kopf, ein Messer ins Blutgefäß ist nicht edel.´ Werther scheute sich nicht, zu sagen, daß er, wenn er tot sei, meine Mutter aufsuchen, sich bei ihr beklagen wolle; er sah mich an, wie jemand, der ihn verraten hat. Es reicht oft, daß ich nicht in den Regeln tanze, gesellschaftlich in seiner Situation zu sein. Ich hatte scheu behauptet, daß das ein üblicher Tanz ist und nannte einen französisch klingenden Namen; sie schwiegen, erkundigten sich und sagten, ich hätte gelogen. Ich sehe sie ratlos an. Ich merke täglich, wie töricht es ist, andere nach sich zu berechnen. Ich ließe gern die anderen ihres Pfades gehen, wenn sie mich nur auch könnten gehen lassen. Werther zeigte die Verzweiflung und Hoffnungen nahe dem Unsinn, einige entschuldigten es, weil er sich Künstler nennt und ein Mann ist, das heißt in einer Tradition. Andere entschuldigen es nicht. ´Sie wissen, die Gesellschaft ist unzufrieden mit Ihnen.´ - ´Ich wollte nicht bleiben´, sagte er. Die einen waren schadenfroh, die anderen sahen ihm bedauernd nach. Er bedrohte mich wiederum mit Erzählungen, daß der Knecht, der aus dem Haus geworfen war, den Knecht, den die Herrin sich als nächsten genommen hat, erschlagen hat. Werther habe den Amtsmann angefleht, dem Mörder die Flucht zu ermöglichen, Albert sagte: ´Will er einen Freischein, daß er mich erschlagen kann?´ Werther habe vor den anderen geweint. Er kam zu mir und sagte: ´Ich habe mir immer wieder gesagt, daß Albert ein braver Mann ist und dir gut tut. Ich kann nicht gerecht sein.´ Werther hat Angst, als Zeuge gegen den Knecht geladen zu werden, er dürfte nicht lügen und könnte nicht die Wahrheit gegen den Unglücklichen sagen, er sagte, er müßte fliehen. Ich trat ans Klavier, wollte ein Menuett spielen, mich aufzuheitern, es wollte nicht fließen. Ich reichte Werther die Gesänge Ossians, ihn abseits von mir zu binden, es war ein verführerischer Pathos drin, weil er laut las und betroffen, ´Sieh, der Mond erscheint, die Flut glänzt im Tale, die Felsen stehen grau den Hügel hinauf; aber ich sah ihn nicht auf der Höhe, seine Hunde verkündigen nicht seine Ankunft. Hier muß ich allein sitzen.´ Ich mußte weinen. Er sah es und hatte den Vorwand, mich zu trösten. Ich wandt mich aus seinen warmen, festen Armen. Ich bat ihn, weiterzulesen und sagte dann, daß es das letzte Mal sei, daß er mich gesehen haben kann. Er sah mich bestürzt, entsetzt an. ´Du bist wie ein Vampir, der mir die Kraft raubt. Ich kann nichts tun, als Sie zu bedauern. Ich glaube, es ist die Unmöglichkeit, mich zu besitzen, die mich so reizvoll für Sie macht.´ Er behauptete, daß sei Alberts Einwand. Aber Albert ist bereit, mich mit anderen hinzunehmen, Werther nicht. Er scheute sich nicht, mich sein eigen zu nennen. Albert hatte Nützliches zu tun, ich hatte mich um die Kinder zu kümmern, Werther die Langeweile, sich in seine Gefühle zu steigern. Die anderen jungen Männer vergnügen sich in Ritterspielen, geben sich fremdklingende Namen, bewegen sich öffentlich, nennen es geheim. Sie schreiben philosophische und mystische Traktate, ergötzen sich daran. Albert reagierte unwillig auf diesen Zeitvertreib, das heißt, er nahm sie ernst, Werther nannte das langweilig. Wir hätten ihn in Arbeiten zwingen müssen. Er hatte geglaubt, daß die, die mit all ihrer Schwachheit und Mühseligkeit nur gerade fortarbeiten, gar oft erleben, daß es die andern mit Schlendern und Lavieren weiter bringen als andere, die segeln und rudern. Das hatte er für sich erhofft. Ich schickte ihm Blumen. Albert war verbittert geworden, er wollte über ihn nicht mehr reden. Ich bat Werther, bis Weihnachten nicht zu kommen. Es war kein Gespräch mehr zwischen mir und ihm, als über uns. Ich ertrug das Theatralische nicht: ´Einer muß sich opfern. Ich für dich!´ Sagte er. Er hatte den Armen gegeben, wenn er Geld hatte, ich bat ihn, sie nicht zu vergessen; er hatte behauptet, Regeln würden das wahre Gefühl von Natur und den wahren Ausdruck, Genie zerstören, als ich sagte, er könnte riskieren, wenn er den Tod nicht fürchte, in der Gesellschaft für Freiheit, Gerechtigkeit zu kämpfen, grinste er, sagte: es wäre dumm, in Frage zu stellen, was uns nutze. Wenn alles gerecht verteilt sei, bliebe für niemanden genug, Zeit zum Müßiggang, Nachdenken haben zu können. Er wirkte wie ein Lebemann. Ich fühlte mich im Zwang, beständig auf ihn zu reagieren; es wurden wie Ausstülpungen in der Seele, sie schmerzten. Er sagte: ´Du glaubst, ich würde gehorchen und erst Weihnachtsabend dich wiedersehen.´ Ich glaubte nicht mehr, daß er mich liebt, weil er dann meine Wünsche respektiert hätte. Er schickte Tage später einen Burschen, bat um die Pistolen von Albert, er tat es nicht mündlich, sondern mittels eines Zettels, Albert hieß mich das Gewehr putzen. Ich weiß nicht, warum ich es tat. Ein Nachbar sah den Blitz von Pulver und hörte den Schuß; da danach alles still blieb, achtete er nicht weiter darauf. Werther hatte sich in den Kopf, nicht ins Herz oder den Bauch geschossen. Im Kopf ist der Feind, wenn ich harmonisch in der Welt leben will. Das Gehirn trat zwischen den Knochen heraus, er lebte noch. Albert nahm die Pistolen vom Fußboden und sagte: ´Er kann nicht einmal das.´ Ein Medikus ließ ihm zum Überfluß eine Ader im Arm, das Blut lief, er holte noch immer Atem. Ich fiel in Ohnmacht. Als ich erwachte, sah ich am Tisch, daß er Rotwein getrunken hatte, und ein melodramatisches Theaterstück, in dem die Tochter den Vater bittet, ihn zu töten, damit sie nicht verführt werden kann, einem Adeligen Hure zu werden, lag aufgeschlagen auf dem Tisch. Ich habe Werther gehaßt, aber auch Mitleid gehabt und mich und Albert gehaßt. Mir ist verständlich, daß man das Leben beenden darf. Wenn man das Leben nicht liebt, keine Angst vor dem Sterben hat, könnte man Großes leisten. Albert hatte ihm geraten, Feuerwehrmann zu werden oder einer, der Verbrecher jagt. Werther fühlte sich verhöhnt. Er bat meinen Vater in einem Zettelchen, seine Leiche zu schützen, es zeigte ihn kleinlich. Er wollte in seinen Kleidern begraben werden, man sollte seine Taschen nicht leeren. Es war die blaßrote Schleife drin, die ich trug, als er mich das erste Mal sah. Albert sagte, er habe gedacht, daß ich Werther nachsterben will. Er und die Kinder waren mir egal, es wurde ein Entsetzen darüber in mir, als krieche Kälte durch den Körper zum Herz. Ich reagierte heftig. Werther lag im blauen Frack, ledergelber Weste und Unterkleidern, er trug Stiefel mit braunen Stulpen. Sein Gesicht war nicht mehr, aber ich habe an der Hand gesehen, daß er es nicht gewesen sein kann, es fehlte ein Fleck. Ich weiß nicht, ob Werther gemordet hat.

Ich hätte ihn gern mit einer meiner Freundinnen verheiratet, ihn in meiner Nähe behalten zu können, er interessierte sich nicht für sie; es gab keine, der ich ihn gegönnt hätte, nicht wie er war, sondern wie ich ihn anfänglich erlebt hatte, ´er könnte wieder so werden´.

Ich vermute, er ist nach Amerika gegangen, auch wenn die Briefe, die er schrieb, hinterließ, Zweifeln machen. Er nannte sich Schriftsteller, er hätte über seinen Tod nicht schreiben können, das spricht dafür, daß er lebt. Meine Fantasie malt das Leben mit ihm schrecklich, weil sie die Sehnsucht in mir nicht will, ihm nachzugehn.

Junge Männer gehen auf die Bühne, zerreißen Fäden, an denen sie hängen, sowie ihre militärischen und bürokratischen Uniformen. Tollhauswärter mit Zwangsjacken treten auf.

Junge Männer: Freiheit!

Sie ziehen Pistolen, schießen sich in den Kopf.

Goethe geht zu Lotte, gibt ihr einen Kuß auf die Hand.

Goethe: Albern, das sind keine Männer.

Lotte: Darf ich lieben?

Napoleon: Das sind Männer! Ich kämpfe für sie. Freiheit!

Napoleon schießt ins Publikum.

Die toten, jungen Männer richten sich auf, ordnen ihre Anzüge, und gehen im Marschschritt von der Bühne.

Lotte: Es macht mein Herz tot, aus ihm fließen keine Entzückungen mehr, meine Augen sind trocken, und meine Sinne, die nicht mehr von erquickenden Tränen gelabt werden, ziehen ängstlich meine Stirn zusammen. Ich habe verloren, was meines Lebens war, die heilige, belebende Kraft, mit der ich Welten um mich schuf. Wenn ich zu meinem Fenster hinaus an den fernen Hügel sehe, wie die Morgensonne über ihn her den Nebel durchbricht und den stillen Wiesengrund bescheint und der sanfte Fluß zwischen seinen entblätterten Weiden zu mir herschlängelt, - o! wenn da diese herrliche Natur so starr vor mir steht wie ein lackiertes Bildchen und alle die Wonne keinen Tropfen Seligkeit aus meinem Herzen herauf in das Gehirn pumpen kann und das ganze menschliche Weib vor Gottes Angesicht steht wie ein versiegter Brunnen, wie ein verlechter Eimer. Ich habe mich auf den Boden geworfen und Gott um Tränen gebeten, wie eine Ackersfrau um Regen, wenn der Himmel ehern über uns ist und um uns die Erde verdurstet. Die Gefälligkeiten der Welt ersetzen nicht einen Augenblick Vergnügen an sich selbst. Ich halte mein Herz wie ein krankes Kind; jeder Wille wird ihm gestattet. Geheim; es gibt Leute, die mir das verübeln würden. Werther säuft vermutlich irgendwo. Er habe eine Frau kennengelernt, er habe so von mir geschwärmt, daß sie mir gut sein müsse. Er hat sich Trost gesucht oder den Gegenstand, an den er seine Gefühle hängen kann. Ich mag sie nicht treffen. Seine Verbindungen zu Tollhäuslern, Mördern waren ausgesucht vom Schicksal, um ein Herz wie das meinige zu ängstigen. Ich verbrenne seine Nachrichten. Ich habe Texte, Bücher, ich hoffe, sie helfen meiner Fantasie, zu wandern über die Heide, umsaust vom Sturmwinde, der in dampfenden Nebeln die Geister der Mütter im dämmernden Licht des Mondes hinführt. Ich bastelte mit den Kindern Drachen, sie stiegen, die Vögel umkreisten sie, ich wünschte, daß sie gegen sie kämpfen. Wo ist Werther? Das Gefühl hört nicht auf den Verstand,

ich kletterte gestern in ein Bachbett, sah nach unten, statt mich festzuklammern, gingen meine Hände, Beine in den Totstellreflex, ich kniff mich und redete auf mich ein, es half nichts, nur ein wunderlich aussehender Käfer konnte Angst ablenken, die mich fallenlassen wollte. Ich würde rasend werden, wenn er mich vergessen könnte. Er nannte mich Engel, das ist ein schönes Wort.

Das ist mein Mann.

Lotte zerrt hastig einen für zwei Personen gedeckten Tisch auf die Bühne, setzt sich hin.

Lotte: Ich habe das auch gehört, daß die Kindsmörderin verbrannt worden ist.

Die Mutter aus Pirandellos Theaterstück richtet sich an der Wand auf, lacht schrill und schlägt Lotte den Kopf ab.

Lottes Kopf: Mir?

 

 


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